Intensivmediziner warnen

Lockdown wirklich ein Corona-Killer? Eine Strategieänderung muss her

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
    schließen

Fachleute aus der Intensivmedizin warnen vor einer drohenden Überlastung durch Corona-Patienten. Die Forderung: eine nachhaltige Corona-Strategie statt kurzfristiger Lockdown.

  • Ab 2. November wird in Deutschland aufgrund der Corona-Pandemie wieder ein Lockdown verhängt.
  • Einige Intensivmediziner warnen dennoch vor einer bevorstehenden Überlastung der Kliniken.
  • Der Tenor: Lockdown schön und gut, es braucht aber eine nachhaltige Corona-Strategie.

Berlin - In der Regel sind Rekorde etwas Gutes, Besonderes, bisweilen Kurioses. Rekord über die hundert Meter Sprint, Rekordumsatz, Rekord beim Hotdog-Wettessen. Im Fall des Coronavirus verhält sich die Sache freilich anders. Die Corona-Pandemie lässt insbesondere in diesen Tagen und Wochen die Rekorde schneller purzeln als Usain Bolt. Und das will was heißen. 16.774 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden vermeldete das Robert-Koch-Institut (RKI) am Donnerstag - so viele wie noch nie. Rekorde des Grauens.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs haben auf diesen Rekord-Marathon bereits am Mittwoch reagiert: Lockdown, den ganzen November lang. Ab Montag (2. November 2020) gelten in Deutschland verschärfte Corona-Regeln. Während der Lockdown an manchen Stellen auf reichlich Kritik bezüglich übertriebenem Aktionismus stößt, geht der Knallhart-Kurs von Merkel einigen Intensivmedizinern noch nicht weit genug. Sie fordern eine nachhaltige Corona-Strategie - und warnen vor dem Kollaps.

Corona-Krise in Deutschland jetzt „schon nachweislich schlimmer als im Frühjahr“

„Es ist jetzt schon nachweislich schlimmer als im Frühjahr“, erklärt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Presse-Agentur. In 14 Tagen habe man die schweren Krankheitsfälle von Covid-19 und die großen Zentren kommen dann unter „Maximalbelastung“. Die Devise daher: „Fahrt runter!“ Schon jetzt müssen sich Kliniken fragen, welche vereinbarten Operationen verschoben werden können.

„Absolut besorgniserregend“ bezeichnet Stefan Kluge, Leiter der Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), gegenüber dpa die Corona-Lage in Deutschland. Dabei ist nicht die Quantität der Intensivbetten oder der Beatmungsgeräte das Problem. Denn von diesen habe man jetzt mehr als zu Beginn der Pandemie, erklärt Janssens. Vielmehr fehle das Personal. „Bis jetzt sind wir zurechtgekommen. Aber wir müssen die Pflegepersonal-Untergrenzen wieder aussetzen, wenn das so weitergeht.“

Hinzu kommt eine Zunahme der Infektionen von Klinik-Mitarbeitern. Damit gerate das Schichtsystem schnell aus den Fugen, warnt Janssens weiter. Ein am Beatmungsgerät angeschlossener Corona-Patient allein benötige bis zu fünf Schwestern oder Pfleger. Da kann die Not schnell groß werden.

Lockdown als Corona-Killer? „Dann haben wir eben in sechs Wochen die nächste Welle“

Während Bundeskanzlerin Merkel den Corona-Lockdown im Bundestag verteidigt, sieht Janssens den Grund für die momentane Lage im Egoismus vieler Einzelner. Janssens ist sich sicher: „Wenn die Leute mehr „du“ denken würden, liefe es sicher besser.“ Die sogenannten AHA-Regeln haben seiner Ansicht nach wenig gebracht. Daher werde man „um eine Strategieänderung nicht herumkommen“.

Und klar, ein Lockdown und damit verbunden drei Wochen Beinahe-Ruhe seien aus „Infektionsschutz-Gesichtspunkten natürlich toll“. Aber: „Dann haben wir eben in sechs Wochen die nächste Welle. Wir müssen endlich in eine Nachhaltigkeits-Debatte einsteigen“, fordert der Mediziner. Eine klare Corona-Strategie hatte im FR-Interview auch Virologe Hendrik Streeck eingefordert. Denn die Corona-Pandemie ist noch lange nicht am Ende. Sie tobt stärker denn je - neue Rekorde inklusive. (Quelle: dpa)

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare