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Den britischen Truppen, hier um 1915 an der Grenze zum damaligen Deutsch-Ostafrika, fügte Lettow-Vorbeck zwei Niederlagen zu.

Paul von Lettow-Vorbeck

Der "Löwe von Afrika"

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Jahrelang hielt Paul von Lettow-Vorbeck mit seinen Kämpfern die Streitkräfte der Alliierten in Schach. Vom Ende des Ersten Weltkriegs erfuhr er mit drei Tagen Verspätung ? und glaubte zunächst an einen Hinterhalt. Dass der Offizier einen vermeidbaren und für die Bevölkerung Ostafrikas verheerenden Feldzug anführte, geht im Lobgesang auf den Abenteurer in Uniform leider allzu leicht unter.

Er hätte gewiss noch Jahre weiter gekämpft, wäre ihm nicht an jenem Mittwoch, dem 13. November 1918, auf einem holprigen Buschpfad im Norden Sambias ein feindlicher Motorrad-Kurier mit einem ziemlich bedeutenden Telegramm in die Hände gefallen. Die Alliierten und das Deutsche Kaiserreich hätten im fernen Europa einen Waffenstillstand geschlossen, war dem schon etwas mitgenommenen Papier zu entnehmen: Von den in Afrika kämpfenden Truppen sei nun ebenfalls zu erwarten, dass sie ihre Waffen niederlegen.

Paul von Lettow-Vorbeck traute dem Boten zunächst nicht: Schon seit Wochen von jeglicher Kommunikation mit der Heeresführung abgeschnitten, hielt der Kommandeur der sogenannten Schutztruppe der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ das Telegramm für eine Falle. Erst als ihm am nächsten Morgen um halb acht ein britischer Verwaltungsbeamter mit weißer Fahne entgegentrat, stellte der deutsche Befehlshaber den Beschuss einer am Chambeshi-Fluss gelegenen Gummifabrik ein – womit der Erste Weltkrieg mit dreitägiger Verspätung schließlich auch in Afrika zu einem Ende kam.

Wenn hundert Jahre und drei Tage später nun auch an dem kleinen Denkmal nahe des Chambeshi-Flusses an das Kriegsende gedacht wird, werden britische und deutsche Diplomaten vermutlich auch dort viele bedauernde und mahnende Worte finden. Doch neben der weißgetünchten deutschen Feldkanone wird selbst in den Reden der ehemaligen Sieger eine kaum verhohlene Bewunderung für Oberst von Lettow-Vorbeck mitschwingen: Denn aus dem „Löwen von Afrika“ ist längst ein weltweiter Mythos geworden.

Mehr als vier Jahre lang hatte der deutsche Offizier damals die afrikanischen Kontingente gleich dreier feindlicher Kolonialmächte in Atem gehalten – mit verwegenen Militäraktionen, die als „großartigste Guerillaoperation in der Geschichte“ (US-Historiker Edwin Palmer Hoyt) in die Annalen eingehen sollten. Die deutsche Schutztruppe, der neben 3000 Offizieren auch 11 000 afrikanische Soldaten (Askaris) angehörten, hielt jahrelang rund 300 000 britische, belgische, portugiesische, indische und südafrikanische Kolonialsoldaten in Schach. Erst brachte sie an der Küste des Indischen Ozeans den Briten zwei empfindliche Niederlagen bei, später schlug sie im Westen an der Grenze zum Kongo ein belgisches Kontingent in die Flucht und schließlich erbeutete sie im ganz im Süden gelegenen portugiesischen Mosambik noch jede Menge Waffen und Proviant.

In zahllosen Gewaltmärschen jagte der Abkömmling einer pommerschen Offiziersfamilie seine Truppe durch das unwirsche Terrain, um seine Feinde oder zumindest deren Versorgungswege immer wieder überraschend anzugreifen. Wagemutig wich er schließlich in die benachbarte britische Kolonie Nord-Rhodesien (das heutige Sambia) aus – und wurde damit der erste und einzige deutsche Heeresführer, der jemals auf „britischen Boden“ vordrang. In Deutschland wurde Lettow-Vorbeck nach seiner Rückkehr wie ein Held gefeiert: Er war der einzige deutsche Kommandeur, dessen Truppe im großen Krieg ungeschlagen blieb. Zum Generalmayor ernannt, nimmt der preußische Junker später am Münchner Kap-Putsch teil, erteilt aber Hitler eine Absage, als dieser ihn als Vorzeige-Nazi auf sein Schild heben will. Das mehrt den Ruhm des afrikanischen Löwen im Nachkriegsdeutschland noch. Straßen und Kasernen werden nach ihm benannt, seine Kriegs-Abenteuer in zahlreichen Büchern beschrieben. „Mit Lettow-Vorbeck im Busch“, lautet einer der schaurig-schönen Titel, den bundesrepublikanische Buben in den 60er Jahren mit brennenden Augen verschlingen.

Dass der Offizier in Wahrheit einen vermeidbaren, höchst zweifelhaften und für die Bevölkerung Ostafrikas verheerenden Feldzug führte, geht im Lobgesang auf den uniformierten Abenteurer indessen unter. Mehr als eine Million Menschen verloren im Krieg ihr Leben – die überwältigende Mehrheit von ihnen Afrikaner. Am schlimmsten traf es die auf beiden Seiten beschäftigten Träger, mehr als 600 000 Mann an der Zahl. Fast die Hälfte von ihnen starb entweder im Kugelhagel, in Folge von Krankheiten oder an Erschöpfung.

