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Bild aus kühleren Tagen: Malawis Präsident Mutharika (mitte) 2013 mit Anwälten.

Malawi

Die Locken sitzen lockerer

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Juristinnen und Juristen in Malawi dürfen künftig auf Rosshaarperücken verzichten.

Die Klimaerwärmung gefährdet manches liebgewonnene Phänomen in Afrika: Den Schnee auf dem Kilimandscharo, das Skifahren in den südafrikanischen Drakensbergen oder den Regen in Namibia. Jetzt geht die Erderwärmung auch einer der letzten Reminiszenzen der europäischen Kolonialzeit an die Wäsche: Den blonden Perücken aus Pferdehaar, die Richter und Anwälte in den ehemaligen Kolonien des britischen Empires – wie Kenia, Ghana, Sambia, Simbabwe und Malawi – selbst 60 Jahre nach ihrer Unabhängigkeit noch tragen.

Das malawische Verfassungsgericht hat seinen Juristinnen und Juristen erlaubt, zumindest im Sommer auf die aus wesentlich kühleren Gefilden stammende Haartracht zu verzichten – nachdem das Thermometer auf über 45 Grad im Schatten kletterte. Die höchsten Richter des südafrikanischen Staates hatten offenbar Angst, dass ihre erhitzten Köpfe Schaden erleiden könnten.

Viele Afrikaner fragen sich ohnehin, wie die fremde Tradition auf ihrem Kontinent überhaupt so lange überleben konnte, Selbst im Ursprungsland der gepuderten Pferdehaare lassen Richterinnen und Richter die mittelalterlichen Relikte oft im Schrank. Die Perücken waren im 17. Jahrhundert zur Requisite britischer Rechtsprecher geworden, weil sie ihnen die nötige Autorität verschaffen würden, hieß es offiziell. Doch Historikerinnen und Historiker sind überzeugt, dass sie vor allem dem Schutz vor Läusen und der Verheimlichung des von der Syphilis verursachten Haarausfalls dienten.

Die Perücken-Kultur sei „der unseren fremd“, schreibt der nigerianische Jurist Unini Chioma in seinem Blog. „Auch unsere Temperaturen sind anders.“ Angesichts des schreienden Unrechts, das die Kolonialherren und ihre juristischen Apologeten über den Kontinent gebracht hätten, sei die Beibehaltung ihrer Requisiten eine „Schande für Afrikas Rechtswesen“, urteilt Arnold Tsunga, Direktor der Afrikanischen Sektion der Internationalen Juristen-Kommission. Der Mief unter den Talaren müsse unverzüglich verschwinden.

Damit sind allerdings längst nicht alle Rechtsprecherinnen und Rechtssprecher des Kontinents einverstanden. In Kenia ließ sich kürzlich der neue Oberste Richter, David Maraga, wieder in voller Montur – mit roter Robe und langem blonden Pferdehaarteil – einschwören. Und in Simbabwe bestellte die bankrotte Regierung Mitte vergangenen Jahres bei den Londoner „Stanley Ley Legal Outfitters“ 64 neue Perücken – für umgerechnet 150 000 Euro. Und das im Staat Robert Mugabes, der dem Kampf gegen die „räuberischen Kolonialisten“ des Empires sein Leben gewidmet hatte.

Man habe Simbabwe aus dem Empire, aber nicht das Empire aus Simbabwe holen können, spottet der Filmemacher Hopeful Chin’ono indes. Vielleicht ist es unter den blonden Locken der simbabwischen Rechtsgelehrten auch einfach schon zu heiß geworden.

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