+
Wer im Krisengebiet nicht selbst für Solarenergie sorgt, hat im schlimmsten Fall nur vier Stunden Strom am Tag.

Gaza

Ein Lichtblick für Gaza

Eine Palästinenserin will Sonnenkollektoren für arme Familien ihrer Heimat erschwinglich machen. So viel Eigeninitiative ist der Hamas nicht geheuer.

Die Hühner auf dem Flachdach sind in heller Aufregung. Mit flatternden Flügeln inspiziert das Federvieh die beiden silberblau glänzenden Solarpanels, die die Arbeiter gerade für eine Verschnaufpause abgestellt haben. Inmitten des Gackerns verfolgen die Zuschauer andächtig, wie die Männer die Sonnenkollektoren wieder auf ihre Schultern hieven, um sie über eine schmale Leiter auf die höchste Stelle, oben auf den Treppenhaussockel, zu bugsieren und die Halterung fest zu bohren. 

Auf diesen Tag hin haben sie gespart und manchen Schekel vom Haushaltsgeld abgeknapst, die Bewohner des halbfertigen, zweistöckigen Gebäudes in Mograka, einem ärmlichen Dorf südlich von Gaza-City. Die Aussicht, von nun an selber Elektrizität produzieren zu können, statt Abende lang im Dunkeln zu sitzen, weckt fast schon vergessene Glücksgefühle. „Jetzt können wir unsere Schulaufgaben erledigen, wann immer wir wollen“, freut sich die elfjährige Rinat. Ihr Großvater lacht. „Hauptsache, es wird nicht die ganze Zeit Fernsehen geschaut.“ 

Nur noch die Batterien anschließen und mit dem Einspeisegerät verbinden. Dann ist es soweit. Den Rest erledigt die Sonne. Auch Majd Mashharawi tankt in diesem Moment auf, der sie für manchen Rückschlag entschädigt. Sie ist die jungdynamische Chefin des ambitionierten Projekts, Sonnenenergie gerade für einkommensschwache Familien in Gaza erschwinglich zu machen.

„Sun Box“ nennt sich das Unternehmen, das sie vor einem Jahr gegründet hat. Damals ahnte sie nicht, welcher Kraftakt das werden sollte. Ihre Idee war ja eigentlich so simpel wie unschlagbar. Gaza hat von allem zu wenig, die Stromversorgung ist das reinste Desaster, nur Sonne gibt es in dem palästinensischen Küstenstreifen mehr als genug, an mindestens 300 fast wolkenlosen Tagen im Jahr. 

350 US-Dollar kostet eine Sun Box– so wenig wie möglich

Mashharawi ist erst 25 Jahre alt. „Ich halte nichts von NGOs“, sagt sie selbstbewusst. „Meine Projekte sind profitorientiert.“ Klingt gut, aber nach einem Vorsatz für die Zukunft. Vorerst springt für sie und ihr sechsköpfiges Team allenfalls ein karger Minimallohn heraus. Das angebotene Solarsystem ist mit 350 US-Dollar so knapp wie möglich kalkuliert, weit unter dem üblichen Marktpreis. Bezahlbar ist es für ihre Klientel nur dank der Zuschüsse aus einer Crowdfunding-Kampagne, über die im Frühherbst rund 60 000 US-Dollar zusammenkamen. 521 Spender aus Asien, USA und Europa machten kleine und größere Summen locker, um – so das Motto – „Licht nach Gaza zu bringen“.

Seitdem sitzt Masharawi wieder etwas relaxter in ihrem Ladenbüro, in dem sie uns am Morgen empfangen hat. Es liegt in einer Seitenstraße in Rimal, einem der besseren Viertel in Gaza-City. Unübersehbar prangt auf dem Eingangsschild in sonnengelben Lettern „Sun Box“. Hell und freundlich ist es auch drinnen. Zwischen zum Verkauf ausgestellten palästinensischen Handarbeiten in modernem Design – ein Frauenprojekt, das sie nebenher angekurbelt hat – sind Schreibtische aus schlichtem Holz gruppiert. Ihrer steht in der hinteren Nische, abgetrennt von einer Glastür: Mashharawis Cockpit, von dem aus sie mit Verve und Wagemut die innovative Firma steuert. 

In die Wiege wurde ihr, der ältesten Tochter einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie, die Rolle nicht gelegt. Ihre Kindheit war von der zweiten Intifada überschattet, ihre Jugend von drei Gaza-Kriegen. Aber damit hält sie sich nicht auf, wenn sie ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt. Sie handelt von einer, die sich mit misslichen Lagen nicht abfindet, sondern kreative Auswege sucht, daraus Geschäftsmodelle entwickelt, die sozial, umweltbewusst und dazu erfolgreich sind. So sehr, dass man auch international auf diese couragierte Frau aus Gaza aufmerksam geworden ist. 

Stolz zeigt sie uns die Einladung zu einer hochbesetzten US-Konferenz – TED Women 2018 in Palm Springs –, die Aktivistinnen, Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zusammenbringt. Im Programmteil findet sich unter den angekündigten Rednerinnen aus aller Welt auch ihr Name samt Bild. Wieder mal wisse sie nur nicht, seufzt Mashharawi, ob die Israelis ihr rechtzeitig eine Ausreiseerlaubnis bewilligten. Erst Tage später, quasi in letzter Minute, wird sie grünes Licht bekommen und uns vom Flughafen in Amman die freudige Nachricht schicken: „Ein Wunder. Am Ende hat es geklappt. Gleich steige ich in den Flieger nach San Francisco.“ 

Leicht wird ihr die Rückkehr nicht fallen. „Es ist hart in Gaza zu leben, umso mehr, wenn man das Leben außerhalb kennt“, sagt sie. Mehr als einmal ist sie mit Hamas-Vertretern, die Eigeninitiative wenig schätzen, aneinandergeraten. Aber die Menschen in Gaza, die sich so wie sie selbst nicht unterkriegen ließen, die, sagt Mashharawi, „sind meine Motivation“. Schon im Teenageralter sann sie über Wege nach, um sie mittels selbstgenügsamer Agrarwirtschaft unabhängiger zu machen. Ihr Beitrag gewann bei einem internationalen Schülerwettbewerb den dritten Platz. Bitter nur, dass sie zur Preisverleihung nicht raus durfte aus dem abgeriegelten Gazastreifen. 

