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„Ich werde mit meiner Musik nicht die Welt verändern. Aber das ist okay“, sagt Thomas Anders.

Thomas Anders

„Vielleicht bin ich Spießer“

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Viele denken bei Thomas Anders wohl immer noch an Modern Talking. Ein Gespräch über seinen entspannten Umgang mit dem Erfolg und die ersten Jahre auf der Bühne. 

Thomas Anders strahlt genauso wie man ihn aus dem Fernsehen kennt: Die Zähne sind showwelt-weiß, die Haut gebräunt. Der 56-Jährige trägt weiße Turnschuhe zu grauem Sakko beim Interview an diesem Tag in einem Hotelzimmer im Frankfurter Hof. Seit Jahren tourt Anders, der eigentlich Bernd Weidung heißt, weltweit. In Los Angeles waren seine Konzerte sofort ausverkauft. Im Mai geht er erstmals solo in Deutschland auf große Tour – mit deutschen Songs seines zweiten Albums „Ewig mit dir“ sowie den alten Modern-Talking-Hits. Er sei schließlich die Stimme von Modern Talking. Angefangen hat er schon als kleiner Junge, bei Auftritten bei Kirchweihfesten und in Altenheimen.

Was war eigentlich das Schlaueste, was Sie in Ihrem beruflichen Leben gemacht haben, Herr Anders?
Wenn es darum geht, was mein Leben verändert hat, war das, als ich zu Dieter Bohlen sagte, dass ich auf Englisch singen möchte. Ich hatte meine Musikkarriere mit der deutschen Sprache angefangen. Dieter Bohlen war zuerst von der Idee, dass ich plötzlich Englisch singe, nicht begeistert. Er antwortete, dass er nicht wisse, ob ich das könne. Aber dann kam er aus dem Sommerurlaub zurück und hatte unseren ersten Hit „You’re My Heart, You’re My Soul“ geschrieben. Also war das mit Sicherheit eine sehr schlaue Entscheidung von mir. Das ist jetzt 38 Jahre her. Das ist schon vorsintflutmäßig (lacht).

Apropos vorsintflutmäßig: Seit 50 Jahren stehen Sie schon auf der Bühne. Ihr Künstlername als Kind war Bernie von der Mosel. Erinnern Sie sich an Ihren allerersten Auftritt?
Ja, da war ich sechs Jahre alt und das war bei einer Weihnachtsfeier von unserer Dorfgemeinschaft in der Vordereifel. Mein Vater war dort Bürgermeister und zu meinem Auftritt sind vielleicht 100 Leute gekommen. Ich musste mich auf einen Stuhl stellen, sonst hätte man mich nicht gesehen. Ich habe vier Weihnachtslieder gesungen. Ich kann mich aber nur noch an einen Song erinnern und das war „Heidschi Bumbeidschi“. Alle haben applaudiert und das fand ich großartig. Ich bekam für den Auftritt eine Tafel Schokolade und eine Tüte Chips. Das war der Trigger, dass ich Sänger werden wollte. Ich mache etwas, was mir Spaß macht und bekomme dafür etwas, das mir gefällt.

Und wie ging es dann weiter?
Dieser Auftritt hat sich schnell herumgesprochen. Ich habe dann auch in Altenheimen oder bei Fastnachts-Sitzungen gesungen. Damals gab es zudem auf dem Land viele Kirchweihfeste, zu denen ich eingeladen wurde. Das ging dann ein paar Jahre so. Als ich neun Jahre alt war, hat mich Kurt-Adolf Thelen, der singende Kellermeister, der als Interpret von Karnevalsliedern wie „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und Trinkliedern bekannt war, zu sich ins Studio eingeladen. Und dann habe ich tatsächlich mit neun Jahren meine allererste Langspielplatte aufgenommen. Das war so in Richtung von Heintje. Das Album ist aber nie veröffentlicht worden. Und dann gab es in Koblenz ein großes Tanzlokal, da bin ich drei Jahre lang, bis ich zwölf Jahre alt war, mit einem Elf-Mann-Orchester aufgetreten. Immer nachmittags. Das waren bestimmt 150 Auftritte. Hm, und wie ging es dann weiter? Müsste ich fast mal in meinem Buch nachlesen (lacht)…

Wissen Sie es auch so noch?
Ach ja, ich kam in die Pubertät und hatte dann erstmal keine Lust mehr auf Singen. Das kam aber schnell wieder nach dem Stimmbruch. Ich hatte mit 15 Jahren einen Auftritt für Radio Luxemburg bei einem Talentwettbewerb. Ich kam aber nicht unter die ersten Drei. Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich fand nämlich, dass die anderen nicht so gut wie ich waren. Ich bin frustriert mit meinem Vater nach Hause gefahren. Am nächsten Tag kam dann aber ein Anruf und am Telefon waren zwei Herren von Radio Luxemburg, die sagten, dass ich nicht weitergekommen sei, sie aber mit mir einen Vertrag machen wollen. Und dann habe ich meine erste Schallplatte mit 15 Jahren veröffentlicht. Irgendwann, viele Jahre später nach Modern-Talking-Zeiten, kam einer dieser Herren, der mich damals unter Vertrag genommen hatte, und sagte: „Ich kann es dir heute sagen. Wir haben dir damals null Punkte beim Talentwettbewerb gegeben, damit wir mit dir den Vertrag machen konnten.“ Wäre ich nicht erfolgreich geworden, hätte er mir das wohl nie verraten.

Stimmt es, dass Sie sich als Jugendlicher gerne vor körperlicher Arbeit zu Hause gedrückt haben?
Ja, und das sehr erfolgreich. Meine Eltern haben noch ein Haus gebaut und da mein älterer Bruder mithelfen musste, sollte ich das auch. Aber ich dachte: „Das ist so gar nicht mein Ding. Ich kann doch nicht irgendeinen Bauschutt hin- und hertransportieren“. Also zog ich ein helles Jackett und dazu eine Lederkrawatte an - und nach jedem zehnten Stein bin ich mir Hände waschen gegangen. Da war natürlich System dahinter. Nach einem halben Tag sagte mein Vater: „Das kann man ja nicht mit ansehen. Dich kann man überhaupt nicht beim Bau gebrauchen, bitte bleib zu Hause!“ Ich musste nie wieder auf die Baustelle (lacht).

Bis heute erinnern sich die meisten, wenn sie den Namen Thomas Anders hören, an Ihre legendäre goldene Nora-Kette, die Sie damals trugen, als Sie mit Ihrer ersten Frau Nora verheiratet waren. Wo ist die Kette heute?
Sie liegt seit 1990 in meinem Tresor. Ich habe sie damals für 5000 D-Mark entwerfen lassen. Ich habe sie nicht aus nostalgischen Gründen aufbewahrt. Aber ich fände es komisch, nicht zu wissen, wo die Kette landet, deshalb habe ich sie nie verkauft. Diese Kette ist schon musikgeschichtsträchtig. Es sind 29 Jahre vergangen, seitdem trage ich diese Kette nicht mehr und sie ist immer noch in den Köpfen der Menschen. Ich müsste wirklich einen Marketingpreis dafür bekommen.

Sie singen seit 2017 wieder Deutsch. Warum eigentlich? War das ein Zurück zu den Wurzeln?
Der Auslöser waren meine Fans. Sie schrieben mir schon vor zehn Jahren: „Warum singst du eigentlich nicht auf Deutsch?“ Ich habe es erst gar nicht verstanden: „Ich bin sehr erfolgreich mit englischen Texten geworden, warum soll ich jetzt Deutsch singen?“ Dann fing ich an, mich mehr mit der deutschsprachigen Musik zu beschäftigen. Und habe auch festgestellt, die Texte sind viel jünger, viel frischer geworden, als damals, als ich anfing. Mein erstes deutschsprachiges Album „Pures Leben“ hat dann aber in der Umsetzung vier Jahre gedauert. Ich musste rausfinden: Wie klingt meine Stimme in deutscher Sprache? Welche Texte will ich singen? Wo ist meine Nische? Dann wurde mir der Song „Der Beste Tag meines Lebens“ angeboten und da wusste ich: „Das ist es. Genau so lebe ich. Ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich bin offen und das möchte ich gerne weitergeben.“ Ich werde mit meiner Musik nicht die Welt verändern. Aber das ist okay. Ich möchte einfach gute Unterhaltungsmusik machen.

Sie sind international schon seit Jahren im Ausland solo sehr erfolgreich: Sie treten in Argentinien, Israel, den USA und Russland auf. Es ist nun das erste Mal, dass Sie solo in Deutschland auf Tour gehen. Wieso jetzt erst?
Es gab jetzt nicht die Initialzündung, dass ich freitagmorgens aufgewacht bin und mir sagte, dass ich jetzt auf Deutschlandtour gehe. Fans haben das aber in den sozialen Medien diskutiert: „Jetzt kommt er mit seinem zweiten deutschsprachigen Album, ich würde ihn gerne mal auf der Bühne sehen.“ Ich dachte: „Ich kann doch einerseits meine deutschen Songs und gleichzeitig meine Modern-Talking-Sachen machen. Ich bin ja die Stimme von Modern Talking.“

Gibt es jemanden, der Bohlens Faust, die er früher immer so hübsch beim Gitarre spielen hochgehoben hat, ersetzen wird?
Jemanden hinstellen, der eine Faust macht, kriegt man hin. Aber das ist nicht notwendig. Die Musik lebt für sich. Ich sitze am Klavier - und es gibt eine Band und Backing Vocals und eine tolle Bühnenshow.

Bohlen ist nach 16 Jahren Konzertpause vor wenigen Tagen jetzt allein mit Modern-Talking-Hits in Moskau aufgetreten. Wie finden Sie das?
Wir sind ja nun beide schon bisschen älter und ich gehe entspannt damit um.

Woran liegt es eigentlich, dass Sie so beliebt in den USA sind? In Los Angeles waren Ihre Konzerte sofort ausverkauft …
Das ist in der Tat ein spezielles Phänomen. Mit Modern Talking hatten wir nie die große Karriere in den USA. Aber die USA sind ein ganz klassisches Einwanderungsland. Zum Teil sind die Eltern eingewandert, und die Kinder haben die Musik von den Eltern gehört und die Kinder haben amerikanische Partner geheiratet und bringen sie zu den Konzerten mit. In Los Angeles waren es 10 000 Tickets, die verkauft wurden: Unter den Besuchern waren viele Perser, Deutsche, Polen und Asiaten, die in Los Angeles leben.

In Argentinien sind Sie als Thomas Anders besonders beliebt …
In Südamerika haben wir als Modern Talking viele Schallplatten und CDs verkauft. Ich selbst hatte ein Nummer-1-Album in Argentinien. Jetzt im März war ich in Kanada auf Tour. Auch in Australien bin ich angefragt, aber das ist eine sehr lange Reise. Nächstes Jahr habe ich eine Show in Hanoi, von dort wäre es nicht mehr ganz so weit. Vielleicht klappt es dann.

Selbst als Sie sehr jung und supererfolgreich waren, sind Sie nie so richtig rockstarmäßig durchgedreht oder drogensüchtig geworden. Woran liegt das?
Vielleicht bin ich Spießer (lacht). Keine Ahnung. Mich haben Drogen nie getoucht. Jeder Mensch geht außerdem anders mit Erfolg um. Ich falle auch nach einer Show nie in ein tiefes Loch. Ich falle vielleicht in eine Hotelbar und dann ins Bett, aber dann ist auch gut (lacht).

Liegt das auch daran, dass Sie sehr behütet aufgewachsen sind?
Ich hatte wirklich eine tolle Kindheit auf dem Land. Eine Kindheit wie die „Kinder aus Büllerbu“. Wir haben Äpfel geklaut und Drachen steigen lassen. Das war absolut eine heile Welt. Ich glaube zwar nicht, dass Leute, die eine schöne Kindheit hatten, deswegen das Glück fürs Leben gepachtet haben. Aber ich bin überzeugt, dass sie leichter mit dem Leben umgehen. Manchmal gehe ich meiner Frau auch auf den Geist. Sie sagt: „Man kann doch nicht immer alles nur positiv sehen.“ (lacht)

Ihr gemeinsamer Sohn ist jetzt 17 Jahre alt. Hat er Ambitionen, in die Musikrichtung zu gehen?
Gott sei Dank nicht. Der Erfolgsdruck wäre extrem. Das wäre wie bei Cindy Crawfords Tochter. Da wird geschrieben: Wird Sie mal genauso hübsch wie ihre Mutter? Bei meinem Sohn wäre das: Bekommt er genauso viele goldene Schallplatten? Diesen permanenten Vergleich wünscht man seinem Kind nicht.

Sie leben immer noch in Ihrer Heimat in Koblenz, warum eigentlich?
Warum soll ich nicht dort leben, wo ich glücklich bin? Ich habe auch zeitweise mal in Berlin oder Los Angeles gelebt, aber ich bin nach Koblenz zurückgekommen. Koblenz erdet. Da ist niemand, der großartig im Showbusiness ist. Ich glaube, in Berlin würde ich verrückt werden. Ich bin froh, wenn ich zu Hause bin und zu mir kommen kann. In Koblenz rastet auch niemand aus, wenn er mich sieht. Und wenn einer doch mal ausrastet, dann ist das immer ein Tourist. Vor ein paar Jahren kam ich gerade von meinem Gemüsehändler, da liefen so ein paar Teenies auf mich zu und baten mich um ein Selfie. Sie waren aus Hagen und für ein paar Tage in Koblenz in der Jugendherberge. Einer der Jungs sagte: „Boah, den ersten Tag hier und schon ein Promi.“ Daraufhin sagte ich: „Gewöhn dich nicht dran. Es wird der letzte sein.“ (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

Zur Person

Thomas Anders wird am 1. März 1963 als Bernd Weidung in Münstermaifeld in Rheinland-Pfalz geboren. Er beginnt mit sechs Jahren als Sänger aufzutreten. Mit Dieter Bohlen wird er zum Pop-Duo Modern Talking, das weltweit Erfolge feiert. Alleine „You’re my heart, you’re my soul“ (1985) war in 81 Ländern auf Platz 1 der Verkaufscharts. Von 1984 bis 1987 und von 1998 bis 2003 traten sie gemeinsam auf.

Weltweit verkaufte Anders mit Modern Talking und Solo-Titeln über 125 Millionen CDs. Ab Mai ist er erstmals auf Solo-Tour durch Deutschland: Berlin (5. Mai); Frankfurt (16. Mai); Köln (18. Mai). Alle Städte und Termine unter www.thomas-anders.com/de

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