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Am Festival-Gelände in Duisburg: Holzkreuze erinnern an die Todesopfer.
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Am Festival-Gelände in Duisburg: Holzkreuze erinnern an die Todesopfer.

Loveparade-Tragödie

Was von der Liebe übrig blieb

  • VonAxel Spilcker
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Heute beginnt der Prozess um die Tragödie der Loveparade im Juli 2010. 21 Menschen starben bei einer Massenpanik, 650 weitere wurden verletzt.

Samstag, 24. Juli 2010, 18.10 Uhr. Das Handy piept. Notarzt Michael K. schaut auf. „Katastrophen-Alarm“, tickert übers Display. Kurz darauf taumelt eine Frau aus dem Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg auf seinen Behandlungsplatz zu.

Sie wollte feiern, so wie Hunderttausende andere Techno-Partygänger auf der Loveparade auch. Sie hatte den Weg durch den Tunnel nehmen müssen, diese düstere Röhre, eng, heiß, ehe es raus auf die Rampe nach oben aufs Festgelände gehen sollte. Doch die Frau blieb im Tunnel stecken, stolperte, stürzte. Ein riesiger Besucherstau hatte am Aufgang zum Techno-Gelände eine Massenpanik verursacht. Menschen trampelten über die junge Frau hinweg. Ihr Kleid war übersät von Fußabdrücken. Wie durch ein Wunder entkam die Raverin  dem Chaos. Traumatisiert sank sie schließlich dem Notarzt in die Arme.

Schwer verletzt hatte sie zu diesem Hilfsplatz gefunden, sie war die Einzige. Ansonsten lief nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ an diesem Unglückstag – mit 21 Toten und gut 650 Verletzten – für Notärzte und Feuerwehr vieles schief. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg zu den Ursachen der Katastrophe bei der Techno-Party offenbaren ein völliges Chaos bei der Rettung der Opfer. Das lag laut den Aussagen vieler Sanitäter, Mediziner und Feuerwehrleuten an den dilettantischen Planungen der Organisatoren und der Stadt Duisburg.

Siebeneinhalb Jahre nach der Tragödie beginnt am heutigen Freitag ein Strafprozess ungeheuren Ausmaßes in einem eigens angemieteten Saal der Düsseldorfer Messe. 75 Anwälte, Hunderte Nebenkläger, 500 Besucher und zehn Angeklagte.

Da sind zum einen die vier Chefplaner der Veranstaltungsfirma Lopavent des Unternehmers Reiner Schaller, der mit seiner Kette McFit hinter dem Projekt Loveparade stand. Zuvorderst muss sich Kersten S. als Gesamtleiter der Techno-Fete verantworten, gefolgt von den Verantwortlichen für Produktion, Sicherheit und Technik. Die Ankläger werfen ihnen eklatante Planungsfehler bei der Organisation der Party vor, „welche sie bei pflichtgemäßer Prüfung hätten erkennen müssen“. Es geht um fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung.

So soll das Quartett wichtige sicherheitstechnische Auflagen am Tag des Events nicht umgesetzt haben. Dadurch seien der Besucherstau „und die daraus resultierenden Todesfälle und Verletzungen mitverursacht worden“, folgern die Strafverfolger in ihrer 660 Seiten starken Anklage. Ferner müssen sechs städtische Bedienstete vom Bauamt und der Unteren Bauaufsicht auf der Anklagebank Platz nehmen.

Angeführt vom ehemaligen Baudezernenten Jürgen Dressler und dessen Amtsleiterin Anja Geer, genehmigte das Duisburger Rathaus das Techno-Event trotz mutmaßlich grober Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften der Bauordnung und Regelungen zu Sonderbauten des Landes. Auch hier spricht die Staatsanwaltschaft von Schlamperei. „Bei sorgfältiger Prüfung“ hätte man, so die Ermittler, „die schwerwiegenden Planungsfehler erkennen müssen“.

Vor allem die Führungsetage im Bauamt soll ihre Aufsichts- und Überwachungspflichten „nicht ordnungsgemäß wahrgenommen haben“. Insbesondere monieren die Ankläger, dass die städtischen Kontrolleure den absehbaren Risiken durch die gewaltigen Besucherströme nicht ausreichend Rechnung getragen hätten. Weder sollen entsprechende Gefahrenpunkte geprüft worden sein, noch habe man die Pläne der Veranstalter bezüglich der neuralgischen Punkte bei den Zugängen, im Tunnel und am Rampenaufgang kritisch hinterfragt.

Vielmehr gaben die Verantwortlichen der Baubehörde auf Druck der Stadtspitze um den damaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland und dessen Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe sowie dem Justiziar der Loveparade-Organisatoren im letzten Moment grünes Licht für das Mega-Event.

Ein Grund, warum der Kölner Strafverteidiger Björn Gercke, der den Cheforganisator vertritt, die Schuld für die Tragödie bei Stadt und Polizei sieht. „Mein Mandant und seine Kollegen mussten sich darauf verlassen, dass die Genehmigung durch die städtischen Mitarbeiter alle sicherheitsrelevanten Aspekte berücksichtigte und somit keine Planungsfehler bestanden.“ An dem Verfahren seien neben der Stadtverwaltung auch Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei beteiligt gewesen.

Einen Tag vor dem Event hatte der damalige Innenminister Ralf Jäger (SPD) noch per Pressemitteilung versichert, dass die Einsatzkräfte auf das Ereignis perfekt vorbereitet seien. Tatsächlich aber hatten die Beamten den ohnehin schon zu schmalen Rampenaufgang mit geparkten Einsatzwagen unnötig weiter verengt und dann auch noch Polizeiketten gebildet, um den drohenden Besucherstau zu verhindern. Genau das Gegenteil sei aber die Folge gewesen, meint der Anwalt – „insofern trifft die Polizei ein gehöriges Maß an Mitschuld an dieser Katastrophe.“

Vehemente Kritik gibt es auch an der Staatsanwaltschaft Duisburg. Diese habe viel zu lang an ihrem Hauptbeweisstück festgehalten: dem Gutachten des englischen Panikforschers Keith Still. In seiner Expertise zog der Professor ein vernichtendes Fazit: Diese Veranstaltung hätte nie durch das Duisburger Rathaus genehmigt werden dürfen. Den Organisatoren warf der Forscher eklatante Planungsfehler vor.

Die Still-Analyse aber überzeugte das erste zuständige Gericht in Duisburg nicht. Jahre vergingen mit einem Hickhack um die Prozesseröffnung, ehe nun das Mammutverfahren vor einer anderen Strafkammer beginnen kann.

Die Richter haben das Still-Gutachten erst einmal hintangestellt und den englischen Forscher nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ als Zeugen zunächst einmal ausgeladen. Die Strafkammer setzt auf eine neue Expertise des Sicherheitsexperten Jürgen Gerlach. Im ersten Teil seiner Studie spricht er ebenfalls von gravierenden Planungsfehlern.

Demnach soll die Gefahr eines Besucherstaus im Zugangstunnel zum Gelände unterschätzt worden sein. Außerdem sollen die „Vereinzelungsanlagen“ falsch konzipiert gewesen sein. Mit ihnen sollten die Ströme der Partygänger zum Loveparade-Gelände gesteuert werden.

Am 24. Juli 2020 verjährt der Fall. Bei den Millionen Fotos, Videodateien, Tausenden möglicher Zeugen und Beweismitteln fürchten bereits zahlreiche Prozessbeobachter, dass bis zur juristischen Deadline kein Urteil fallen wird. Gerichtssprecher Mathias Breidenstein konzediert denn auch: „Die zeitliche Dimension des Verfahrens ist sicherlich allen bewusst.“ Angesichts der komplexen Materie jedenfalls werde „die Zurechnung von Schuld an jeden einzelnen Angeklagten nicht einfach werden.“ Sollte die Schuldfrage tatsächlich offen bleiben, wäre „dies die Tragödie hinter der Tragödie“, betont Rechtsanwalt Julius Reiter, der zahlreiche Opfer des Unglücks vertritt.

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