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Zur Einweihung 1899 kamen Berichten zufolge Bildhauer Herter und tausende Schaulustige.

New York

Die Loreley in der Bronx

Nachdem die Heimatstadt des Dichters das Denkmal ablehnte, steht ein Brunnen, der an Heinrich Heine erinnert, seit 120 Jahren in New York. Ein skurriles Kapitel deutsch-amerikanischer Geschichte.

Die marmorne Schönheit flicht ihr Haar und glitzert in der Sonne. In den Wasserbecken zu ihren Füßen baden Spatzen. „Hach, in diesen Wasserbecken habe ich früher im Sommer auch immer gespielt“, sagt eine ältere Frau, die im Schatten auf einer Parkbank sitzt. „Das gehört zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.“ Die Schönheit ist die Loreley, der knapp sechs Meter hohe Brunnen. Er steht mitten in der New Yorker Bronx, ein Denkmal für den deutschen Dichter Heinrich Heine (1797-1856), der einst das „Lied von der Loreley“ über die Sage schrieb. „Ach, wirklich?“, sagt die Frau. „Das wusste ich gar nicht. Für mich steht der Brunnen immer nur für die Erinnerung an meine Kindheit und meine Mutter.“

Die Loreley, umgeben von drei Nixen und einem Relief von Heine, steht an diesem Montag seit genau 120 Jahren an diesem Ort – zwischen dem Baseball-Stadion der berühmten Yankees und einem großen Gerichtsgebäude. Wie diese wohl deutscheste aller deutschen Sagenfiguren ausgerechnet in die New Yorker Bronx kam, ist ebenfalls eine sehr deutsche Geschichte: In Auftrag gegeben hatte das Denkmal einst in den 1880er Jahren Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn - oft Sissi genannt. Sie verehrte Heine und beauftragte den Bildhauer Ernst Herter mit einem Brunnen zu Ehren des Dichters – für Heines Geburtsstadt Düsseldorf.

Doch viele Düsseldorfer wollten den Brunnen nicht. Nationalistische und antisemitische Stimmen wurden laut, die Heine aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner offen kritisch-liberalen Haltung kein Denkmal in seiner Heimatstadt setzen wollten. Schließlich sprang Sissi von dem Projekt wieder ab und auch der Düsseldorfer Stadtrat winkte ab. Bildhauer Herter allerdings sammelte Spenden und stellte den Brunnen fertig. Einige andere deutsche Städte meldeten Interesse an, aber die Pläne scheiterten.

Dann kam eine Anfrage aus New York. Einige ausgewanderte Deutsche, liberale Heine-Fans wie der frühere US-Innenminister Carl Schurz, hatten von dem Streit um das Denkmal gehört und wollten es nun in ihre Stadt holen – mit Erfolg. Zwar klappte es nicht mit der ursprünglich gewünschten Aufstellung im Central Park, aber für die Bronx gab die New Yorker Stadtverwaltung grünes Licht. Zur offiziellen Einweihung kamen im Juli 1899 damaligen Zeitungsberichten zufolge Bildhauer Herter und tausende Schaulustige.

Inzwischen ist der Joyce-Kilmer-Park, an dessen Südende das Denkmal steht, eine saubere und friedliche Grünanlage: Menschen ruhen sich auf Bänken aus, picknicken auf Wiesen oder führen ihre Hunde an der Leine, Kinder toben über einen Spielplatz. Nur Grillen ist verboten, wie ein Schild am Zaun um das Denkmal herum deutlich macht.

Allerdings war der Park nicht immer so einladend. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Kriminalitätsrate in jener Gegend teils extrem hoch, wie auch der Schriftsteller Tom Wolfe in seinem Bestseller „Fegefeuer der Eitelkeiten“ beschrieb. Eine der Hauptfiguren arbeitet in dem Gericht an dem Park und traut sich noch nicht einmal in der Mittagspause zum Essen aus dem Gebäude hinaus.

Der „Heinrich Heine Fountain“ wurde vor allem in den 70er und 80er Jahren immer wieder mit Graffiti beschmiert, den Figuren wurden die Köpfe und Arme abgeschlagen. „Der weiße Marmor ist so verfallen, dass er aussieht wie ein dreckiger Schwamm“, schrieb die „New York Times“ 1997. „Die trockenen Wasserbecken enthalten nur noch leere Limonadenflaschen.“

Mit Spenden wurde der Brunnen aufwendig restauriert und 1999 ein zweites Mal eingeweiht. Auf dem Sockel steht bis heute die Inschrift: „Ihrem großen Dichter – die Deutschen in Amerika“. (dpa)

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