Heiligabend ist ein Tag, den man mit denen verbringt, die man gern hat.
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Heiligabend ist ein Tag, den man mit denen verbringt, die man gern hat.

Familienmodelle

Die, die man liebt

  • Nadja Erb
    vonNadja Erb
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Weihnachten 2017 in Deutschland: Auch wenn die Werbung etwas anderes suggeriert - das Bild der bürgerlichen Familie unterm Weihnachtsbaum hat für immer mehr Menschen wenig mit der Lebensrealität zu tun.

An Heiligabend wird es laut bei Lisa und Jan. Lisas Ex-Freund Malte kommt mit Partnerin und den beiden gemeinsamen Kindern, Jan hat seine Ex-Frau und ihre Tochter eingeladen. Und Lisas Söhne – einer von Malte, einer von Jan – sind natürlich auch dabei. Hanne feiert dagegen in aller Stille. Ihr Mann ist tot, Kinder und Enkel leben im Ausland, der Kontakt ist nicht mehr so gut. Nachbarin Elsa, die wie Hanne allein lebt, kommt zum Essen. Karl und sein Mann Gerhard wiederum gehen groß aus. Sie wollen die freien Tage nutzen, um viel Zeit mit Freunden zu verbringen. Weihnachten 2017 in Deutschland.

Auch wenn die Werbung in der Adventszeit oft etwas anderes suggeriert: Das Bild der bürgerlichen Kernfamilie, die unterm Weihnachtsbaum zusammenkommt, hat für immer mehr Menschen wenig mit der eigenen Lebensrealität zu tun.

Immer weniger traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familien

Zwar wachsen nach wie vor die meisten Kinder mit zwei leiblichen Eltern auf, doch ihre Zahl sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. An die Stelle der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie treten Patchwork-Konstellationen, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Alleinerziehende, Singles. Modelle, in denen sich auch ein neues Verständnis von Geschlechterrollen widerspiegelt. „Soziale Elternschaft spielt eine zunehmend große Rolle“, konstatiert Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München. Sie weist zudem darauf hin, dass Freundeskreise und Nachbarschaften an Bedeutung gewännen, auch weil die Verwandtschaft heute oft nicht mehr so eng zusammenwohne. „In Ansätzen bilden sich sogenannte intentionale Gemeinschaften, die miteinander Werte teilen, oft auch gemeinsame Projekte auf den Weg bringen, die arbeiten und leben zu verbinden suchen“, erläutert Jurczyk.

Expertin Ute Klammer drückt es so aus: „Familie ist fluider geworden. Das Versprechen von Stabilität ist brüchiger“, stellt die Direktorin des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) fest, die jahrelang das Bundesfamilienministerium beriet. „Familie muss heute permanent gestaltet werden – das kann auch bedeuten, dass sie multilokal organisiert wird, oder dass neue Patchworkfamilien zusammenfinden.“

Die moderne Vielfalt erlaubt also, dass zum weihnachtlichen Familienfest zunehmend nur zusammenfindet, wer auch zusammenfinden mag – jenseits gesellschaftlicher Zwänge oder blutsverwandtschaftlicher Bindungen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sich vor allem Frauen die Freiheit zur Familiengestaltung oft mit finanzieller Not erkaufen müssen. Denn wie Studien zeigen, geraten Frauen etwa nach einer Trennung, Scheidung oder als Alleinerziehende meist immer noch allzu oft ins Hintertreffen. Die Familie ist also flexibler geworden – und damit allzu oft auch prekär.

Kein Verfall von Familie

Nun setzen gerade Rechtspopulisten die Vielfalt der Lebensformen gern mit dem Verfall von Familie gleich und sehen darin die Wurzel allen gesellschaftlichen Übels. Die Realität ist jedoch eine ganz andere. Zwar ändern sich die Formen, in denen Familie gelebt wird, doch die Bedeutung fester Bindungen, die Bereitschaft, für andere zu sorgen, schwindet dadurch keineswegs – im Gegenteil.

„Bei Familie geht es weiterhin um verlässliche Beziehungen und eine gute Versorgung, also um das, was wir Care nennen“, sagt Karin Jurczyk. Dies gelte nicht nur für das Aufwachsen von Kindern, sondern auch für die Erwachsenengeneration und alte Menschen. Nur: „Die Form, in der das stattfindet, verliert an Bedeutung.“

Aus Sicht von Professorin Ute Klammer nimmt die Bedeutsamkeit familiärer oder familienähnlicher Beziehungen sogar zu. „Gerade einer unübersichtlichen Welt voller Optionen, zwischen denen ich mich entscheiden muss, scheint das Bedürfnis nach einem verlässlichen Anker groß zu sein.“ Hinzu kommt aus Sicht von DJI-Forscherin Jurczyk das Bedürfnis nach Zuwendung und Vertrautheit. Die Menschen wünschten sich eine Gemeinschaft, „in der man nicht erst etwas leisten muss, um anerkannt zu werden“.

Danach befragt, was sie mit Weihnachten verbinden, antworten übrigens die meisten Deutschen mit: „Liebe“. Insofern könnte Heiligabend einfach ein Tag sein, den man mit denen verbringt, die man gern hat. Lisa mit Jan, Hanne mit Elsa, Karl mit Gerhard – und wer sonst noch zusammenfindet.

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