Wäre es nach Heinrich Schnee, dem Gouverneur der Kolonie, gegangen – in Deutsch-Ostafrika wäre damals kein einziger Schuss gefallen. Schnee wollte die Neutralität über die Kolonie ausrufen und einen möglichen britischen Angriff widerstandslos entgegennehmen. Doch sein Militärchef hatte andere Pläne und entzog dem Gouverneur den Gehorsam.

Als am 4. November 1914 in der Hafenstadt Tanga ein britisches Geschwader eintrifft, stellt sich Lettow-Vorbeck dem Landungsversuch der Eindringlinge mit Waffengewalt in den Weg. Nach viertägigen Kämpfen mit Hunderten von Toten zogen sich die Briten tatsächlich überraschend wieder zurück. Mehr als zwei Jahre lang gelang es dem Kommandeur der Schutztruppe, die in etwa das heutige Tansania umfassenden Grenzen der Kolonie zu verteidigen. Doch angesichts der drückenden Übermacht sieht er sich schließlich zum Guerillakampf gezwungen, der ihn kreuz und quer fast durch den gesamten Osten des Erdteils führen wird. Selbst im heutigen Kenia und Uganda greift die „Schutztruppe“ Eisenbahnlinien und andere britische Einrichtungen an.

Der pommersche Generalssohn war Realist genug, um zu wissen, dass er den Krieg gegen die gegnerische Übermacht niemals gewinnen konnte. Sein strategisches Ziel war es stattdessen, so viele feindliche Kräfte wie möglich in Afrika zu binden. Sie standen den Alliierten dann wenigstens nicht auf den europäischen Schlachtfeldern zur Verfügung. Der Plan ging zweifellos auf: Über den gesamten Krieg hinweg hielt Lettow-Vorbecks Schutztruppe rund 300 000 gegnerische Soldaten auf Trab, zwanzig Mal mehr Menschen als er selbst befehligte.

Dass der preußische Offizier, der bereits im chinesischen Boxer-Aufstand und beim Feldzug gegen die Hereros in Namibia Pulverdampf gerochen hatte, überhaupt so lange durchhielt, rechnen seine Bewunderer vor allem einem Umstand zu: Seinem guten Verhältnis zu seinen afrikanischen Askaris. Lettow-Vorbeck habe die dunkelhäutige Mehrheit seiner Krieger nicht anders als die hellhäutigen Offiziere behandelt, heißt es: „Wir sind hier alle Afrikaner!“, soll er einst ausgerufen haben.

Der Schutztruppen-Kommandeur sprach fließend Kisuaheli und setzte sich nach dem Krieg dafür ein, dass zumindest einige seiner Askaris eine kleine Soldatenrente aus Berlin bezogen. Trotz der wochenlangen Gewaltmärsche und der periodischen Kürzungen der Essensrationen kam es unter den afrikanischen Infanteristen zu keinen Meutereien und nur selten zu Desertionen – die deutschen Offiziere sollen ob der Strapazen wesentlich mürrischer gewesen sein.

Die katastrophalen Folgen des Krieges

Lettow-Vorbecks Wertschätzung seiner dunkelhäutigen Kämpfer erstreckte sich allerdings nicht auch auf deren Familien. Auf ihren Märschen durch die Kolonie ließen die Zigtausend Kämpfer und Träger der Schutztruppe Korridore der Verwüstung hinter sich. Von jeglichem Nachschub abgeschnitten war der Tross auf Plünderungen und der Bevölkerung abgepresste Nahrungsmittel angewiesen. Feldarzt Ludwig Deppe, zunächst ein glühender und bis zum Kriegsende gehorsamer Gefolgsmann Lettow-Vorbecks, vermerkte nach seiner Rückkehr in die Heimat in seinen Memoiren: „Wir ließen zerstörte Felder, geplünderte Lager und Hunger zurück. Wir waren keine Botschafter einer überlegenen Kultur mehr: Unsere Spur war vielmehr vom Tod, von Plünderungen und von zerstörten Dörfern gezeichnet – genau wie in Deutschland im Dreißigjährigen Krieg“.

In Lettow-Vorbecks „Erinnerungen aus Ostafrika“ (1920) ist von einem ähnlichen Bedauern über die katastrophalen Folgen seines Krieges indessen kein Wort zu lesen. Das Buch strotzt vor dem für diese Zeit typischen Nationalstolz und – in seinen wohlwollenden Passagen – von pseudo-väterlicher Überheblichkeit gegenüber den afrikanischen Askaris. „Wir haben ein Stück deutschen Soldatentums bewahrt und unbeschmutzt in die Heimat zurückgeführt“, schließt der General seinen 300-seitigen Bericht. „Wir haben bewiesen, dass die uns Deutschen eigentümliche germanische Mannentreue auch unter den Verhältnissen eines Tropenkrieges aufrecht erhalten werden kann.“ Die fragwürdige Beweisführung mussten mehr als eine Million Ostafrikaner mit dem Leben bezahlen. Die Zahl der darüberhinaus in Hungersnöten und Epidemien verendeten Menschen ist noch nicht einmal bekannt.

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