Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Im Winter kommen die Freunde selten. Und erkundigen sich, ob ich nicht endlich mal in die Stadt ziehen wolle. In diesem Winter kommen sie gar nicht.“
+
„Im Winter kommen die Freunde selten. Und erkundigen sich, ob ich nicht endlich mal in die Stadt ziehen wolle. In diesem Winter kommen sie gar nicht.“

Pandemie

Lockdown auf dem Land: Die reine Leere

  • vonAndrea Jeska
    schließen

Lockdown in der Stadt mag trist sein. Auf dem Dorf fühlt sich unsere Autorin Andrea Jeska inzwischen so, als würde sie einsam durch das All trudeln.

Vor ein paar Abenden stand ich telefonierend in meiner Küche, von der aus ich einen Blick auf die Straße habe, als plötzlich die einzige Ampel in meinem Dorf auf Rot sprang. Was bedeutet, jemand begehrte, die Straße zu überqueren. Ich stürzte zum Fenster, um diesen einen Menschen zu sehen, der sich aus der Stille und vollkommenen Leere eines Corona-Januarwinterabends materialisierte. Ein Artgenosse! Doch da war niemand. Es war wohl eine Fehlschaltung.

Seit Wochen, seit dem neuen Lockdown, spaziere ich morgens mit meinem Hund mutterseelenallein über Wege und durch Wälder. Und abends ebenso alleine durch die wenigen Straßen meines Dorfs an der Ostseeküste. Manchmal sehe ich andere Hundebesitzer, die im norddeutschen Schmuddelschneeregengrau erzwungenermaßen ihre Runden drehen und mir weiträumig ausweichen. Mein gesellschaftliches Highlight in diesen Tagen ist die Begegnung mit einem älteren Herrn, der keinen Bogen schlägt und stets entspannt mit mir plaudert, sogar lächelt. Auch mein Hund freut sich über diese Begegnungen. Das weiß ich, weil ich – ebenfalls seit dem neuen Lockdown – ständig mit ihm rede. Ich weiß auch, das ist bedenklich, aber immer noch besser, als den ganzen Tag lang diese bleierne Stille in meinem Kopf und verkümmerte Stimmbänder zu haben.

Lockdown ist, wenn kein Mensch und kein Auto zu sehen sind

Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Lockdown in Berlin, Frankfurt, München oder Hamburg anfühlt. Die Fotos, die ich sehe, die Fernsehbeiträge, in denen behauptet wird, die Innenstädte seien leer, zeigen stets mehr Menschen, als in meinem Dorf leben. Leer, möchte ich dann rufen, leer, meine Lieben, ist was anderes. Leer ist, wenn abends die Johanniter gegenüber meiner Wohnung mit Blaulicht losfahren und dieser Moment der bläulichen Erleuchtung wie Geborgenheit erscheint. Leer ist, wenn man ab 18 Uhr mitten auf der Fahrbahn spazieren kann, weil für die nächsten zwölf Stunden kein Auto kommt. Auf der Fahrbahn einer Bundesstraße wohlgemerkt, nicht einer Sackgasse. Leer ist, wenn man über Tage so einsam durch die Gegend schleicht, dass es einem scheint wie „The day after“, nur weiß man nicht: after what?

Erzählt mir nichts von Leere, ihr Städter! Selbst im tiefsten urbanen Lockdown habt ihr Hunderte Menschen, denen ihr täglich begegnet, habt ihr Pläuschchen am Mülleimer oder am Fahrradständer. Habt ihr Lichter und erleuchtete Schaufenster, Dutzende Ampeln, die von Rot auf Grün springen und euch signalisieren, dass es noch eine Normalität gibt.

Die Corona-App kennt nur eine Farbe: Grün

Ich will ja nicht behaupten, in diesen Zeiten in Großstädten zu leben, sei ein Spaß. Enge Wohnungen, muffige Treppenhäuser, schlecht gelaunte Nachbarn. Immerhin habe ich Platz, große Wälder, einen Strand, an dem ich stundenlang laufen kann. Die Farbe meiner Corona-App ist stets grün, es gibt keine Risikobegegnungen, mein einziger naher Kontakt zu Menschen ist im Supermarkt. Und selbst der ist relativ leer. Die Regale manchmal allerdings auch, weil mangels Nachfrage – die Wintertouristen fehlen – nicht nachbestellt wird. Seid ihr mal Vegetarier in einem Dorf im Lockdown, ihr Städter, und träumt davon, dass ihr Tofu findet!

Die Winter hier waren schon immer still und bislang fand ich das wunderbar. Denn im Sommer ist die Hölle los, da strömen die Touristen an die Ostsee und wirbeln alles durcheinander, bis den Einheimischen ganz schwindlig wird. In diesen Sommern kommen meine Freunde aus den Großstädten zu Besuch für Strandwonnen und Wellenspiele und beneiden mich um diesen Ort am Meer. Im Winter kommen sie selten und erkundigen sich, ob ich nicht endlich mal in die Stadt ziehen wolle. In diesem Winter kommen sie gar nicht.

Lockdown auf dem Land: Alles verrammelt, verriegelt, verdunkelt

Entgegen der Annahme meiner großstädtischen Freunde sind die Winter hier außerhalb von Corona alles andere als öde. Am Strand trifft man andere wackere Wind-und-Wetter-Liebhaber und kann die Füße wieder auf Seetang statt auf Zigarettenkippen setzen. In den wenigen Läden, die noch geöffnet haben, kann man stundenlang ungestört stöbern und sich für die Hälfte des Preises endlich die quietschgelbe Jacke kaufen, die einem im Sommer viel zu teuer war. Der Friseur schneidet wieder ohne Termin, im kleinen Zoo im Nachbarort hat man die ungeteilte Aufmerksamkeit der Affen, im Naturkundemuseum alle Exponate für sich allein. Und im Café darf man einen ganzen Tag lang sitzen und schreiben, ohne dafür böse von der Kellnerin angeblickt zu werden. Bescheidene Wintervergnügen, aber mir reichten sie stets.

Doch nun: alles verrammelt, verriegelt, verdunkelt. Die diesjährige Jacke meiner Sehnsucht baumelt unerreichbar hinter einer Glasscheibe. Der Zoo, das Museum – geschlossen. Die Wind-und-Wetter-Liebhaber, mit denen man gemeinsam den Elementen trotzte und sich so verbunden fühlte – in Castrop-Rauxel und Gummersbach geblieben.

Das Schlimmste aber ist, dass dieses gefühlte Trudeln mutterseelenallein durch das All keine Aufmerksamkeit findet. Jedes noch so piefige Feuilleton, jede noch so banale Politikseite berichtet über die Depressionen und auf Eis gelegten Lebensträume der Stadtmenschen, über die Krisen der urbanen Gesellschaft. Der nun Vergnügen verwehrt werden, die man auf dem Dorfe ohnehin nie hatte.

„Leer ist, wenn man ab 18 Uhr mitten auf der Fahrbahn spazieren kann, weil für die nächsten zwölf Stunden kein Auto kommt.“

Dort nämlich trifft es vor allem jene, die sich schon immer beschieden. Die Alteingesessenen, die sich Haus und Hof erarbeiteten und die schon seit der Grundschule verbunden sind. Ihre Stütze war stets die Gemeinschaft, egal, wie lose sie sein mag, sie war in vielen Jahrzehnten gewachsen. Das morgendliche Gescherze beim Bäcker, wo man noch zusammen einen Kaffee trinken konnte, der Austausch von Klatsch im Blumenladen, die Freude an den Winzlingen aus dem Winzkindergarten, die im Bollerwagen durch das Dorf gezogen wurden. Vor der Pandemie gab es Seniorenkaffee und Skatabende, Häkelclubs, Gottesdienst und Besuche der Kinder und Enkel am Sonntag. Jetzt gibt es nichts mehr. Und wenn ich morgens meine Runden gehe, dann sehe ich sie vor den Fernsehern sitzen und wenn ich im Abenddunkel wieder gehe, dann sitzen sie da immer noch. Es sind brave Bürger:Innen, sie halten sich an die Regeln, sie haben Angst, vor allem aber haben sie nichts mehr, wofür sie das Haus verlassen können.

Lockdown auf dem Land ist, wenn einem niemand begegnet

Und es trifft die wenigen Jugendlichen, die hier leben, die ohnehin keine coolen Clubs besuchen, sondern eher Scheunenfeten, und denen jetzt nicht mehr viel anderes bleibt, als sich – wie schon Generationen von Dorfkindern vor ihnen – zur Unterhaltung an der Bushaltestelle zu treffen und heimlich zu kiffen. Denen es scheinen muss, als sei ihr Leben eingefroren in einem dystopischen Raum aus Leere, Regen und Langeweile, die sich nicht einmal Bier im Späti kaufen können und die Internetverbindung hier ist auch so schlecht, dass Netflix nicht immer funktioniert.

Und während ich all dies schreibe, ist es wieder Abend geworden und der Hund muss raus. Durch das offene Fenster dringt wie jeden Abend der klagende Ruf des Käuzchens, das im nahen Wald lebt und wohl versucht, den richtigen Soundtrack für diese Zeiten zu liefern. Auf der anderen Straßenseite steht ein junger Johanniter und raucht. Wenn ich jetzt durch das Dorf und in den Wald gehe, wird mir kein Mensch begegnen, nur die scheuen Rehe werden vom Weg zurück ins Unterholz fliehen. Wenn ich zurückkomme, werde ich weiter im Tagebuch des Südpolforschers Robert F. Scott lesen, dessen letzte Reise in die Einsamkeit des Schnees mit dem Tod endete. Nicht, weil ich mich der Tod interessiert. Eher, weil ich wissen will, wie man in der Leere überlebt. (Andrea Jeska)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare