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„Wir müssen uns bewusst machen, dass wir auf Kosten Anderer leben“, sagt Clara Louise.

Clara Louise

Lyrikerin Clara Louise: „Dass ich mich so entblöße, könnte der Grund sein“

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Clara Louise ist Lyrik-Bestsellerin bei Amazon, 160.000 Fans folgen ihr auf Instagram, einige lassen sich ihre Zeilen tätowieren. Ein Gespräch mit der 26-jährigen Singer-Songwriterin über ihre Texte.

Clara Louise, 26 Jahre alt, ist Singer-Songwriterin und Lyrikerin. Sie veröffentlicht ihre Musik und ihre Gedichte selbst, ihrem Instagram-Account @missclaralouise folgen 160.000 Fans. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Koblenz. Mit 16 Jahren beendete sie die Schule und zog nach Salzburg. Ihr zweiter Gedichtband „Zurück zum alten Kirschbaum“ erscheint am 9. September. Das dritte Musikalbum „Wenn man nichts mehr vermisst“ erschien im Januar 2019. Clara Louise spielt in Frankfurt am 15. Oktober: Das Bett, Schmidtstraße 12. Beginn ist um 20 Uhr.

Clara Louise, sehen Sie sich selbst als „Dichterin“?
Ich versuche, mich an den Begriff zu gewöhnen. Selbst würde ich mich eher als „Künstlerin“ sehen, die verschiedene Sachen macht. Für eine „Dichterin“ sind meine Texte zu spontan entstanden. Ich schreibe schon seit ich 13 bin nur für mich – eine Art Tagebuch – und habe das deswegen nie besonders bezeichnet.

„Die Songtexte sind klarer, direkter, weniger Metaphern“

Was macht ein gutes Gedicht aus?
Ob es gut ist oder nicht, das ist ein Bauchgefühl. Wenn ich ein Gedicht schreibe, formuliere ich einen Gedankengang so, dass man ihn sich bildlich vorstellen kann. Ich versuche das Bild, das ich im Kopf habe, in Worten auszudrücken: ein Text, der für sich steht, so dass man nichts anderes mehr braucht. Die Songtexte dagegen sind klarer, direkter, weniger Metaphern.

Sie sprechen Menschen an, die kaum Bezug zu Lyrik haben. Warum sind Ihre Texte erfolgreich?
Warum die Texte so gut ankommen, habe ich mich auch schon oft gefragt. Vermutlich liegt es genau daran, dass ich die Texte nie geschrieben habe, um sie zu Veröffentlichen und sie deswegen sehr authentisch sind, sehr privat und ehrlich. Ich hatte am Anfang große Sorgen, mich so zu öffnen und mich so verletzlich zu machen. Doch gerade, dass ich mich da so entblöße, könnte der Grund sein.

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Fans lassen sich Ihre Zeilen tätowieren, offenbar berührt es sie.
Das ist für mich irgendwie surreal. Viele Leute schreiben mir, dass sie genau so empfinden, wie ich das sage, es aber selbst nie so aussprechen könnten, weil sie sich schämen. Auch, dass sie sich nun mit diesen Dingen nicht mehr allein fühlen. Sie stecken in Krisen, sind krank oder in Psychiatrien, haben jemanden verloren oder einfach nur schlimmen Stress. Es sind Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen, die sich bei mir bedanken, dass sie durch mich wieder mehr Hoffnung haben. Das ist auch das Allerschönste an der ganzen Sache.

„Songwriter wie Bob Dylan oder Herbert Grönemeyer

Wo begegnen Ihnen Ihre Themen?
Im neuen Buch habe ich zwei Gedichte geschrieben zu Geschichten, die mir bei Instagram als Nachrichten geschickt wurden. Eine Frau hat ihr Baby verloren, bevor es auf die Welt kam. Das andere war eine Geschichte über einseitige Liebe. Ansonsten schreibe ich aber immer über meine eigenen Gedanken. Irgendwann im Laufe des Tages fällt mir etwas ein, ich hab immer irgendwas zum Aufschreiben dabei.

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Wenn die Texte so momenthaft und persönlich entstehen, ist eine politische oder gesellschaftliche Aussage trotzdem bedeutend?
Genau, denn man vertritt ja auch eine persönliche Meinung. Im neuen Buch habe ich etwa einen Text, der sich mit der Frage beschäftigt, ob der Mensch überhaupt für „Luxusprobleme“ gemacht ist, zumal es uns in der westlichen Gesellschaft sehr gut geht. Ich frage mich, ob der Mensch nicht zu sehr von seinen Ursprüngen abgedriftet ist und als Tier für diese Art von Welt eigentlich nicht gemacht ist. Das frage ich mich oft. Wir müssen uns wieder bewusst machen, dass wir auf Kosten anderer leben. Dieses Bewusstsein sollte breiter nach außen getragen werden. Aber ich bin da eigentlich ganz zart und sanft, ich will niemandem etwas aufzwingen. Aber ich denke, es ist gut, eigene Erkenntnisse und Gedanken auszusprechen, dann kann jeder selbst damit machen, was er möchte. So ist das auch bei Songwritern wie Bob Dylan oder Herbert Grönemeyer, die haben sich ja auch oft politisch geäußert oder tun das noch.

