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Vom Liebestöter zum Luxusstraps

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Die Unterhose ist in der Damenmode es erst seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt. Anfangs galt sie als unanständig.
Die Unterhose ist in der Damenmode es erst seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt. Anfangs galt sie als unanständig. © dpa

Die Ausstellung „Reiz & Scham“ im Industriemuseum in Chemnitz zeigt Unterwäsche aus 150 Jahren.Vor allem bei den Damen hat sich über die Jahre einiges geändert.

Von Beate Scheder

Männer machen es sich leicht. Mit der Frage der optimalen Verpackung ihres besten Stücks halten sie sich nicht lange auf: Einmal Karl-Heinz, immer Karl-Heinz. Oder immer Walter, Boris oder Sven. Wer einmal die passende Unterhose gefunden hat, bleibt ihr treu. Aus dem klassischen Doppelripp-mit-Eingriff-Träger – Modell Karl-Heinz – oder dem Verfechter dezent gemusterter Sportslips – Modell Walter – wird nicht so schnell ein Tanga-Lover – Modell Sven. Sexy? Ach was! Hauptsache bequem und günstig.

So einfach gestrickt wie die Herren der Schöpfung ist die Damenwelt in Sachen Unterwäsche nicht. Kein Wunder, dass Herrenschlüpfer in der Dessous-Schau „Reiz & Scham“ im Chemnitzer Industriemuseum nur einen Bruchteil der Ausstellungsfläche einnehmen und zwischen Korsetts, Reifröcken, Schnürleibchen, Negligés, Spitztüten-BHs, Handstrick-Bustiers, Wonderbras, String-Tangas, Strapskorsetts und hautfreundlichen Liebestötern aus 150 Jahren etwas untergehen.

Die Kuratorin Rita Müller hat für das Ungleichverhältnis eine einfache Erklärung parat: „Es ist nicht viel erhalten. Männerunterwäsche wurde nicht aufgehoben oder gesammelt. Die wurde weggeschmissen und in der Tat sind auch die Veränderungen nicht so groß.“ Drunter hat sich bei Männern wenig getan, bis in die knallbunten Siebzigerjahre. Als Beispiel dafür ist ein orangefarbenes Frottee-Ensemble bestehend aus T-Shirt und knöchellanger Unterhose zu bestaunen, oder zu belächeln. Nun ja. Auch die weiteren maskulinen Teile der Sonderausstellung wirken eher kurios, so etwa ein Slip mit integrierter, vorgeformter Knackpopo-Einlage.

Frage der Gewohnheit

Vielleicht ist es eine Frage der Gewohnheit: Für das Formen der Formen, neudeutsch Shaping, ist seit jeher die Damenwäsche zuständig. Dies zeigt der historische Part der Chemnitzer Ausstellung eindrücklich. Während das Korsett die noblen Damen des 19.Jahrhunderts in eine aufrechte Haltung zwängte und ihnen die Luft wegschnürte, wurde der Hintern mit allerhand Vorrichtungen in den Fokus gerückt.

Krinoline nennt sich eine Art Käfig in glockiger Rockform aus Federstahlbändern, Tournüre ein Halbgestell aus Stahl oder Fischbein, das das Gesäß in der Horizontalen verlängert und ausladende Kehrseiten zaubert, die so manche Ente vor Neid erblassen ließe. Es war nicht nur eine Frage der Mode, sondern auch des Anstands. Faustregel: Je mehr Lagen, desto schicklicher. „Zuerst kam das Unterhemd, dann die Strümpfe, dann ein Unterhemd, darüber die Krinoline, oben herum Korsage oder Korsett, dann kommen wieder Röcke, bis endlich der Überrock an der Reihe ist,“ zählt Müller auf.

Und wenn die Dame einmal musste? Dann wurde es kompliziert. „Man brauchte da irgendeine Öffnung. Ausziehen konnte man sich nicht komplett.“ Die Unterhose ist in der Damenmode indes erst seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt. Damals galten die „Unaussprechlichen“ noch als unanständig und wurden nur von Kurtisanen getragen. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar angesichts der gigantischen Beinröhren.

Auch der Büstenhalter verrät viel über das Frauenbild der jeweiligen Zeit. Mit dem Korsett schob man die Brüste soweit es ging auseinander, in den Zwanzigerjahren wurden sie flach gedrückt, in den Fünfzigern in spitzzulaufende Tütenform, heute mit Polstern nach oben gepresst.

„Dessous“ – so ist im Katalog nachzulesen – „sind gewissermaßen ein Zwitterwesen, das einerseits den nackten Körper verhüllt, andererseits bestimmte Körperpartien hervorhebt und gerade durch das Verhüllen einen besonderen Reiz hervorruft.“

Erlaubt, was gefällt

Ein Höhepunkt der Ausstellung, die in weiten Teilen bereits im LVR-Industriemuseum Ratingen zu sehen war, ist der direkte Vergleich eines Original-Miederwarengeschäfts aus Bonn mit einem nachgestellten DDR-Pendant. Die Bonner Ladeneinrichtung konnte nach Geschäftsaufgabe vom Ratinger Museum 2006 samt Inventar übernommen werden.

Die Chemnitzer ergänzten sie mit einem typischen HO-Geschäft, das sie mit Stücken aus der eigenen Sammlung, anderer Museen der Region und aus Privatbesitz füllten. Die Unterschiede fallen überraschend gering aus. Statt Perlon gab es synthetische Ostwäsche aus Dederon, an Vielfalt mangelte es, aber sonst stehen die Stücke der Westware kaum nach. Zumindest fast: „Was es im Osten wirklich weniger gab, waren erotische Dessous,“ sagt Müller. „Das passte nicht zum Frauenbild der berufstätigen, gleichberechtigen Frau. Alles, was mit dem Thema Erotik zu tun hat, galt als dekadent.“

Bieder war zwar auch der Westen in den Fünfzigern und Sechzigern, aber immerhin nahm dort Beate Uhse 1951 ihren Versandhandel in Betrieb.

Und heute? Da ist erlaubt, was gefällt. Manche lassen an ihre Haut nur zertifizierte Biobaumwolle, andere schwören auf formendes Spandex, wieder andere auf hauchdünne Spitze. Vielleicht stehen wir aber bald einem grundlegenden Wandel in Sachen Damenwäsche bevor: Erst kürzlich behauptete der französische Sportmediziner Jean-Denis Rouillon, das Tragen einen Büstenhalters mache abhängig und schade dem Brustgewebe.

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