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Machos auf dem Grill

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Von: Stefan Brändle

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Was haben der Grill, das Klima und die mitteleuropäische Gesellschaft gemein? Nun ja, es ist kompliziert ... oder nicht?
Was haben der Grill, das Klima und die mitteleuropäische Gesellschaft gemeinsam? Nun ja, es ist kompliziert ... oder nicht? © Bernd Weißbrod

Eine französische Grüne hebt zum Abgesang aufs Barbecue an – und wird selbst geröstet. Die Kolumne „Was soll das?“

Meine Herren, es ist Zeit“, sagt Sandrine Rousseau in Anlehnung an Rilkes bekanntes Gedicht. Der Sommer war lang und mächtig, aber jetzt ist es an der Zeit, die Barbecue-Geräte wegzuräumen. Und zwar nicht nur für die kalte Jahreszeit.

Rousseau, die bekannteste und umstrittenste Grünen-Politikerin Frankreichs, hat eine heftige Polemik losgetreten, indem sie das Grillen auf Holzkohle als klimafeindlichen Machobrauch brandmarkt. „Wir müssen die Mentalitäten ändern, damit ein Entrecôte auf dem Grill nicht länger als Symbol der Männlichkeit gilt“, sagte Rousseau bei einem Parteitreffen in Grenoble. Mit dem Zusatz, Grillen sei eine Gender-Frage, befeuerte die Ökofeministin das Klischee vom Mann als simplem Wesen, das sich in kurzen Hosen und Rauchschwaden an der Garwerdung blutiger Steaks auf dem Rost freut, während der Kotelett-Saft in den glühenden Holzkohlen zischt.

In der Folge ihres Kommentars bekam Rousseau Hunderte Fotos von Gartenpartys mitsamt Leckereien vom Grill zugeschickt, begleitet von Kommentaren, der Angriff auf die Männerzunft sei „grotesk“, ja feministischer „Wahn“. Sogar ein Verbündeter der Grünen, Kommunistenchef Fabien Roussel, ärgerte sich: „Man komme mir nicht mit dem Geschlecht des Schnitzels. Wer Fleisch isst, tut das je nachdem, was er in der Brieftasche hat, nicht, was er in seiner Unterhose hat.“

Aber Rousseau legte unbeeindruckt nach: Männer verspeisen nahezu zweimal mehr rotes Fleisch als Frauen, nämlich 61,2 Gramm gegenüber 34,1 Gramm. „Und das einzig wegen des symbolischen und kulturellen Wertes der Männlichkeit“, dozierte sie mit Verweis auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der schon 1979 schrieb: „Fleisch, der Inbegriff des nahrungsreichen und stärkenden Essens, voller Kraft, Blut und Gesundheit, ist schlechthin das Gericht des Mannes.“

Sandrine Rousseau rechnete ferner vor, dass Männer mit ihrer Ernährung 41 Prozent mehr CO2 als Frauen produzierten. Das habe sogar der Weltklimarat IPCC festgehalten. Grünenchef Julien Bayou eilte ihr zu Hilfe und erklärte, ein Fleischmenü habe einen stärkeren Effekt auf das Klima als pflanzliche Ernährung, und der Gender-Graben sei unbestreitbar, da Männer bedeutend mehr Fleisch- und noch mehr Wurstwaren konsumierten als Frauen.

Nur vom „barbec“, wie das Barbecue in Frankreich genannt wird, spricht Sandrine Rousseau nicht mehr. Sie hat gemerkt, dass sie bei eingefleischten Grillfans eine überaus empfindliche, wenn nicht gar atavistische Stelle getroffen hat. Andererseits: Im Winter ruht die Diskussion, die meisten Roste werden zugedeckt. Und frei nach Rilke darf Sandrine Rousseau nun hoffen: Wer jetzt noch keinen Grill hat, wird vielleicht keinen mehr kaufen.

Mehr Informationen finden Sie unter www.fr-online.de

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