“Viele Singer-Songwriter, auch Cat Stevens, Tracy Chapman“

Sind das für Sie auch Vorbilder?
Bob Dylan auf jeden Fall. Ich höre wahnsinnig viel Singer-Songwriter, auch Cat Stevens, ältere Sachen, Tracy Chapman. Mich inspirieren Leute, die gerne ihre Geschichten erzählen. Die Suche nach lyrischen Vorbildern ist schwieriger, ich selbst lese gar nicht so viel Poesie. Aber Mascha Kaléko mag ich gern.

Wie wichtig ist Erfolg?
Das ist eine Definitionsfrage, was man unter Erfolg versteht. An oberster Stelle steht für mich, dass ich die Kunst machen darf, die ich machen möchte. Das hab ich mir hart erkämpft, ich hab früher mit Plattenfirmen gearbeitet, die darauf bestanden haben, dass ich Dinge anders mache. Da fühlt man sich klein und denkt, man muss auf jene hören, der schon lange in der Industrie ist. Aber ich habe gelernt, wie wichtig es für mich ist, mich durchzusetzen und so zu sein, wie ich will, auch wenn das sehr anstrengend war. Dass ich jetzt davon leben kann, das ist für mich ein Riesenerfolg. Und ja, der größte Erfolg ist, dass ich so viel Liebe zurück bekomme von den Leuten. Das klingt total schleimig, aber ich meine das ganz ernst. Damit hab ich nicht gerechnet, das ist einfach so passiert. Ich bin niemand, der nach großem finanziellen Reichtum strebt, das interessiert mich nicht. Dass ich aber jetzt zum Beispiel meine erste eigene Tour in Deutschland machen kann, wovon ich lange geträumt habe, das ist für mich persönlich ein großer Erfolg.

Das Konzert in Frankfurt wird die bisher größte Location …
Genau, da bin ich wirklich gespannt, die kleineren Locations sind inzwischen ausverkauft. Und in Frankfurt hab ich dieses Jahr schon gespielt, mit Glashaus zusammen, deswegen hoffe ich, dass da nochmal Leute kommen. Bei dieser Tour werde ich auch zum ersten Mal Gedichte lesen und schauen, wie das ankommt.

Abfällige Kommentare über „Instagram-Lyrik“

Es gibt diesen Begriff „Instagram-Lyrik“. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich glaube, das darf man nicht so streng sehen. Entweder es gefällt den Leuten oder es gefällt ihnen nicht. Wie sie das bezeichnen möchten, ist mir egal. Klar veröffentliche ich auf Instagram meist nur ein oder zwei Zeilen aus Gedichten, weil die Leute sich dort einfach nicht so viel Zeit nehmen. So mache ich darauf aufmerksam und wer mehr lesen möchte, muss sich schon das Buch anschauen. Da mag jemand abfällig sagen, das sei „Instagram-Lyrik“, aber ich glaube, das ist reine Geschmackssache. Ich glaube sogar, dass Lyrik gerade durch Instagram momentan wieder total gehypt wird. Damals in der Schule habe ich sehr wenig Lyrik gelesen, erst recht keine moderne, deswegen haben viele junge Menschen auch keinen Zugang mehr dazu. Und zum Glück bin ich nicht oder nicht mehr so anfällig für – ich nenne es mal „Internethaterei“. Ich nehme Kritik nicht mehr so persönlich wie früher, als ich mit der Musik angefangen habe.

Was sagen Sie zu jemandem, der Ihre Arbeit „kitschig“ nennt?
Ich denke da nicht viel drüber nach. Vielleicht eher in der Musik, da versuche ich, nicht kitschig zu werden. Aber bei den Gedichten nicht. Im Gegenteil: Was ich wirklich schlimm finde in unserer Gesellschaft, ist, dass wir uns gegenseitig angreifen, nur weil jemand sensibel oder naiv ist, freundlich oder fröhlich. Das wird oft als Schwäche angesehen und ich versuche eher, meine Sanftmütigkeit nach außen zu tragen und zu ihr zu stehen. Das ist alles Geschmackssache und alles hat seine Berechtigung. Wenn meine Texte jemanden berühren, dann sind sie gut so, wie sie sind. Und Romantik ist ja auch einfach total schön, von mir aus kann das jemand als Kitsch bezeichnen, aber in Wahrheit glaube ich, dass wir uns alle nach Liebe und Romantik sehnen.

Interview: Sabrina Butz

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