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Barock trifft Ostblock-Optik: Um die Gestaltung der Altstadt in Potsdam wird schon lange gestritten.

Potsdam

Luftschlösser und die Moderne

Erneut ist in Potsdam der Streit entfacht, wie die historische Altstadt einmal aussehen soll. Ein Bürgerbegehren soll Häuser aus der DDR-Zeit retten – im Mittelpunkt steht das Hotel Mercure.

Von Thomas Leinkauf

Steht man im Hof des Stadtschlosses und schaut in den Himmel, lugt, wie der Kopf eines steinernen Riesen, ein Stück Beton über die Mauern: „Hotel Mercure“ steht auf seiner Stirnseite – 17 Stockwerke, das einstige DDR-Interhotel, das seit 1969 im ehemaligen Lustgarten der Schlossanlage steht. Auf der anderen Straßenseite das Schloss, in der Knobelsdorff’schen Optik wieder aufgebaut, Reverenz an die Potsdamer Tradition und Geschichte, seit 2005 Sitz des Brandenburger Landtags. Barockschloss und Hotel, Tradition und sozialistische Moderne, verträgt sich das an diesem Platz? Schon lange wird in der Stadt darüber gestritten und der Konflikt ist wieder heftig aufgeflammt.

André Tomczak ist daran nicht ganz unbeteiligt. Der 31-Jährige steht in ausgewaschenen Jeans und Lederjacke, einen Motorradhelm unterm Arm, vor dem Eingang zum Schlosshof, in seinem Rücken liegt das alte Gebäude der Fachhochschule, ein langgezogener, ziemlich heruntergekommener Stahlbetonklotz, 1977 quer über den alten Stadtgrundriss gebaut, noch so ein Stück Ostmoderne, das in den nächsten ein, zwei Jahren verschwinden soll. Seit 2009 lebt Tomczak in Potsdam, bis vor drei Jahren hat er an der Technischen Universität Berlin Architektur und Stadtbaugeschichte studiert. Zurzeit verdient er sich seinen Lebensunterhalt als Stadtführer, engagiert sich im Organisationsteam der Kulturlobby, einem Netzwerk von Potsdamer Kreativen und Musikern mit Sitz im ehemaligen Rechenzentrum ganz in der Nähe. Auch dieser Plattenbau mit seinem Kosmonautenfries rund um das Erdgeschoss hätte längst abgerissen werden sollen. 2015 besann sich die Stadt eines Besseren und bot jungen Kreativen Büroräume für zunächst drei Jahre zum Betriebskostenpreis an.

Tomczak will, dass das Rechenzentrum auf jeden Fall dauerhaft erhalten bleibt, auch wenn unmittelbar daneben der Turm der Garnisonkirche wieder aufgebaut werden sollte. Seit 1990 gehe die Entwicklung der Potsdamer Innenstadt kontinuierlich in Richtung Vergangenheit, sagt Tomczak, scheinbar alternativlos. Damals beschlossen die Stadtverordneten eine „behutsame Wiederannäherung“ an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild. Aber längst hätte sich diese – an sich gute – Idee zu „einer umfassenden Abrechnung mit der jüngeren Stadtgeschichte und ihren Zeitzeugen entwickelt“.

André Tomczak ist Sprecher der Bürgerinitiative „Potsdamer Mitte neu denken“, die es seit 2015 gibt. Diese versteht sich als eine Art Gegenstimme zur Bürgerinitiative „Mitteschön“, die sich für den historischen Stadtgrundriss stark macht, den Schlossbau vorantrieb, den Wiederaufbau der Garnisonkirche befürwortet, den Lustgarten ohne Hotel will und dafür ist, dort, wo jetzt noch die Fachhochschule steht, Grundstücke zu privatisieren und Bürgerhäuser zu bauen. Tomczak nennt das rückwärtsgewandt. „Wir wollen letztlich den Nachweis erbringen, dass der behutsame Teil der Annäherung an das Historische abgeschlossen ist. Alles, was jetzt noch an Abriss kommt, bedeutet Kahlschlagsanierung.“ Das sei für viele junge Leute nicht die Vorstellung von ihrer zukünftigen Stadt.

Potsdam solle eine Stadt sein, die zu ihrer Geschichte steht, aber alle Epochen, die sie städtebaulich geprägt haben, einbezieht und weiterdenkt. „Wir fordern ein Moratorium für den Bereich vom Alten Markt bis zur Garnisonkirche“, sagt Tomczak. „Keine weiteren Abrisse, keine historisierenden Neubauten, sondern erst eine neue Diskussion über bestehende Gebäude und deren Nutzung.“ Entwicklungen offen halten, nennt er das.

Und dann erzählt er doch, was ihm vorschwebt. Ein Haus der Zukunft in dem dreigegliederten Gebäude der Fachhochschule, von dessen „vertikalen Linien und spannungsreichen Bezügen zur Umgebung“ er schwärmt. Ein Transferzentrum aller brandenburgischen Hochschulen, ein Gründungs- und Innovationszentrum und im Gebäudeteil direkt am Alten Markt ein Kongresszentrum.

Gerade ist Tomczak vom Hotel Mercure zur Fachhochschule herübergekommen, er hat ein paar Listen mit Unterschriften abgeholt, die er dort ausgelegt hat. Er ist zufrieden. 6150 Unterschriften sind nach 18 Tagen zusammengekommen. Anfang April hatte die Initiative zu einem Bürgerbegehren aufgerufen. Der Inhalt lautet in etwa so: Die Stadt Potsdam soll keine kommunalen Grundstücke rund um das Schloss verkaufen. Und sie soll für den Abriss von Gebäuden wie Mercure und Fachhochschule kein Geld ausgeben. 13 000 Unterzeichner sind nötig, damit sich die Stadtverordneten mit dem Bürgerbegehren beschäftigen müssen. Ist zu schaffen, sagt Tomczak.

Das Hotel Mercure ist inzwischen zu einer Art Symbol für den Streit um Tradition und Moderne in Potsdam geworden. Es geht dabei um ästhetische Fragen, Sichtachsen und alte Stadtgrundrisse. Aber es geht auch um mehr. Einerseits steckt in der Liebe vieler Alt- und Neupotsdamer zur alten barocken Stadtstruktur mit ihren Gebäuden und Parks eine authentische Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Zeit, nach Harmonie, die durch historische Ereignisse wie den Krieg auf traumatische Art verloren gegangen ist. Das ist verbunden mit Misstrauen gegenüber moderner, noch dazu in einer Diktatur entstandenen Architektur.

Auf der anderen Seite kann auch ein modernes Hotel aus DDR-Zeiten, über dessen architektonische Qualität man streiten kann, durchaus identitätsstiftend sein. Viele Potsdamer hingen an dem Gebäude, weil es ein Zeichen für den Wiederaufbau des Stadtzentrums gewesen sei, sagte Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) Anfang des Jahres. Das Hotel mit seinem Restaurant sei für viele Menschen ein beliebter Ort für Familienfeiern geworden, mit gepflegter Gaststättenkultur. Bei den Abrissplänen schwinge eine „Verachtung gegenüber den DDR-Plattenbauten mit“ und die Bürger hätten den Eindruck, dass mit dem Abriss gute Erinnerungen an die DDR-Zeit ausgemerzt werden sollen.

Schon einmal sollte das Hotel abgerissen werden. Als der milliardenschwere Unternehmer und Mäzen Hasso Plattner im Frühjahr 2012 ankündigte, er wolle eine Kunsthalle in Potsdam bauen, war als Standort das Gelände des Hotels im Gespräch. Die Mehrheit im Stadtparlament freute das und sie teilte mit, dass man die Chance ergreifen sollte, „dieses jede Maßstäblichkeit sprengende Gebäude abzutragen oder umzubauen, um damit Sichtbeziehungen und Proportionen in der Mitte wieder herzustellen.“ Plattner käme da gerade recht, er würde ja die rund 20 Millionen Euro für Erwerb und Abriss aufbringen, die die Stadtkasse nicht erlaube. Doch es gab viel Gegenwind aus Potsdams Öffentlichkeit. Plattner verzichtete und ließ sich auch von einer Bürgerinitiative, zu der Prominente wie Moderator Günther Jauch, Schauspielerin Nadja Uhl und Designer Wolfgang Joop gehören, am Ende nicht umstimmen. Demnächst kommt seine Sammlung in den Palast Barberini am Alten Markt.

Im Rathaus hält man auch ohne Plattner an den Lustgarten-Plänen fest. Eine Grünfläche soll entstehen, die bereits einen symbolschweren Namen hat – Wiese des Volkes. Es gibt ein Werkstattverfahren, in dem bis zum Sommer 2014 von einem Gutachtergremium ausgewählten Teams ihre Vision vom Lustgarten aufs Papier bringen. Potsdamer Bürger sagen in öffentlichen Veranstaltungen ihre Meinung zu den Entwürfen. Am Ende werden sieben ausgewählt. Das Hotel ist auf keinem der Entwürfe mehr an seinem Platz. Potsdams Linke kritisieren das Werkstattverfahren als intransparent und fordern im Juni 2015 ein Referendum zum Lustgarten. Die Rathauskoalition lehnt das ab. Der Direktor des von Privatinvestoren betriebenen Hotels meldet sich zu Wort: Die ständigen Ankündigungen der Stadt, das Haus kaufen und anschließend abreißen zu wollen, seien „in höchstem Maße geschäftsschädigend.“ Manfred Stolpe rät, die Stadt zu verklagen.

