+
Ja ist denn heut’ schon Weihnachten? Sachs (rechts) im Kreise seiner Serienfamilie.

Lindenstraße

Moritz A. Sachs zum Aus der Lindenstraße: „Die Trauer kommt in Schüben“

  • schließen

Die „Lindenstraße“ war 34 Jahre sein Zuhause. Ein Gespräch mit Moritz A. Sachs über sein Leben als Klaus Beimer – und warum ein altes Format in neuen Zeiten Trost spenden kann.

Leider Kitsch! Vermutlich hätte jede seriöse TV-Produktionsfirma ein Serienskript abgelehnt, das die Geschichte eines Jungen erzählt, der auf einem Spielplatz fotografiert wird und zwei Jahre später zu den bekanntesten TV-Gesichtern des Landes gehört. Aber 1983 in Köln trug sich dieser Kitsch so zu. Es ist die Geschichte, wie Moritz A. Sachs für die Rolle des Klausi Beimer entdeckt wurde. Eine Rolle, in die er für die nächsten 35 Jahre schlüpfen würde, Woche um Woche. Bis im Dezember 2019 die letzten Folgen der „Lindenstraße“ gedreht wurden. Die ARD hatte entschieden, das Format einzustellen. Fans kämpften bis zuletzt für die Fortsetzung – vergebens. Wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Moritz Sachs, an diesem Sonntag wird die allerletzte Folge der Lindenstraße ausgestrahlt. Werden Sie einschalten?

Oh ja, ich hab die Folge zwar schon mehrfach gesehen, aber ein letztes Mal schau ich die noch. Und gleich danach gehe ich auf Instagram online, um den Abend mit unseren Fans ausklingen zu lassen.

Haben Sie Taschentücher zurechtgelegt? Oder ist die Zeit des Trauerns schon rum?

Die Trauer kommt in Schüben. Die meiste Zeit geht’s mir damit ganz gut. Ich hatte ja in den vergangenen Wochen und Monaten viele Termine, bei denen es um die Lindenstraße ging – und deshalb war dieses Gefühl, dass sie jetzt weg ist, noch gar nicht so präsent.

Bekamen Sie es mit der Angst zu tun, als klar war, es wird aufhören?

Angst war’s nicht. Die erste Reaktion war eher ein Schreck: Wie, ausgerechnet jetzt?! Kurz vorher hatten sie uns für drei weitere Jahre die Verträge verlängert, nachdem wir das 30. Jubiläum gefeiert hatten. Was übrigens ein guter Zeitpunkt gewesen wäre, die Sendung abzusetzen. Hat man aber nicht. Vorher hatten wir zuletzt immer nur Jahresverträge bekommen, weil nicht klar war, wie es weitergehen würde. Und als wir dann den Dreijahresvertrag bekamen, dachten wir, jetzt hat es sich stabilisiert.

Und im November 2018 kam die Nachricht, die Lindenstraße wird abgesetzt.

Das war schon hart. Es war zwar noch ein Jahr hin, damals, aber dennoch stand fest, dass es vorbei ist. Ein Jahr ist in unserer Branche zwar viel Zeit, aber ich wusste, dass ich in diesem Jahr viel drehen würde und auch gar nicht so richtig dazu kommen würde, mich um andere Jobs zu kümmern. Andererseits wurde mir schnell klar, dass das eine Riesenchance für mich war. Ich habe in den letzten 20 Jahren in vielen Bereichen im Film und Theater, aber auch bei Events gearbeitet. Nun ist erstmal Corona da, das ändert natürlich alles, auch und gerade in meinem Arbeitsfeld. Aber das geht ja nun Millionen von Menschen so.

Ein Leben ohne Lindenstraße – fühlt sich das auch ein bisschen nach Freiheit an?

Freiheit ist natürlich eine schöne Aussicht, aber Freiheit kann auch Angst machen. Nicht umsonst haben wir die AfD oder andere, rückwärtsgewandte Strömungen: Weil manche Menschen eben Angst vor Veränderung haben. Das geht Hand in Hand. Und das Ende der Lindenstraße macht mich vor allem deshalb traurig, weil mir da ein ganzes soziales Umfeld wegbricht. Da kann man sich noch so sehr die Treue schwören – es wird sich verändern, 300 Leute werden nicht zusammenbleiben. Und trotzdem freue ich mich über den Zuspruch all der Menschen, die uns gesagt haben: Schade, da wird was fehlen, auch wenn es zwischenzeitlich eher ein bisschen gefällig war und nicht mehr so bissig.

Sie haben über Ihr Leben als Klaus Beimer ein Buch geschrieben, das gerade erschienen ist. Wie war es, noch einmal die Jahrzehnte in der Lindenstraße vorüberziehen zu lassen, in diese Zeit einzutauchen?

Was vor allem in mir hochkam war die Wucht, mit der das alles über uns hereingebrochen ist. Nicht nur über mich, sondern über uns alle. Von einem auf den anderen Tag zwölf Millionen Zuschauer! Das schaffen heute nur noch Youtuber in einer ganz bestimmten Zielgruppe. Aber über die ganze Gesellschaft verteilt zwölf Millionen Zuschauer – das gibt es vielleicht noch bei den Nachrichten.

Unsere Deutschlehrerin liebte die Lindenstraße. Und ein paar Mädchen aus unserer Klasse haben Sie montags immer erst mal gefragt, wie sie die Folge vom Vorabend fand. War natürlich ein Vorwand, um die Unterrichtszeit zu verkürzen, aber so habe selbst ich, der die Serie nicht geschaut hat, Anfang der Neunziger immer erfahren, was bei den Beimers so los war.

Ja, das war das Ritual in der Bundesrepublik der Achtziger- und Neunzigerjahre. Montags wurde über die Lindenstraße geredet. Wenn in der Sendung jemand angekündigt hat, bald auszuziehen, hat der Sender Post bekommen von Leuten, die dann bitte in die freie Wohnung ziehen wollten. Ich musste einmal mit meiner Tante aus dem Eisstadion fliehen, weil uns die Leute fast überrannt haben. Da konnte ich mich selbst nicht dran erinnern, das haben mir meine Eltern erzählt. Dieses Zurückblicken war spannend, aber es kamen eben auch viele Emotionen hoch. Mich hat sehr berührt, wie viele Menschen inzwischen schon nicht mehr dabei sind, weil sie gestorben sind.

Sie haben 34 Jahre den Klausi gespielt. Was macht es mit einem Menschen, als zwei Persönlichkeiten aufzuwachsen?

Also, Verwechslungsgefahr zwischen mir und Klaus gab es nicht, wenn Sie das meinen. Viel prägender war, was die Öffentlichkeit mit Klaus und mir gemacht hat. Und mit meinem Privatleben.

Inwiefern prägend?

Ich kann natürlich nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht für die Lindenstraße entdeckt worden wäre. Aber ich frage mich schon manchmal: Wäre ich genauso laut, genauso extrovertiert? Hätte ich die gleichen Unsicherheiten? Wäre ich Jurist geworden wie der Rest meiner Familie?

Die Frage ist ja nicht, was dieses Leben aus einem macht, sondern eher: Was macht es mit einem? Welche inneren Konflikte entstehen mit der Zeit?

Also, ich habe nie Zerrissenheit gespürt. Ich bin allerdings auch von Anfang an so da rangegangen, dass Klaus für mich Klaus war, eine dritte Person – und nicht ich selbst. Als Erwachsener spiele ich eine Rolle, klar, aber als Kind ging es schon auch darum: Verstehe ich, was ich da tue? Oder geht das zu nah ran? Da haben mich meine Eltern aber gut begleitet. Und Sie dürfen nicht vergessen – so eine Rolle ist ja keine schauspielerische Herausforderung im Sinne von: Ich schlüpfe in etwas Fremdes, gebe einem Fremden etwas Bekanntes. Es ist auch Kunst, aber eine ganz andere Herangehensweise. Und so wurde Klaus nach und nach ein bisschen Moritz – mit allen Unterschieden, was den Lebenslauf angeht.

Zur Person

Moritz A. Sachs, 41, gehörte von Anfang an zum Ensemble der Lindenstraße. Die erste Folge wurde am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt – seither verkörperte er die Rolle des Klaus Beimer. Sachs lebt in Köln und arbeitet neben der Schauspielerei als Moderator, Autor, Produktionsleiter und Regieassistent.

Am 29. März um 18.50 Uhrwird die letzte Folge der „Lindenstraße“ in der ARD ausgestrahlt, es ist Folge 1758. Moritz A. Sachs will um 19.25 Uhr, also direkt danach, auf seinem Instagram-Account „woistdermoritz“ live gehen, um mit den Fans den Abschied zu begehen. Am Sonntag darauf liest er dort zur üblichen Zeit aus seinem Buch. boh

Und Klaus hat Moritz umgekehrt nicht wirklich beeinflusst?

Doch, schon. Ich musste zum Beispiel manche Dinge, die Klaus gemacht hat, nicht selbst durchstehen. Dieses Chaos in der Teenagerzeit, das konnte ich mir überwiegend schenken – weil ich’s in der Lindenstraße tun konnte.

In einem Interview als Jugendlicher antworteten Sie auf die Frage, was Sie so in Ihrer Freizeit machen: „Nichts wildes. Ich trinke. Ich rauche. Ich kiffe.“

Das wurde damals natürlich die Headline … Nein, ich meinte eher Diebstahl, Autos zerkratzen, diese ganze kriminelle Schiene – abgesehen vom Tüte rauchen hat das Klaus alles gemacht, ich nicht. Aber ich hatte tatsächlich nie das Gefühl, dass die Rolle und das, was Klaus tut, mich beeinflusst. Es war eher die Frage, was macht es mit mir, mit Kollegen zu arbeiten und befreundet zu sein, die teilweise 30 Jahre älter waren als ich. Was macht das mit einem Teenager, wenn ein Großteil seines Freundes- und Bekanntenkreises deutlich älter ist?

Und?

Es hat sicher das Erwachsenwerden in einigen Bereichen verzögert – du wirst als Schauspieler ja auch ganz schön gepampert –, aber es hat vor allem dazu geführt, dass ich im Arbeitsalltag gewisse Verantwortungsgefühle früher entwickelt habe. Das hat mich mehr beeinflusst als die Figur selbst.

Als Jugendlicher driftete Klaus in die rechte Szene ab. Wie fanden Sie es, als Sie das spielen sollten?

Im ersten Moment dachte ich: Blöd! Ich fand zu der Zeit Ton Steine Scherben und die Toten Hosen gut und ließ mir gerade die Haare wachsen. Aber dann fand ich es total spannend, das zu spielen. Ich hab da auch kein großes Risiko gesehen, angefeindet wurde ich eh. Und mir wurde aber auch schnell klar, dass das für Klaus – und damit auch für mich – eine Art Emanzipation darstellen würde. Plötzlich war ich wie ein Erwachsener am Set. Neu war auch, dass ich mit meiner Rolle ein Statement setzten konnte. Denn privat hatte ich mit rechten Ideen so überhaupt nix gemein.

Dachten Sie auch mal: Ich will hier raus!? Schreibt mir einen Serientod!

Serientod nicht unbedingt. Natürlich kam mit dem Abi die Frage auf, was mache ich? Deswegen bin ich nach dem Zivildienst auf Weltreise gegangen, danach habe ich Jura studiert – das hat mir einen Riesenspaß gemacht. Aber ich hab damals gesagt, ich mach weiter in der Lindenstraße. Dieses Gefühl, ich muss hier raus, hatte ich dann später noch mal, als die Lindenstraße mich davon abhielt, eine besonders spannende Regieassistenz anzunehmen. Wir haben dann aber einen Weg gefunden, dass ich mich weiterentwickeln konnte. Andererseits habe ich mir ja erarbeitet, 34 Jahre in der Lindenstraße dabei gewesen zu sein. Mir hat auch geholfen, irgendwann erkannt zu haben: Auf dem Höhepunkt meiner Karriere war ich neun Jahre alt, da habe ich große Preise entgegengenommen. So erfolgreich werde ich als Schauspieler wahrscheinlich nie wieder.

Manche zerbrechen an so einer Gewissheit.

Ich bin da zwiegespalten. So etwas überhaupt mal erlebt zu haben, ist ja schon was Besonderes. Andererseits, wenn ich dann zurückblicke und von dem, was war, nicht mehr viel übrig ist, macht das auch traurig. Das Wichtigste ist, den Wert, den das alles hatte, nicht zu vergessen. Mit dem eigenen Wert hat das aber ja nichts zu tun.

Hatten Sie jemals Angst, in so eine Abwärtsspirale zu gelangen wie Ihre Kollegin Silvia Seidel, die in den Achtzigerjahren mit der TV-Serie „Anna“ berühmt geworden war und 2012 Suizid beging?

Silvias Geschichte ist eine sehr traurige Geschichte. Aber dadurch, dass die Lindenstraße immer weiter ging, hatte ich diesen Verlust von Öffentlichkeit nicht so, und vor allem nicht von einem Tag auf den anderen. Ich weiß aber auch nicht, ob es bei ihr tatsächlich daran lag. Die Quote bei der Lindenstraße ist zwar gesunken, aber eben über einen langen Zeitraum. Vor knapp zehn Jahren hatte ich dieses Gefühl: Komisch, dass der Ruhm einfach so verschwunden ist. Und dann habe ich 2011 bei „Let’s Dance“ mitgemacht und war plötzlich durch ein anderes Format in der Öffentlichkeit. Mein Bekanntheitsgrad ist damals total gestiegen, und auch mein eigener Name war plötzlich präsent.

Sie waren also nicht mehr Klausi, sondern Moritz?

Das war mir bis dahin nie passiert. Und da hab ich gemerkt: Das fühlt sich an wie früher. Und trotzdem anders. Plötzlich war es schön, erkannt zu werden. Denn ich hatte dieses Bekanntsein immer nur damit verbunden, dass ich kein Privatleben habe und manchmal sogar verdroschen wurde, weil ich einen Nazi gespielt habe. Andererseits: Öffentlichkeit, gefühlte Wichtigkeit, Ruhm – zu all dem habe ich bis heute ein sehr ambivalentes Verhältnis. Manchmal sehne ich mich nach Anonymität. Und gleichzeitig würde ich das Interesse sicher vermissen.

Wenn es die Lindenstraße noch gäbe, würden wir heute hier nicht zusammensitzen …

Nein, dann wäre ich am Set, um die Folge zu aktualisieren, damit dann auch der Gesundheitsminister Spahn drin vorkommt, der etwas zu den aktuellen Entwicklungen der Corona-Pandemie sagt. Das Interessante an der Lindenstraße war doch immer, dass wir alle aktuellen Themen mit reingenommen haben. Dieses Mal wäre es allerdings schwer geworden, das aktuelle Geschehen angemessen einzuordnen und widerzuspiegeln. Die Änderungen sind so umfassend und die Entwicklung so schnell. Eine enorme Herausforderung, gerade für ein fiktionales Format. Aber wir hätten sie gerne angenommen.

Glauben Sie, die Lindenstraße hätte in der heutigen Medienlandschaft diese Einordnung noch leisten könnten?

Ganz bestimmt. Es wäre eine gute Möglichkeit gewesen, Themen weiterhin relativ neutral und sachlich aufgreifen und begleiten zu können. Gerade jetzt ginge es aber wohl nicht nur um eine Einordnung. Viele unserer Gewohnheiten müssen wir gerade ändern, wir sind viel zu Hause, viele Menschen haben Angst oder stehen vor einem großen Scherbenhaufen. Da wäre die Lindenstraße auch als Anker, als Routine, als Ritual oder wie auch immer man das nennen mag, sicherlich hilfreich.

Interview: Boris Halva

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare