+
Favoritin und ESC-Siegerin Emmelie de Forest steht auf der Bühne des Eurovision Song Contest.

Emmelie de Forest ESC

Liebenswerter Ohrwurm

Emmelie de Forest gewinnt den Eurovision Song Contest für Dänemark ohne trendigen Firlefanz. Politische Diskussionen finden am Rande statt - doch der Veranstalter stellt auf stur.

Von Elmar Kraushaar

Die ganze Geschichte in einer Schlagzeile: „Barfuß über den Öresund.“ So titelte die schwedische Presse am Morgen danach, denn Emmelie de Forest holte den Sieg beim Eurovision Song Contest von Malmö nach Kopenhagen, acht Kilometer und 20 Minuten Fahrzeit über die Öresundbrücke voneinander entfernt. Damit gewann Dänemark – nach 1963 und 2000 – zum dritten Mal den größten europäischen Musikwettbewerb, ausgetragen am vergangenen Samstagabend in der Malmö Arena vor mehr als 100 Millionen TV-Zuschauern.

Die 20-jährige de Forest, bekannt dafür, dass sie nie in Schuhen geht, stand mit ihrem „Only Teardrops“ bei den Buchmachern von Beginn an auf Platz 1. Und doch zeigte sie sich anschließend überwältigt von ihrem Sieg: „Bei allem Erwartungsdruck als Favoritin hatte ich viel Unterstützung. Mir hat geholfen, dass Dänemark an mich geglaubt hat.“

Der Song selbst, ein liebenswerter Ohrwurm ohne trendigen Firlefanz, kam in mittelalterlich anmutender Inszenierung daher, zwei Trommler, eine Blechflöte, auf dem Boden sitzend die Sängerin in wallendem Kleid.

Beliebige Mitklatschnummer aus Deutschland

Ganz anders dagegen der deutsche Beitrag, die Dance-Formation Cascada mit Sängerin Nathalie Horler. Im hautengen Kleid, nudefarben und übersät mit Strasssteinen und Nieten, stand sie zwischen Trockennebel und Feuerregen auf einem Bühnenpodest, und erreichte doch nur Platz 21. Ihr „Glorious“, eine beliebige Mitklatschnummer für die Großraumdisco, zeichnete lediglich eine besondere Nähe zum Vorjahressieger aus. Doch simple Nachahmer haben nie eine Chance beim ESC.

Dabei hatten deutsche Fans und Journalisten in den Tagen vor dem Finale die Sängerin hochgeschrieben, in nationaler Euphorie war plötzlich von ihr schon als Siegerin die Rede, umso heftiger war dann der Absturz. ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber konnte es anschließend nicht fassen, bemühte die politische Großwetterlage als Grund für das Desaster: „Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss sehen, da stand nicht nur Cascada, da stand auch Deutschland auf der Bühne.“ Auch Natalie Horler zeigte sich enttäuscht: „Jetzt ist es etwas blöd für Deutschland ausgegangen.“ Und trotzdem: „Es war eine unfassbare Woche für mich. Ich werde sie für immer im Herzen tragen.“

Ein Lied, das jede Krise übersteht

Dabei gab es neben Emmelie de Forest noch ein paar andere Sieger an diesem Finalabend, allesamt Songs ohne große Inszenierung, mit wenig Glanz und Glamour. Der junge Arzt Gianluca aus Malta (Platz 8) gehörte dazu, der ungarische Hipster ByeAlex (Platz 10), die Niederländerin Anouk (Platz 9) und der Italiener Marco Mengoni (Platz 7). Sie waren Geheimtipps die ganze Woche über und blieben Sympathieträger bis zum Schluss, bei den 11?000 Zuschauern in der Arena wie bei den Journalisten im Pressezentrum.

Die wahren Lieblinge aber waren die Griechen, Platz 6 für ihr „Alcohol Is Free“, bei dem alle aus vollem Herzen mitgrölten, ein Trinklied, das jede Krise übersteht. Das europäische Publikum ist bescheidener geworden in diesem Jahr, hört mehr auf einfache Gefühligkeit als überladenen Pomp und laute Partystimmung.

Auch die Inszenierung des schwedischen Fernsehsenders SVT blieb weit zurück hinter Aserbaidschans Großmannsucht vom vergangenen Jahr. Zwar begann die Show ganz bombastisch mit dem olympiareifen Einmarsch der Nationen und einer Hymne für die großen Gefühle, wechselte anschließend aber mit der Moderatorin Petra Mede und den Zwi-schenacts in eine humorige, selbstironische Stimmung. Dazu trug auch die Sängerin Sarah Dawn Finer bei, die als Lynda Woodruff durch Stockholm führte, und selbst der schwedische Premierminister Fredrik Reinfeldt machte mit in einem Sketch. Das war Unterhaltung pur, die nicht mehr will als das.

Politik bleibt nicht außen vor

Dennoch blieb in Malmö die Politik nicht außen vor. So wurde Kritik laut am Hauptsponsor der Veranstaltung, dem skandinavisch-baltischen Telekommunikationskonzern TeliaSonora. Ihm werden unsaubere Geschäfte vorgeworfen mit den politisch Fragwürdigsten der früheren Sowjetrepubliken. Nicht nur das: TeliaSonora soll in diesen Ländern auch mit lokalen Geheimdiensten zusammengearbeitet haben bei der Überwachung von Oppositionellen. Als der ESC-Veranstalter, die European Broadcasting Union, befragt wurde, ob man keine vertrauenswürdigeren Sponsoren hätte finden können, antwortete die Sprecherin Annika Nyberg bei Radio Liberty: „Wir sind ein Medienverbund, keine Menschenrechtsorganisation.“

Kritik gab es auch an der ESC-Losungskampagne „We are one“ mit Porträtfotos von Einwohnern Malmös, die in der ganzen Stadt plakatiert waren. Doch sind nicht – wie der ESC-Experte des NDR und taz-Redakteur Jan Feddersen herausfand – alle Hautfarben auf diesen Bildern vertreten. Und das in einer Stadt, die sich rühmt, dass Menschen aus 174 Nationen hier leben. Aber, so Feddersen, auf den Fotos „sind keine schwarzen und braunhäutigen Männer und Frauen zu sehen. Die Kampagne ist also: eine Lüge.“

Kritik der anderen Art gab es von linken und autonomen Gruppen. Sie protestierten gegen die ESC-Teilnahme des – in ihren Augen – „Apartheidstaates“ Israel. „Warum demonstriert ihr nicht gegen eine Teilnahme der Ukraine, Weißrusslands oder Aserbaidschans?“, fragte die Tageszeitung Dagens Nyheter zu Recht. Gegen die antisemitischen und antiisraelischen Töne im Vorfeld des ESC versammelte sich schließlich eine Gegendemonstration in einer „Kippa-Wanderung“, die von Malmös Synagoge ins Stadtzentrum führte.

Der ESC findet statt im politischen Raum. Das weiß man spätestens seit Baku, und selbst Malmö hat es wieder bewiesen. Doch der Veranstalter verweigert sich offiziell weiterhin dieser Erkenntnis, steckt den Kopf in den Sand. Man sei ein Verbund von TV-Sendern, nicht von Regierungen, heißt es, und der ESC sei keine politische Veranstaltung. Was aber wäre, wenn im nächsten Jahr Weißrussland gewinnen sollte, die letzte Diktatur Europas?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion