Kolumne

Lieferengpass

Früher waren Lieferengpässe bei Medikamenten nicht mehr als eine Lappalie. Heutzutage treten sie deutlich öfter auf. Auch bei lebenswichtigen Medikamenten.

Von Dr. med. Bernd Hontschik

Die älteste Meldung über Lieferengpässe, die sich im Online-Archiv des Deutschen Ärzteblattes finden lässt, ist auf den 8. September 1985 datiert. Darin wird berichtet, dass eine Augensalbe namens Leukomycin wegen produktionstechnischer Schwierigkeiten nicht den hohen Anforderungen genügt habe und deshalb nicht in den Handel gebracht werden konnte. Der kleine 20-Zeiler hat damals kaum Aufmerksamkeit erregt. Eine Lappalie eben.

Dreißig Jahre später ist aus der Lappalie eine Lawine geworden. Im August 2016 musste das Bundesgesundheitsministerium aufgrund einer Kleinen Anfrage der Fraktion Die Linke 13 Impfstoffe und 26 Medikamente auflisten, bei denen im laufenden Jahr sogenannte Lieferengpässe aufgetreten waren. Die Aufregung war entsprechend groß. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, der Bundesverband deutscher Krankenhausapotheker und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft schlugen gemeinsam Alarm.

Heute ist es nämlich nicht mehr nur ein leicht ersetzbares kleines Augensälbchen, sondern es handelt sich um lebenswichtige und kaum zu ersetzende Medikamente. Betroffen sind beispielsweise die Antibiotika Ampicillin, Piperacillin und Metronidazol, betroffen ist der Blockbuster unter den Blutdrucksenkern, das Metoprolol, außerdem auch das Krebsmedikament Melphalan und das Anti-Parkinson-Mittel Levodopa. Regelmäßig fehlten auch immer wieder Impfstoffe gegen Kinderlähmung, Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten. Die Grundimmunisierung von Säuglingen wird immer schwieriger. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Kinderärzten inzwischen schon, in Apotheken Restbestände abzufragen oder gar, Impfungen zu verschieben. Der Fachmann staunt, der Laie wundert sich. Was ist geschehen?

Es gibt viele Ursachen, aber es geht dabei immer nur um das Eine: Geld. Mit dem Ablauf von Patentschutz-Zeiten wird die Arzneimittelproduktion durch globale Billigkonkurrenz immer häufiger unrentabel, ganze Produktionslinien werden dadurch stillgelegt. Das erwähnte Piperacillin wird nur noch in zwei Fabriken auf der ganzen Welt hergestellt, und eine davon, die in China, ist gerade explodiert. Außerdem werden auch immer öfter komplette Chargen von Arzneimitteln durch international agierende Großhändler ins Ausland verschoben, wo höhere Gewinne locken als hierzulande. Lagerkapazitäten werden als unrentable Kosten so gering wie möglich gehalten oder ganz beseitigt, sowohl in den Fabriken als auch bei den Zwischenhändlern, und im Falle eines plötzlich höheren Bedarfs gibt es keine Reserven. Rabattverträge einzelner Krankenkassen mit Medikamentenherstellern kicken die anderen Produzenten und damit auch deren Produktionskapazitäten vom Markt.

So ist das eben, wenn die Daseinsvorsorge in privater Hand liegt. Das funktioniert perfekt, solange  der Gewinn stimmt. Länger aber nicht.

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