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Als ob man durch ein Kaleidoskop auf eine Traumlandschaft schaut – Szene aus Sam Raimis Film „Die fantastische Welt von Oz“.

Sami Raimi

Die Liebe überdauert alles

Der Regisseur Sam Raimi über Eskapismus, Eisenstein, Emotionen – und über seinen neuen Film „Die fantastische Welt von Oz“.

In seinem blauen Anzug und der grün-gelb-blau-gestreiften Krawatte sieht Sam Raimi ein bisschen wie ein Avon-Vertreter aus, der sich in das Londoner Luxushotel Claridge’s verlaufen hat. Seine leicht vorgebeugte Kopfhaltung, das angenehm Moll-getönte Timbre seiner Stimme, seine ruhige und besonnene Art flößen Vertrauen ein und Zuversicht. Und genau das ist es auch, was Schauspieler an ihm schätzen. „Sam ist beim Drehen der beste Zuhörer und Teamarbeiter, den man sich nur wünschen kann“, schwärmt Rachel Weisz. Doch heute ist der Regisseur nervös. Während des Interviews bearbeitet er den Verschluss seiner Wasserflasche mit den Fingern derart, dass nur noch ein zerdrückter Blechklumpen übrig bleibt.

Mr. Raimi, träumen Sie in Farbe oder in Schwarz-Weiß?

Meistens in Farbe. Darüber habe ich aber noch nie nachgedacht. Bei meinem nächsten Traum werde ich aufpassen und mich hoffentlich daran erinnern.

Solche Farbenpracht-Orgien und Buntheits-Explosionen, wie man sie in „Die fantastische Welt von Oz“ zu sehen bekommt, kann man doch eigentlich nur träumen.

Stimmt, der Film ist tatsächlich eine grandiose Phantasmagorie – als ob man durch ein Kaleidoskop auf eine Traumlandschaft schaut. Obwohl: Die ersten 18 Minuten sind ja in Schwarz-Weiß, und erst dann wechselt der Film zur Farbe.

Eine Hommage an Victor Flemmings Filmklassiker „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1939, oder?

Ja, und das ist nicht die einzige tiefe Verbeugung vor diesem Meisterwerk. Es gibt wohl keinen Film, der mich als Kind so nachhaltig beindruckt hat wie „Der Zauberer von Oz“. Er war alles auf einmal: fantastisch, gruselig, wunderbar erhebend und lebensbejahend. Und natürlich das beste Musical, das je gedreht wurde. Besonders das Ende ist unglaublich schön. Wenn Judy Garland als Dorothy dreimal mit den Absätzen ihrer rubinroten Slipper klackt und plötzlich wieder zurück in Kansas ist. Und man die Gesichter der lieben Menschen sieht, von denen man dachte, sie wären gestorben. Alle sind wieder da… Diese zutiefst humane Botschaft geht mir immer noch unter die Haut – dass Liebe wirklich alles überdauern kann. Für mich ist Kino vor allem ein Fest der Emotionen. Als Zuschauer will ich berührt werden, als Filmemacher berühren.

„Die fantastische Welt von Oz“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Computeranimation und 3-D-Technik virtuos einsetzen kann, ohne dabei den poetischen Kern der Geschichte zu beschädigen.

Es freut mich sehr, dass Sie das so sehen. Genau das war meine Intention. Ich wollte diese grandiosen technischen und digitalen Möglichkeiten nur dazu einsetzen, die Story auf die bestmögliche Art und Weise zu erzählen. Dabei habe ich immer sehr darauf geachtet, dass die Bilder nie zum Selbstzweck verkommen.

Guter Eskapismus will auch gelernt sein.

Sie sagen es. Übrigens auch gutes 3-D-Kino. Ich habe mir zur Vorbereitung des Films sehr viele 3-D-Movies angeschaut. Und ich musste bestürzt feststellen, wie furchtbar schlecht die meisten davon sind. Es ist wirklich nicht leicht, einen guten 3-D-Film zu machen. Da muss man selbst als erfahrener Filmemacher eine völlig neue Filmsprache lernen. Bevor ich mit dem Drehen anfing, bin ich zuerst auf die 3-D-Filmschule gegangen und habe mich von den besten 3-D-Experten unterrichten lassen.

Die konventionelle Technik wäre für Sie keine Option gewesen?

In diesem Fall nicht. Der eigentliche Grund, warum ich mich auf das 3-D-Experiment eingelassen habe, liegt nämlich in den Romanvorlagen von Lyman Frank Baum. Er hat in seinen 14 Oz-Büchern eine ganz fabelhafte dreidimensionale Welt erschaffen. Da gibt es Beschreibungen von weiten Ebenen, höchsten Berggipfeln, tief hinabstürzenden Wasserfällen – und nicht zu vergessen die vielen fantastischen Kreaturen. Es ist ein wahres Fantasy-Eldorado.

Worin besteht also der wesentliche Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten 3-D-Film?

Ich habe gelernt, dass ein 3-D-Film in langen Einstellungen erzählt werden will. Der Zuschauer wird dadurch eingeladen, das Bild ganz genau zu betrachten. Und dazu braucht er Zeit. Deshalb habe ich mich diesmal vor allem beim Schnitt sehr zurückgehalten. Schnelle Schnittfolgen überfordern das Auge, und das geht auch auf Kosten der Klarheit. Ich wollte Bilder kreieren, die man sich wie Tableaus anschauen kann.

Was halten Sie von der neuen 48-Bilder-pro-Sekunde-Technik?

Wie sie Peter Jackson bei „The Hobbit“ angewandt hat? Das interessiert mich sehr. Ich glaube, damit kann man vor allem bei Kameraschwenks eine hohe Bild-Stabilität erzielen, sodass nichts mehr verwischt. Allerdings habe ich den Film noch nicht gesehen. Wir müssen uns als Filmemacher auf jeden Fall in diese Richtung weiterentwickeln.

Mindestens so wichtig wie die technische Seite beim Filmemachen ist die Besetzung der Schauspieler.

Ich würde sagen, sie ist sogar noch viel wichtiger. Schauspieler sind das Herz eines jeden Films.

Ursprünglich sollte der Zauberer von Oz entweder von Johnny Depp oder Robert Downey Jr. gespielt werden. Wie haben Sie sich gefühlt, als die beiden Stars absagten?

Zuerst war ich natürlich traurig. Aber so ist das eben im Filmbusiness-Roulette. Doch als dann James Franco die Rolle unbedingt spielen wollte, war ich sehr glücklich. Er hatte als großer Baum-Fan die richtige Einstellung und auch noch das passende Alter. Rückblickend betrachtet war er das Beste, was mir passieren konnte.

Stimmt es, dass Sie die drei Film-Hexen Michelle Williams, Rachel Weisz und Mila Kunis nach den Charaktereigenschaften besetzt haben, die sie im wirklichen Leben haben?

Das mache ich eigentlich immer. Michelle Williams zum Beispiel verströmt auch im wirklichen Leben aus jeder Pore Lebensfreude und Güte. Deshalb spielt sie die gute Hexe so überzeugend. So etwas kann man nicht faken – vor allem nicht bei den Nahaufnahmen.

Aber sind Schauspieler nicht gerade dazu da, etwas vorzugeben, das sie nicht sind?

Schon. Aber bei der Quintessenz eines Charakters können sie nicht so tun als ob. Für die gute Hexe brauchte ich jemand, der durch und durch gut ist – und das schließt schon mal mindestens 90 Prozent der Hollywood-Schauspieler aus. Ich habe viele sehr gute Schauspieler für die Hexen-Rollen getestet, aber nur Rachel Weisz konnte so rücksichtslos-böse und machtgierig sein. Nur Mila Kunis so ambivalent in ihrer anfänglichen Unschuld und späteren Rachsucht. Bei Mila tauchte plötzlich die ganze Gefühls-Palette auf – von der netten Hotelangestellten in „Nie wieder Sex mit dem Ex“ bis hin zur teuflischen Intrigantin in „Black Swan“.

Lässt man Ihnen beim Drehen von Seiten des Studios freie Hand?

Ja, ich hatte bei diesem Film sogar den Final Cut. Das heißt nicht, dass das Studio dann keine Vorschläge macht. Aber das ist oft gar nicht so schlecht. Ich habe von der langen Liste vielleicht zwei Drittel der Anregungen aufgegriffen, ein Drittel verworfen.

Was wollte man geändert haben?

Ich komme ja vom Horrorfilm, und da sind mir wohl einige Kreaturen – allen voran die fliegenden, zähnefletschenden Paviane – etwas zu furchterregend geraten. Da musste ich ein wenig korrigieren. Aber das war schon okay, denn ich wollte ja einen Familien- und keinen Horrorfilm machen. In meiner kreativen Freiheit fühlte ich mich also zu keiner Zeit eingeschränkt.

Vor gut 30 Jahren sind Sie in Hollywood mit Zombie- und Splatter-Filmen wie „Tanz der Teufel“, „Die Killer-Akademie“ und „Tanz der Teufel II“ durchgestartet.

Das ist optimistisch ausgedrückt.

Mit Filmen, die in Deutschland als jugendgefährdend eingestuft wurden und lange auf dem Index standen. Jetzt sind Sie beim Disney-Familienfilm gelandet. Reiben Sie sich nicht manchmal vor Staunen die Augen?

Ja, das war schon ein sehr langer und steiniger Weg. 20 von den 30 Jahren war Hollywood gar nicht gut auf mich zu sprechen. Ich war dort als ganz übler Horror-Freak verschrien. Oder bestenfalls als komischer Kauz. Ich hatte auch immer große Schwierigkeiten, die Filme, die ich machen wollte, finanziert zu bekommen. Doch eines Tages hatte ich das unbeschreibliche Glück, dass ich genau das machen wollte, was ein großes Hollywood-Studio auch auf dem Plan hatte, nämlich den „Spider-Man“-Film.

Und man gab Ihnen so mir nichts, dir nichts den Multi-Millionen-Etat?

Ich ging zu einem Meeting – und bekam den Zuschlag. Das hat mich selbst am meisten überrascht. Seit dem großen wirtschaftlichen Erfolg der „Spider-Man“-Trilogie hat sich mein Status in Hollywood natürlich entscheidend verbessert. Wenn Hollywood sieht, dass man viel Geld einspielen kann, ist man dort plötzlich sehr zugänglich.

Mit Ihrer „Spider-Man“-Trilogie haben Sie das Comic-Superhelden-Genre fast im Alleingang reanimiert.

Nach dem weltweiten Erfolg haben sich tatsächlich die Schleusen geöffnet. So viele Comic-Verfilmungen wie heute gab es noch nie. Aber auch da gibt es qualitativ große Unterschiede.

Wenn Sie Ihren fertigen Film zum ersten Mal auf einer großen Kinoleinwand sehen – ist das für Sie noch ein magisches Erlebnis?

Ich wünschte, das wäre so. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich quäle mich von Bild zu Bild. Sehe vor allem die Fehler, die ich gemacht habe. Und die vielen Versäumnisse. Warum habe ich hier nicht geschnitten? Warum stimmt dort die Tonmischung nicht? Es ist wie eine nicht enden wollende Folter. Das Kino als Dantes Inferno. Die einzige Ablenkung von diesem Martyrium ist, wenn ich merke, dass das Publikum meinen Film mag. Das ist dann wie Balsam auf meine Wunden.

Zu Ihrem Markenzeichen gehört, dass Sie in jedem Film Ihr Auto auftauchen lassen. Diesmal auch?

Mein Auto? Sie sprechen von meinem gelben Oldsmobile Delta 88, Baujahr 1973? Ja, es ist auch diesmal wieder im Film und spielt sogar eine sehr tiefschürfende Rolle. Erinnern Sie sich, wie Robert de Niro für einen Part schon mal 20 Kilo zu- oder abnahm? So war das mit meinem Auto. Es wurde total zerlegt und einzelne Teile davon wurden zu der Maschine zusammenmontiert, die Oz braucht, damit seine Tricks funktionieren. Wenn Oz ein Bild von sich selbst an den Himmel über der Smaragd-Stadt projiziert: das macht mein Auto.

Ein anderer Ihrer Spleens ist, in Ihren Filmen eine Hitchcock-Reverenz einzubauen…

Diesmal nicht. Ich will auch mal etwas klarstellen: Viele Leute denken, dass Hitchcock einer meiner größten Einflüsse ist. Das stimmt nur zum Teil. Ich habe von seinen über 50 Filmen nur die zehn letzten gesehen. Die finde ich allerdings fantastisch. Die eigentliche Ehrerbietung, die ich ihm als einem der größten Filmemacher aller Zeiten erweise, ist, dass ich bei den Dreharbeiten immer Anzug und Krawatte trage. Natürlich auch ein bisschen aus Respekt vor der Kunstform Film.

Wer hat Sie als Filmemacher am meisten beeinflusst?

Ich bewundere viele und wurde sicher auch von vielen beeinflusst, aber einer ragt haushoch heraus: Sergej Eisenstein. Seine Montagetechnik habe ich bis ins kleinste Detail studiert. Was bedeutet es, wenn ich dieses Bild zu jenem Bild stelle und was evoziert das für Gefühle beim Zuschauer? Seine Bücher und theoretischen Schriften habe ich regelrecht verschlungen. Und sein Film „Panzerkreuzer Potemkin“ hat sich wie kein anderer Film in meine DNS eingebrannt.

Gibt es auch deutsche Regisseure, die Sie schätzen?

Da fällt mir zuerst Fritz Lang ein. „Metropolis“ gehört sicher zu meinen zehn Lieblingsfilmen aller Zeiten. Ebenso Friedrich Murnaus „Nosferatu“. Die deutschen Expressionisten haben es mir sehr angetan. Vor allem bei den „Tanz der Teufel“-Filmen habe ich mich schamlos an ihrer Filmästhetik bedient.

Wann wussten Sie, dass Sie als Regisseur Ihre eigene Handschrift gefunden hatten?

Habe ich das überhaupt? Ich sehe mich eigentlich immer noch als Filmstudenten, der begierig lernt. Machen wir uns nichts vor, wir in Hollywood stehlen doch alle von den Filmemachern auf der ganzen Welt: Von Chaplin und Hitchcock aus England, Fellini aus Italien, Truffaut aus Frankreich, und so weiter. Darin ist Hollywood einsame Klasse – im Aufsaugen von Talent.

Seit einiger Zeit werden die wirklich innovativen Filme im Fernsehen gezeigt, heißt es. Finden Sie das auch?

Da ist viel Wahres dran. In den USA hat sich vor allem durch die TV-Serien bei HBO – Stichwort „Sopranos“ – sehr viel zum Besseren verändert. Andere Sender haben nachgezogen. Früher war das Fernsehen langweilig und altmodisch und das Kino aufregend und spannend. Heute ist es fast umgekehrt. Die wirkliche Party findet im TV statt.

Und woran liegt das?

Man hat dort anscheinend mehr Fantasie, mehr Mut und eine größere Risikobereitschaft.

Würde es Sie reizen, eine TV-Serie zu machen?

Auf jeden Fall. Sehr sogar.

Und gibt es einen Kinofilm, den Sie unbedingt noch machen wollen?

Ich wollte immer „The Shadow“ machen, nach dieser amerikanischen Radio- und Comic-Serie.

Aber den gibt es schon. Mit Alec Baldwin als Shadow.

Richtig, eines der dunkelsten Kapitel meines Lebens. Denn eigentlich sollte ich ja vor 20 Jahren Regie führen. Leider konnte ich mir damals die Rechte zu „The Shadow“ nicht sichern. Deshalb habe ich – aus Rache – meine eigene Version davon geschrieben und sie „Darkman“ genannt. Der Film kam tatsächlich mit Liam Neeson ins Kino.

Hat das Horror-Genre für Sie inzwischen an Reiz verloren?

Ich finde es noch immer sehr reizvoll, das Kinopublikum zu erschrecken. Wie ein böser Junge, der plötzlich aus dem Schrank springt und Buh! schreit. Ich kehre sicher wieder zum Horrorfilm zurück. Aber ich muss erst einen Stoff finden, der mich wirklich begeistert.

Wann haben Sie sich zuletzt im Kino erschreckt?

Ich habe mich bei zwei Filmen wahnsinnig gegruselt: Bei Gore Verbinskis „Ring“, seinem Remake des japanischen „Ringu“. Und bei Takashi Shimizus „Der Fluch“. Beide Filme mixen Emotionen mit Horror. Das liebe ich über alles. Das ist so, als ob einem das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen wird.

Interview: Ulrich Lössl

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