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So sieht der Idealfall aus: Der Lawinenairbag sorgt dafür, dass die Person auf dem Schnee liegt.

Lawinen

Das Luftrettungsprinzip - Wie ein Rucksack beim Überleben in der Lawine helfen kann

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Im neuen Jahr gab es bereits Tote bei Lawinenabgängen. In Lech haben jüngst Experten darüber diskutiert, ob Lawinenairbags Leben retten – oder ihre Träger nicht sogar risikofreudiger machen.

Dichtes Schneetreiben in Lech – wie im Januar 2019, als vier Deutsche in den Bergen oberhalb des österreichischen Skiorts abseits der Piste ums Leben kamen. Jüngst trafen sich Schneeforscher und Bergführer zur „Snow und Safety Conference“ (SSC), einer jährlichen Tagung, bei der Wissenschaftler und Praktiker darüber beraten, wie Lawinenunfälle vermieden werden können. Wie in vielen Skigebieten der Alpen ist das Fahren abseits der Piste in Lech nicht verpönt, sondern Breitensport und Wirtschaftsfaktor.

Der tödliche Unfall der vier Männer aus Schwaben war das Thema, das auf der SSC immer wieder behandelt wurde – insbesondere: Warum haben die Airbag-rucksäcke, den die Verunfallten allesamt trugen, diese nicht vor dem Lawinentod bewahrt?

Lawinenairbag im Rucksack

Der Lawinenairbag ist in einem Rucksack verstaut, den Wintersportler mit sich führen. Anders als der Airbag im Auto muss er vom Benutzer durch Ziehen an einem Griff selbst ausgelöst werden. Je nach System werden durch Explosion oder durch mechanische Wirkung Druckluftbehälter angestochen, die Luftsäcke füllen oder diese werden durch einen Elektromotor aufgeblasen.

Jan-Thomas Fischer, Leiter der Abteilung Schnee und Lawine des österreichischen Bundesforschungszentrums für Wald (BFW), erklärt das Funktionsprinzip des Airbags. Es beruhe auf dem Phänomen der inversen Segregation, auch Paranusseffekt genannt. „Jeder kennt es aus der Müslipackung – größere Teile landen bei Bewegung oben“, sagt Fischer. „Der Airbag vergrößert die Oberfläche des Wintersportlers und erhöht deshalb die Wahrscheinlichkeit, dass dieser oben landet.“

Der Erfolg hängt von der Lawine ab

Was die Airbags bringen, hat der Schweizer Pascal Hägeli, der an der Simon Fraser University in Vancouver zum Thema Lawinenrisiko forscht, untersucht. Zunächst fand er heraus, dass jeder fünfte Airbagbesitzer, diesen gar nicht auslöste, wenn er in eine Lawine kam. Vor allem Freizeitsportler schafften es oft nicht, den Griff zu ziehen. Bergführer dagegen lösen im Notfall meistens den Airbag aus, die Verunglückten vom vergangenen Jahr schafften dies auch. Das Fazit der Wissenschaftler: Man sollte den Gebrauch üben, möglichst in Skikleidung mit Handschuhen. „Nur dann schafft man es, in der Stresssituation, den Airbag zu ziehen.“

Von der Wirksamkeit des Luftkissens ist die Forschung überzeugt. „Der Airbag ist der einzige Ausrüstungsgegenstand, der verhindern kann, dass man verschüttet wird, wenn man in eine Lawine kommt“, sagt Hägeli. „Deshalb hat er enormes Potenzial, Leben zu retten.“ Hägeli untersuchte 61 Lawinenunglücke, bei denen einige der involvierten Personen Airbags und andere kein solches Sicherheitsequipment trugen. Ergebnis: Der Lawinenairbag halbierte die Sterblichkeit, die Überlebensrate stieg von 78 auf 89 Prozent bei ausgelöstem Airbag.

Airbag hilft bei Lawinenabgang

„Der Airbag hilft aber nur in bestimmtem Gelände“, sagt Jan-Thomas Fischer. Er funktioniere nur, solange das Lawinenopfer sich in einer bewegenden Lawine befinde. Anders gesagt: Der Airbag hilft vor allem, wenn ein Hang flach ausläuft und man sich mit der Lawine mitbewegt. Wie das aussehen kann, zeigt ein Video des spanischen Profi-Freeriders Aymar Navarro von 2013, der bei Dreharbeiten für einen Werbeclip in eine Lawine kam – als diese in relativ flachem Gelände zum Stehen kommt, liegt Navarro auf den roten Luftsäcken, kaum verschüttet auf den Schneemassen.

„Wenn eine Lawine aber von einem Hang oberhalb auf einen Wintersportler niedergeht, wird sie diesen trotz Airbags eher mit Schnee zudecken, denn der Wintersportler bewegt sich nicht mit“, sagt Benjamin Zweifel vom Institut für Schnee und Lawinenforschung in Davos, der zum Thema forscht. Auch Mulden sind gefährlich. „Wenn man in solchen Geländefallen zu liegen kommt und der Schnee von oben immer weiter auf einen drauf geschoben wird, verhindert der Airbag eine Verschüttung nicht“, sagt Hägeli.

Bei dem Unglück im Januar 2019 in Lech war genau das der Fall – der Hang, in dem die Skifahrer verunglückten, endet in einem Bachbett. Der Chef der Pistenrettung in Lech, Toni Wilhelm, der mit der Polizei am Unfallort war, sagt: „Der Schnee türmte sich im Tal meterhoch auf den Verschütteten.“ Außerdem sind Lawinen nicht die einzige Gefahr für Skifahrer, die im freien Gelände unterwegs sind. „Viele Wintersportler, die von Lawinen erfasst werden, sterben an Verletzungen durch Felsen, Bäume oder Abstürzen über Klippen“, sagt SLF-Forscher Zweifel. „Auch davor kann ein Airbag nicht schützen.“

Lawinenabgang: Felsen und andere Gefahren

Alexander Prokop von der Uni Wien zeigte auf der Tagung in Lech ein Geländemodell von dem Hang, an dessen Fuß die Toten gefunden wurden – er ist sehr steil und mit Felsklippen durchsetzt, über die die Skifahrer abstürzten. „Die Unfallopfer haben eine gesperrte Piste genutzt und sind dann bei erheblicher Lawinengefahr in Hänge von 35 bis über 40 Grad Neigung oberhalb von Klippen eingefahren“, fasst Prokop zusammen, was die vier Männer aus Biberach falsch gemacht haben.

Bleibt die Frage: Macht der Airbagrucksack Wintersportler leichtsinniger? Zwei Studien kommen zu gegenteiligen Ergebnissen. „Aber es ist wichtig, dass sich Benutzer von Airbags bewusst sind, dass sie möglicherweise durch ihren Rucksack mehr riskieren“, sagt Pascal Hägeli. Und Jan-Thomas Fischers Vortrag in Lech endete mit einer Fotomontage – ein Gehirn inmitten eines aufgeblasenen Airbags. Dieser kann nicht den Verstand ersetzen, bedeutet dies.

„Viel wichtiger als der Airbag ist für Wintersportler, die sich abseits der Piste bewegen, eine gute Vorbereitung“, sagt auch Benjamin Zweifel. „Wer die Lawine durch eine richtige Beurteilung eines Hangs vermeidet, fährt immer noch am sichersten.“

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