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Das Comeback von Blümchen ist geglückt.

Jasmin Wagner

„Ich darf Blümchen sein, ich muss es nicht“

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Unter ihrem Pseudonym „Blümchen“ ist Jasmin Wagner zurück. Um perfekte Akkorde, detaillierte Arrangements und tiefsinnige Texte geht es nicht. Unterhalten kann Blümchen trotzdem.

Wohl jeder, der in den 90ern aufgewachsen ist und sich damals nicht jahrelang zu Hause eingeschlossen hat, kann sie zumindest mitsummen: Lieder wie „Boomerang“, „Herz an Herz“ oder „Kleiner Satellit“. Lieder vom Projekt „Blümchen“, dessen Stimme und Gesicht eine damals blutjunge Jasmin Wagner aus Hamburg war. Mit 15 Jahren wurde sie entdeckt, bekam das Image des lieben, netten, unschuldigen Mädchens von nebenan verpasst und prägte eine Musik, die die einen ob ihres künstlichen Charakters verteufeln und die anderen aufgrund ihrer Leichtigkeit und Unbeschwertheit feiern. Nun, 19 Jahre nach dem offiziellen Ende von Blümchen, ist Jasmin Wagner in dieser Rolle wieder da. Und fühlt sich damit rundum wohl.

Das konnte jeder sehen, der im März beim Comeback in der Arena auf Schalke war. Das waren rund 58 000 Menschen, was gleichbedeutend war mit der Aufstellung eines Weltrekordes. Und Jasmin Wagner, eine mittlerweile 38 Jahre alte Frau, stand auf der Bühne, als wäre sie von dort als Blümchen nie weg gewesen. Im überaus roten, überaus knappen Outfit wirbelte sie von links nach rechts, von hinten nach vorne und zurück. Sie begrüßte das Publikum euphorisch: „Ich bin hier, um Euch in Grund und Boden zu raven!“

Blümchen feierte ihren Durchbruch mit dem Cover „Herz an Herz“

Dazu erklangen – natürlich im Playback – ihre alten Hits, „Boomerang“ und „Kleiner Satellit“ genauso wie das Paso-Doble-Cover „Herz an Herz“, mit dem sie einst ihren fulminanten Durchbruch feierte. An einem weiteren Lied dieser NDW-Band bediente sich Blümchen auch für ihre neue Single, die einen Tag vor dem Comeback veröffentlicht wurde: „Computerliebe“.

Somit schließt sich also gewissermaßen ein Kreis. Besonders kreativ ist ein Cover als neue Single natürlich nicht. Muss es aber auch nicht zwingend sein. Nicht in einem Genre, das – mal Eurodance, mal Happy Hardcore, mal einfach nur Trash genannt – noch nie den Fokus auf perfekt aufeinander abgestimmte Akkorde, detaillierte Arrangements und tiefsinnige Texte gelegt hat. Sondern das die Menschen einfach unterhalten will.

Blümchen hat genau das in den 90ern unentwegt gemacht. Entdeckt als Teenager, der zu diesem Zeitpunkt völlig passenderweise Cheerleader bei einem Hamburger Football-Team war, wurde sie zu einer Ikone der 90er, ihre Poster schmückten unzählige Kinder- und Jugendzimmer. Übrigens auch das ihres jetzigen Ehemannes, des Schweizer Unternehmers Frank Sippel.

Blümchen moderierte in Deutschland Fernsehsendungen

Ihre Musik wurde auch in Österreich und der Schweiz gehört, in Deutschland moderierte Blümchen Fernsehsendungen wie die Mini-Playback-Show, kam mit mehreren Singles und Alben in die Charts, ging auf Tourneen. Schnell wurde versucht, das Projekt zu erweitern: Unter dem Namen „Blossom“ wurden die Songs auch auf Englisch aufgenommen, unter anderem für den asiatischen Markt. Ohne größeren Erfolg allerdings. Im Jahr 2000, passend zum Ende der 90er also, wurde auch das Projekt „Blümchen“ eingestampft.

Und während seit einigen Jahren die 90er ein großes Revival erleben, mit entsprechenden Partys in jeder Groß- und Kleinstadt, mit der passenden Mode und Künstlern, die von diesem Hype profitieren wollen, tauchte Blümchen in dieser Welt nicht mehr auf. Sie bekam davon sogar wenig mit. „Erst, als ich immer wieder am Wochenende morgens meine Mailbox abgehört habe, auf der meine betrunkenen Freunde zu hören waren, die lautstark meine Lieder von damals mitsangen, die auf irgendeiner Party liefen“, da merkte sie, dass sie von ihrer eigenen Jugend eingeholt wird.