Dann der Durchbruch. Während ihres Ingenieurstudiums an der Islamischen Universität hatte sie gemeinsam mit Kommilitonen Methoden untersucht, um aus dem Schutt und der Asche kriegszerstörter Häuser Blocksteine zu pressen. Vielerorts in Gaza wird aus der Not heraus so verfahren, ohne auf den toxischen Gehalt zu achten. Die Studenten wollten es genauer wissen und schickten Proben zu Tests nach Japan, woraufhin Mashharawi zu einer sechsmonatigen Recherche ins Reich der Mitte eingeladen wurde. 

Ihr Ergebnis hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Die optimale Mischung wurde entdeckt, nach deren Rezeptur eine Fabrik in Gaza inzwischen umweltverträgliche Bausteine produziert. Über dreißig Angestellte fanden dort einen Job. Seitdem, berichtet Mashharawi augenzwinkernd, lägen ihr auch die Eltern nicht mehr dauernd in den Ohren, doch lieber zu heiraten, statt nächtelang Technikbücher zu wälzen. Auf einmal war sie der Stolz der Familie. 

Obendrauf erhielt Mashharawi ein Stipendium für ein Managementtraining in Boston. Derart ermutigt dachte sie schon wieder an eine neue Sache: Solarenergie. Darin witterte sie die wohl nachhaltigste Lösung, um der notorischen Stromkrise in Gaza zu begegnen. Vorausgesetzt, man kann sich die Anschaffung leisten, etwa wie die Tankstellenbesitzer, die mit Sonnenkollektoren schon seit längerem ihre Benzinpumpen rund um die Uhr am Laufen halten. Die meisten der zwei Millionen Einwohner müssen sich mit vier, bestenfalls acht Stunden täglich begnügen, in denen aus ihren Steckdosen Saft kommt, und das seit über zehn Jahren. Folge einer rigiden Sanktionspolitik, die auf das Hamas-Regime abzielt, aber die ohnehin notleidende Bevölkerung am ärgsten trifft. 

In Japan hatte Mashharawi bereits Kontakt zu chinesischen Billigherstellern von Solarpanels geknüpft und ein paar Prototypen für Gaza geordert. Es ließ sich auch gut an, als im Dezember vorigen Jahres das erste Modul auf dem Haus eines Dorfvorstehers in der Region Chan Junis installiert wurde. Gleich am nächsten Tag standen dessen Nachbarn vor der Tür. Wie es denn komme, wollten sie wissen, dass er die Fernsehübertragung eines Fußball-Cups empfange, während sie wegen Stromausfalls in die leere Röhre guckten. Schnell verbreitete sich die Kunde von Mund zu Mund, dass „Sun Box“ bedürftigen Familien eine Solareinheit, ausreichend für Licht, Computer, TV oder Kühlschrank, unter Preis anbiete. 

„Die Leute bestellten, noch ehe wir die Ware in Gaza hatten“, berichtet Mashharawi. Doch plötzlich schien sich alles gegen ihr Projekt zu verkehren. Israel machte den Übergang Kerem Schalom dicht, um den Druck auf die Hamas zu erhöhen. Wochenlang steckt die Lieferung aus China mit 185 Sonnenkollektoren plus Zubehör für Gaza im Hafen von Aschdod fest. Und bis sie nach einigem Hin und Her dann doch geliefert werden konnten – Panels, Batterien und Stromkasten jeweils an einem gesonderten Tag, „es war zum Verrücktwerden“, so Mashharawi –, sprangen die Kunden ab. „Wir haben einfach das Geld nicht mehr“, erklärten sie ihr. 

Vor allem Frauen unterstützen das Projekt

Mit der Kampagne „Licht nach Gaza zu bringen“ sah es noch im Sommer ziemlich schwarz aus. „Lass dir was einfallen oder mach den Laden dicht“, rieten die Leute von Launch Goods, der Crowdfunding-Plattform. Aufgeben kam für Mashharawi nicht infrage. Also rechnete sie neu durch, wie sich die Kosten senken lassen, wenn sich zwei Familien eine Solareinheit teilen, aber beide eine Finanzierungshilfe von 100 Dollar bekommen. 

Das Konzept scheint aufzugehen. Vor allem unter den Frauen fand Mashharawi Verbündete. So wie in Mograka, wo ihre Leute an diesem Tag gleich fünf Solarsysteme auf diversen Hausdächern installiert haben. Sie habe ihrem Mann so lange in den Ohren gelegen, bis er dem Kauf zustimmte, erzählt Mona Musaweh verschmitzt, 30 Jahre alt und Mutter von sechs Kindern. „Damit wird alles leichter.“ Keine schlaflosen Nächte mehr, in denen sie die Waschmaschine anschmiss, weil es tagsüber keinen Strom gab. Keine verdorbenen Lebensmittel mehr, die weggeworfen werden mussten, weil der Kühlschrank ausfiel. 

Inzwischen nutzen an die 600 Palästinenser in Gaza die „Sun Box“. Deren Leistung ist zwar begrenzt auf durchschnittlich 500 Watt täglich. Sie setzt aber enorme Lebensenergie frei.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion