„Wenn man sich mein Werk anschaut, sieht man doch, dass ich in Dauersorge bin.“ Katja Kuhl
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„Wenn man sich mein Werk anschaut, sieht man doch, dass ich in Dauersorge bin.“ 

Moses Pelham

Moses Pelham: „Knarren, Autos, Mädels – das sind nur die Symptome“

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Die Klischees des Rap spiegeln ein gesellschaftliches Problem, sagt Moses Pelham. Ein Gespräch über harte Kerle und sanfte Worte – und darüber, warum er nicht als Vorbild gesehen werden will.

So ändern sich die Zeiten. Einst gab Moses Pelham den hartreimenden „Kanaken“, ließ Nasenbeine knacken. Und das nicht nur im Reim, auch im echten Leben mochte er es, nun ja: deutlich. Stefan Raab, der Mitte der Neunzigerjahre noch beim Musiksender Viva arbeitete und sich eine Weile mit Hingabe über Pelham und dessen erfolgreiches Hip-Hop-Duo „Rödelheim Hartreim Projekt“ lustig machte, kann ein Lied davon singen. 10.000 Mark Schmerzensgeld bekam Raab damals zugesprochen, weil Pelham ihm nach der Echo-Verleihung 1997 das Nasenbein gebrochen hatte. Später gab’s dann auch Streit mit Xavier Naidoo über Verträge; dubiose Firmengeschäfte und seine Freundschaft mit den Musikern der Böhsen Onkelz rückten Pelham immer wieder ins Zwielicht. 

Und heute? Sitzt der 49-jährige Rapper im Konferenzraum seiner Produktionsfirma in Frankfurt, an den Wänden Goldene Schallplatten bis fast unter die Decke. Er lehnt sich entspannt zurück. Und lächelt. Manchmal flüstert er, manchmal brechen die Worte und sein Lachen so laut aus ihm heraus, dass der Aschenbecher auf dem Tisch vibriert. „Papa zeigt euch mal, wo’s langgeht“, ruft er auf seinem aktuellen Soloalbum „Emuna“ den Kids rüber, die in Papas Augen nicht rappen können – und gibt sich, wenn er über „Wunder“ und die Kraft des Glaubens singt, ganz, ganz soft. Man könnte sagen: Er bleibt sich treu, indem er widersprüchlich bleibt.

Moses, auf dem Cover Ihres neuen Albums sind Sie unscharf vor einer Mauer zu sehen, den Kopf gesenkt. Eine demütige Geste?

Schön, wenn Sie das so sehen, aber das war nicht intendiert.

Was war denn beabsichtigt?

Nichts Bestimmtes, das Bild fühlte sich für mich gut und richtig an. Aber Kunst hat ja immer Wirkungen, die nicht intendiert sind. Und immer wieder kann man was drin lesen, was so vielleicht gar nicht bewusst hineingelegt wurde. Aber was das Foto auf dem Cover betrifft: Noch während wir da standen und mir die Fotografin das Bild gezeigt hat, hab ich mich schon in dieses Ding verliebt. Wir sind eigentlich nach Israel gefahren, weil wir diesen Jerusalemstein im Hintergrund wollten. Dass es dann die Klagemauer wurde, ist umso krasser.

Warum krass?

Moses Pelham, 49, wurde in Frankfurt geboren. Mit zwölf Jahren entdeckte er Rapmusik, 1989 erschien seine erste Single. Er gründete Anfang der Neunziger mit Thomas Hofmann das Hip-Hop-Duo „Rödelheim Hartreim Projekt“, das in den folgenden Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Bands zählte.

Weil ich nicht gedacht hätte, dass es überhaupt möglich ist, an der Klagemauer zu fotografieren. Von daher passt das mit der Demut doch ganz gut. Und deswegen fasziniert mich Kunst an sich auch so: Weil immer wieder Dinge passieren, die außerhalb meiner Kontrolle liegen. Mich hat mal einer gefragt, ob ich bei den Covern zu meiner Albentrilogie „Geteiltes Leid“ ein Konzept verfolgte. Auf der ersten CD bin ich noch ganz abgewandt, auf der zweiten schon so ein bisschen nach vorne geöffnet und auf der dritten CD schaue ich direkt in die Kamera. Ich hab diese Fotos ausgesucht, aber ich hatte da kein Konzept. Dieses Ergebnis ist unglaublich treffend und schön, aber eben nicht einem intellektuellen Konzept geschuldet.

Aber über den Albumtitel haben Sie bestimmt länger nachgedacht. Es hätte ja auch „Backstein“ oder „Weiße Fahne“ heißen können – warum „Emuna“?

Ich hab dieses Wort auch erst vor zwei Jahren kennengelernt. Mein Freund, der Rabbiner David Kraus, hat es immer wieder benutzt. Und der Begriff erschloss sich mir so halb aus den Kontexten, in denen er ihn mit einem Leuchten in den Augen gebrauchte. Und da dachte ich schon: Bruder, ich weiß zwar nicht genau, was das ist, aber es scheint was Gutes zu sein.

Emuna ist die Kraft des Glaubens, eine Art von Bewusstsein, aber auch das beständige Forschen, die Suche nach Erkenntnis, eine Verbindung zum Schöpfer. Allerdings muss man gar nicht allzu tief ins Internet abtauchen, um einige krude Auslegungen von Emuna zu finden …

Überrascht mich nicht.

Weil das bei Glaubensfragen immer möglich ist?

Eben. Es gibt sehr ausführliche Erklärungen, was Emuna ist. Aber nachdem ich mich mit David ein paarmal darüber ausgetauscht hatte, wusste ich, Emuna ist etwas, das ich schon lange kannte, aber kein Wort dafür hatte. Für mich war es vor allem etwas unfassbar Berührendes und Stärkendes, es hat mich froh gemacht und nachhaltig beschäftigt. Allein dass es keine richtig gute Übersetzung gibt, zeigt ja schon, wie tief das reicht. Die Kraft des Glaubens trifft es für mich am ehesten, wenn wir es kurz machen wollen.

Mir gefällt das immerwährende Forschen.

Und beides gehört zum Leben! Neugierde. Ausprobieren, wozu bestimmte Dinge oder Ideen noch gut sind. Emuna ist ja so ein schlichtes Wort, aber was dahintersteckt, finde ich faszinierend. Vor ein paar Jahren hatte ich mir mit einem Freund zum Ziel gesetzt, die hundert schönsten Wörter zu finden. Und mein Freund sagte damals, als wir über all diesen Worten saßen: „Moses, du wählst Wörter aus, weil sie dir inhaltlich gefallen, nicht weil sie schön klingen. Du verwechselst hier was.“ Da fühlte ich mich ertappt. Mein Freund hat recht. So ist es auch mit Emuna. Alles, was ich damit assoziiere, lässt mich lächeln. Es hat eine schöne Bedeutung, und so hat es für mich auch einen schönen Klang! Das Wort Kolbenrückholfeder zum Beispiel bedeutet mir nichts.

Haben Sie auch ein bisschen die Hoffnung, wenn Sie dieses Wort in die Welt bringen, dass sich Menschen damit befassen und versuchen wollen, das zu verstehen? Ein bisschen gute Energie für eine Welt, die kopfsteht?

Moses Pelham hat mehrere Soloalben veröffentlicht und als Musikproduzent mit Künstlern wie Xavier Naidoo und Sabrina Setlur zusammengearbeitet. 2017 gehörte er zum Team der VOX-Musikshow „Sing meinen Song“.

Meine Kunst ist natürlich immer auch mit einem Werben für meine Sicht der Dinge verbunden. So auch bei Emuna. Und wenn diese Schönheit auch ein anderer sehen kann, in sich erkennen kann, dann ist das fantastisch. Was ich mache, ist ja keine Dienstleistung, man kann nicht sagen: Wenn du das hörst, wird das und das passieren. Ich versuche einfach, festzuhalten, was mich beschäftigt. Und wenn im nächsten Schritt meine Schwester oder mein Bruder dadurch gestärkt, erbaut werden, irgendein Detail erkennen, vielleicht sogar ihrer eigenen Emuna gewahr werden, dann ist das das Beste, was passieren kann. Ich glaube, Goethe hat mal gesagt: In meiner Kunst steckt nichts, was du nicht sowieso schon weißt. Ich verstehe das so: Kunst ist nicht geeignet zur Übermittlung von neuen Informationen. Man kann nur erkennen, was man sowieso schon kennt, irgendwie ahnt oder dergleichen … Aber vielleicht ist das auch nur eine fixe Idee.

Kunst machen, Texte schreiben ist ein Weg, mit sich ins Gespräch zu kommen.

Und das Verrückte ist ja: Mit 13 war das Rappen vor allem eine Möglichkeit, möglichst oft meinen Namen zu sagen. Zu sagen: Ich bin! Dass daraus irgendwann eine Möglichkeit würde, mich zu fragen, was ich bin, das war damals noch nicht abzusehen. Es ist natürlich das Privileg der Jugend zu sagen, ist doch alles scheiße, ohne konstruktive Vorschläge zu machen, wie es anders sein könnte. Aber irgendwann muss man die Karten auf den Tisch legen, Farbe bekennen, einen Vorschlag machen – und sich auch der Kritik stellen. Damit gehe ich heute viel konstruktiver um, hoffe ich.

Weil Ihnen klar ist, dass Sie als Künstler immer auch ein Vorbild sind?

Dagegen hab ich mich immer gewehrt.

Warum? Weil man es ohnehin nie richtig machen kann?

Vielleicht auch, aber vor allem, weil ich Angst hatte, dass so eine Pose meine Kunst korrumpiert. Ich will ja festhalten, was ich empfinde, und nicht sagen, was ich glaube, dass du hören solltest.

Man kann ja auch Vorbild sein, ohne zu sagen: Nur so ist das richtig.

Moses Pelham ist derzeit mit seinem neuen Album „Emuna“ auf Tour. Laut Pelhams Management lagen bis Freitag, 13. März, noch keine Absagen von Veranstaltern vor. Wer plant, Tickets zu kaufen, wird gebeten, sich direkt bei den Veranstaltern zu informieren.

Es geht natürlich um ein Ringen mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Fehlern, aber auch darum, sich einzugestehen, dass die zu einem gehören. Der Punkt ist doch: Beschreiben wir die Welt, wie sie sein sollte oder wie wir sie wahrnehmen? Das ist die Konkurrenz, die ich da sehe. Ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass wir alle immer Vorbilder sind – nicht weil wir das sein wollen, sondern weil ein anderer uns beobachtet und aus unserem Handeln seine Schlüsse zieht. Aber warum sollte ein Künstler da eine größere Verantwortung tragen, nur weil sein Hebel größer ist? Ich finde das falsch.

Und andere finden es falsch, wenn Musik frauenverachtend und gewaltverherrlichend ist – und das ist auch eine Facette von Rap und Hip-Hop. Derzeit werden unter dem Hashtag #unhatewomen sexistische Liedzeilen gesammelt – die Liste wird täglich länger …

Und? Wollen wir jetzt anfangen, irgendwelche Rapper zu erziehen? Echt jetzt?! ( lacht laut auf) Das finde ich so heuchlerisch, so fürchterlich, wenn für solche hehren Ziele jetzt irgendwelche Kerlchen rangezerrt werden, die keinen geraden Satz bilden können! Lasst die mal. Das ist doch nur ein Symptom. Da sucht man sich doch das schwächste Glied in der Kette aus, um an einem viel tiefer liegenden Problem rumzudoktern.

Welches Problem?

Die Frage ist doch, wie ist er drauf gekommen? Wer lebt ihm das vor?

Die Gesellschaft ist also das Problem?

Natürlich. Knarren, Autos, Mädels sind nur die Symptome. Und ist es wirklich eine so neue Entwicklung, dass mit der Gesellschaft offenbar was nicht stimmt?

Zu sagen, das war schon immer so, und wir machen so weiter, damit wird es auch nicht besser …

Tour-Stationen: 20.3. Leipzig, 21.3. Kreuzberg, 24.3. Mannheim, 25.3. Köln, 26.3. Bochum, 27.3. Hamburg, 29./30./31.3. Frankfurt. 

Wenn man sich mein Werk anschaut, sieht man doch, dass ich in Dauersorge bin. Aber es gibt auf dieser Welt einfach so vieles, was so kalt und ungerecht ist, im menschlichen Miteinander, im Umgang mit unseren sogenannten Nutztieren, dass ich’s keinem verdenken kann, wenn er für sich diesen „Scheiß egal, ich muss hier irgendwie überleben“-Schluss zieht. Das ist nicht die Lösung des Problems, aber doch nachvollziehbar. Und so ist es auch kein Wunder, dass die gesellschaftliche Stimmung so kippt und wegrutscht.

Meinen Sie jetzt: nach rechts wegrutscht?

Nein, ich bin da eher bei den Typen, die sagen: Mir egal, ich fahr jetzt mit 700 PS durch die Gegend. Das ist ja auch ein Akt der Verzweiflung oder eben das Symptom einer Krankheit. Und da ist dann also die Frage: Wie ist der krank geworden? Aber ich bin kein Arzt, ich bin Rapper.

Der inzwischen ohne 700 PS durchs Leben kommt?

Absolut. Wobei, 700 PS hatte ich nie. Interessiert mich eigentlich auch nicht.

Kein dickes Auto als Statussymbol?

Es gibt Brüder, die sagen, ich fahre gerne schnelle Autos, das macht mir Spaß. Sollen sie. Für mein Selbstwertgefühl brauche ich das nicht. Aber da muss ich auch nicht auf Psychologen machen, das geht mich gar nichts an. Und ich hab damit auch nix zu tun.

Zu sagen, ich hab damit nix zu tun, ist das nicht das Gegenteil der Idee von Emuna?

Nein, Emuna hat für mich überhaupt nichts Besserwisserisches, sondern ist ein süßes Geheimnis, das ein Leben komplett verändern kann. Wie gesagt: Es ist die größte Kraft eines jeden Menschen. Und wenn ein paar Leute da draußen dieser gewahr werden, glaube ich nicht, dass es schaden kann.

Interview: Boris Halva

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