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Oder als sie in Berlin plötzlich ein junges Mädchen mit Buffalos sah. „Die konnte sie unmöglich noch aus den 90ern haben.“ Doch Jasmin Wagner war eben nicht mehr Blümchen. Sie war kein Teenager mehr, dessen verzerrte Stimme Zeilen wie „Nur du und ich, nur ich und du, Astronautenrendezvous“ oder „Hand in Hand, mit Herz und Verstand – Gewalt ist doof!“ sangen. Stattdessen versuchte sie sich lieber auf anderen Wegen.

Jasmin Wagner schrieb Lieder für andere Künstler - unter Pseudonym

Sie machte zum Beispiel weiterhin Musik, nun unter ihrem bürgerlichen Namen. Heraus kamen zwei Alben, sie beteiligte sich gemeinsam mit Bela B. an einem Tribute-Album für die norwegische Band „Turbenegro“, steuerte den Titelsong für die dritte Staffel der Castingshow „Popstars“ bei. Sie schrieb auch Lieder für andere Künstler, zum Beispiel für Christina Stürmer, allerdings unter einem Pseudonym. Sie übernahm Synchronsprecher-Jobs, etwa für „Hanni und Nanni“ und „Die drei ???“, moderierte Fernsehsendungen auf dem Disney Channel und Kika und war sporadisch in Filmen wie „Erdbeereis mit Liebe“ oder Serien wie „Soko 5113“ und „Notruf Hafenkante“ zu sehen. Die Schauspielerei, die sollte ihre neue, große Leidenschaft werden.

Herz an Herz ... hörst Du mich ... SOS, ich liebe Dich!

Sie fasste Fuß auf der Bühne des Theaters. Jasmin Wagner entwickelte sich – eher abseits der großen Scheinwerfer – zu einer ernsthaften Schauspielerin. Sie bekam Engagements in verschiedenen Häusern, war regelmäßig auf Tournee, spielte in ganz Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland. Sie gab die Esmeralda im „Glöckner von Notre Dame“, war Teil der Hamburger Kammerspiele, stand drei Spielzeiten in Folge in der Comödie Dresden auf der Bühne.

Alleine in diesem Jahr war sie im Januar mit dem Stück „Wie im Himmel“ unterwegs, im Februar und März – bis zwei Wochen vor dem Comeback – mit „Fehler im System“. 43 Auftritte in 39 Städten. „Mit dem Theater bin ich glücklich und zufrieden“, sagt sie im FR-Gespräch. Man glaubt es ihr aufs Wort. „An ein Comeback als Blümchen habe ich nie ernsthaft gedacht.“ Sie lacht: „In den vergangenen Jahren hat mich aber auch niemand mehr gefragt.“ Bis Markus Krampe kam.

Der Konzertveranstalter aus Köln, der unter anderem schon seit zwei Jahren riesige 90er-Events auf die Beine stellt, kam über Oliver Petszokat, als Oli. P auch so ein Star dieser Dekade, auf die Idee, Blümchen für sich zu gewinnen. „Oli hat dann tatsächlich für mich das erste Gespräch geführt und mir danach signalisiert, dass ich es einfach mal versuchen soll“, erinnert sich Krampe. Denn auch ihm war zu Ohren gekommen, „dass Jasmin in ihrem Leben mit der Schauspielerei sehr glücklich war“.

Der Konzertveranstalter hatte daher auch Zweifel, „nicht jedes Comeback muss sinnvoll sein“, sagt er. Eine erste Anfrage nahm Jasmin Wagner dann auch nicht an. „Es fühlte sich nicht richtig an“, blickt die Hamburgerin und Wahl-Züricherin zurück. „Die Bedenken konnte ich total verstehen“, so Krampe. Aber er sei hartnäckig geblieben, sagt er nicht ohne Stolz.

Jasmin Wagner nimmt das „Blümchen“-Comeback ernst

Immer wieder habe er Wagner Videos der bisherigen Festivals geschickt, sie telefonierten mehrfach. Aber keine Chance. Ganze neun Monate musste der Eventmanager investieren, bis er Jasmin Wagner endlich so weit hatte. Die muss wieder lachen, wenn sie daran denkt. Wenige Tage vor dem Comeback sagte sie am Telefon: „Vor drei Monaten hätte ich noch nicht gedacht, dass ich wieder als Blümchen auf der Bühne stehen werde.“

Ein Abendessen mit ihrem besten Freund habe den Ausschlag gegeben. Da habe sie ihm von den Anfragen erzählt. „Mach das doch!“, habe dieser gesagt. Aber Jasmin Wagner machte immer noch nicht. Sie fragte erstmal weitere Freunde, ihre Familie, ihren Mann. „Alle haben mir dazu geraten.“ Also sagte sie zu. „Die 90er haben mich gerufen, und ich bin diesem Ruf gefolgt.“

Wagner nahm fortan dieses Comeback ernst. Zunächst stellte sie für sich klar: „Ich bin nicht mehr die Blümchen von früher.“ Es sollte also eine Show werden mit den Liedern von damals, aber in einem modernen Gewand. Die Songs wurden technisch überarbeitet, nach Ende ihrer Theater-Tournee begannen sofort die Proben für den Auftritt, im Tonstudio wurde die Single aufgenommen.

Jasmin Wagner powerte jeden Tag, nahm sich vielleicht auch zu viel vor: Sie brach zusammen und war eine Woche lange krank. Aber sie rappelte sich auf, die Proben gingen weiter. Mit professionellen Tänzern, unter anderem David Lei Brandt, der erst im Februar noch mit Lady Gaga beim Superbowl aufgetreten war. Wenn schon Comeback, dann auch richtig, so die Devise von Wagner und Krampe.

Blümchen: Durchdachtes Bühnenbild, die Choreografie sitzt

Diese Ernsthaftigkeit war in Gelsenkirchen dann auch zu sehen. Das Bühnenbild ist durchdacht, die Choreografie der Tänzer und Tänzerinnen sitzt, Blümchens Outfit ist tatsächlich atemberaubend. 58 000 Menschen singen lauthals mit, es ist zweifelsohne der Höhepunkt des Abends. Obwohl eine Stunde später auch David Hasselhoff auftritt.

Als Blümchen von der Bühne geht, ist sie außer Atem, strahlt aber über das ganze Gesicht. Sie müsse das Ganze erst einmal verarbeiten, sagt sie, sei aber für den Moment „einfach nur überwältigt“. Sie habe so viel Liebe gespürt. Nun stehen weitere Auftritte in diesem Jahr auf dem Programm. Für den März 2020 ist sie schon gebucht bei der Neuauflage in Schalke, unter anderem zusammen mit der Band Faithless; mehr als 10 000 Karten sind dafür schon weg.

Mehr aber, sagt Jasmin Wagner, sei noch nicht geplant. „Ich mache nichts mit Kalkül.“ Sie wolle einfach mal schauen, wohin der Weg nun geht – ob als Blümchen oder als Jasmin Wagner. Sie hat keine Plattenfirma im Rücken, „sondern ein Team, das komplett aus 90s-Kids besteht“, sagt sie. „Die haben da einfach genauso Bock drauf wie ich.“

Ob also noch eine Single kommt, ein Album, eine eigene Tour – alles Zukunftsmusik. Jasmin Wagner greift einen Kommentar auf ihrer Instagram-Seite auf und sagt voller Überzeugung: „Ich darf Blümchen sein, ich muss es nicht.“

Zur Person

1980 wurde Jasmin Wagner am 20. April in Hamburg geboren. Im Herbst 1995 erschien die Single „Herz an Herz“ des Projekts Blümchen, dessen Gesicht die damals 15-jährige Wagner war. Das Lied – ein Cover der NDW-Band „Paso Doble“ – kam auf Platz vier der Charts. Es folgten weitere Hits wie „Kleiner Satellit“, „Boomerang“, „Nur geträumt“ oder „Verliebte Jungs“.

1996 erschien das erste Album „Herzfrequenz“. Im selben Jahr wurden einige ihrer Lieder als englischsprachige Versionen in Asien und Teilen Europas veröffentlicht, unter dem Namen „Blossom“.

2000 wurde das Projekt Blümchen beendet. Jasmin Wagner widmete sich danach vor allem der Schauspielerei, ist bis heute deutschlandweit und im benachbarten Ausland im Theater zu sehen.

2019 stand Wagner am 30. März erstmals wieder als Blümchen auf der Bühne. Sie trat im Rahmen eines großen 90er-Festivals vor 58 000 Zuschauern in der Arena auf Schalke auf, unter anderem mit den Vengaboys, David Hasselhoff, Dr. Alban, Caught in the Act und Haddaway. Insgesamt ist sie bei neun weiteren Terminen dieser Reihe dabei, zum Beispiel in Vechta, Berlin, Koblenz, Ludwigsburg und Regensburg. Hinzu kommen mehr als 20 weitere Auftritte in ganz Deutschland auf 90er-Partys und –Festivals, unter anderem am 29. Juni in Kassel und am 30. November in Mannheim. Alle Termine gibt es unter der Webseite www.jasmin-wagner.de (bö)

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