Ludger Brands befasst sich seit fast 20 Jahren mit der Frage, wie Potsdam künftig aussehen soll. Der 59-jährige Professor stammt aus Münster und lehrt an der Fachhochschule Potsdam Architektur. Jetzt steht er, schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe, im schmalen Dachgeschoss seiner Doppelhaushälfte in Neu Fahrland vor einer Karte, auf der der neueste Entwurf zu sehen ist, den er mit zwei Kollegen von der Fachhochschule für die Innenstadt entworfen hat. Das Dilemma der Moderne, sagt er, sei, nur einzelne, autonome Gebäude gedacht zu haben, nicht aber ganze Stadträume, Stadtzusammenhänge. Nicht der Krieg, sondern diese Autonomie habe letztlich unsere Städte kaputtgemacht. So sei das auch in der Potsdamer Altstadt. Der Stahlbetonbrocken der Fachhochschule oder auch das Hotel seien solche autonomen Gebäude, einfach hingeklotzt, überdimensioniert und ohne Bezug zum Grundriss der Stadt. Geschichtsschreibung, sagt er, beziehe sich doch nicht auf 40 Jahre. Selbst der preußische Architekt und Stadtplaner Karl Friedrich Schinkel habe Häuser wieder abgerissen.

Die Bürgerinitiative, die die DDR-Bauten erhalten will, sei von den Linken gesteuert, sagt Brands. Leute wie Tomczak hätten erst das Rechenzentrum okkupiert und wollten die ganze Potsdamer Mitte für ihre Zwecke besetzen. „Ganz abgesehen davon, dass in den Sternen steht, wer deren Pläne finanzieren soll.“ Man könne doch niemanden zwingen, etwas in der maroden Fachhochschule zu versenken, wenn er das nicht will. Brands spricht von ideologischen Antrieben, Oberflächlichkeit und falschen Behauptungen in der Debatte. Vieles von dem, was zu DDR-Zeiten in Potsdam gebaut wurde, bleibe ja stehen. Dafür muss er sich in Diskussionen schon mal anhören, dass er ein Barockfaschist sei. Und stur an seinen Plänen festhalte, weil er als Architekt absahnen wolle.

Auf Brands Karte gibt es den alten Lustgarten wieder, den ältesten Garten Potsdams. Schloss und Garten seien seit Jahrhunderten Komplementäre, sagt er, mit vielfältigen Beziehungen zueinander. Das Hotel hat er ausradiert. Und dort, wo jetzt noch die Fachhochschule quer über dem alten Stadtgrundriss steht, sieht man Bürgerhäuser mit Wohnungen, Büros, Geschäften, Restaurants. „Nur so entsteht ein lebendiges Zentrum am Alten Markt“, erläutert Brands, „so, wie es vor dem Krieg einmal war.“ Acht Prozent seien „Leitbauten“ mit Fassaden nach den alten Vorbildern, 92 Prozent moderne Architektur. „Je mehr Bauherren“, sagt Brands, „desto besser“. Und ob man dort auch sozialverträglich wohnen kann, das „hat doch die Stadt selbst in der Hand.“

Bis jetzt sah es so aus, als hätten sich Brands und seine Architektenkollegen, die Leute von der Initiative „Mitteschön“ und ihre Vertreter im Stadtparlament mit ihren Vorstellungen von Potsdams Altstadt durchgesetzt. Spektakulär sind ihre architektonischen Ideen nicht, eher naheliegend, konventionell, konservativ, viel Besinnung auf Geschichte steckt in ihnen. Und eigentlich ist nachvollziehbar, dass junge Leute darin nicht gerade ihre Zukunftsstadt sehen. Andererseits müssen die mit dem Dilemma leben, dass sie ausgerechnet in der bedeutungsschweren Potsdamer alten Mitte auf Gebäude setzen, die wenig einnehmend sind. Belanglose Funktionsklötze, schrieb ein Potsdamer in einem Forum. Mit der stadthistorischen Relevanz einer beliebigen HO-Kaufhalle.

Es ist nicht ganz auszuschließen, dass sie dennoch bleiben. Kommen die nötigen 13 000 Stimmen im Bürgerbegehren zusammen, muss die Stadtverordnetenversammlung erneut entscheiden. Sagt sie Nein zu dem Bürgerbegehren, kommt es zu einem Bürgerentscheid. Wenn dann 25 Prozent der Wahlberechtigten dem Begehren zustimmen, ist es rechtsverbindlich. „Stellen Sie sich das mal vor, 25 Prozent der Bürger entscheiden, wie in den nächsten Jahrhunderten unsere Stadt aussieht“, sagt Ludger Brands. „Das müsste man doch eigentlich handhaben wie bei jeder Wahl.“

André Tomczak will, wenn die Sache mit dem Bürgerentscheid durch ist, promovieren. Thema: Potsdams Stadtentwicklung in den letzten 70 Jahren. Ludger Brands kann sich vorstellen, eines der Häuser im neuen Stadtquartier am Alten Markt zu entwerfen. Aber so weit ist es noch nicht.

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