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Die Aktivistin Jane Goodall vergangene Woche in München.

Jane Goodall

„Wir haben nur ein kleines Zeitfenster“

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Bevor es sich schließt, sollten wir den Entwicklungen im Artensterben und dem Klimawandel entgegenwirken, sagt die Primatenforscherin Jane Goodall.

Frau Goodall, bei ihrem Vortrag in München sprachen Sie über die „Gründe zur Hoffnung“. Wenn man den UN-Bericht über die dramatischen Ausmaße des Artensterbens betrachtet: Geht es bei den guten Entwicklungen, von denen Sie sprechen, nicht zu langsam voran?
In der Tat. Wir haben nur ein kleines Zeitfenster, um Entwicklungen wie dem Artensterben oder dem Klimawandel entgegenzuwirken. Dieses Fenster schließt sich! Mein Job ist es, mehr Menschen zu überzeugen, etwas zu tun. Jeder Einzelne von uns entscheidet mit, ob sich am Ende doch die guten Entwicklungen durchsetzen!

Ein Grund für Sie, optimistisch zu bleiben, sind die Kinder und Jugendlichen weltweit, die sich in Ihrem Roots & Shoots-Projekt für Umweltschutz engagieren. Sie waren am Samstag mit jungen Münchner Umweltaktivisten unterwegs. Wie war’s?
Es war wunderbar! Die Kinder haben mir gezeigt, was sie an der Würm gemacht haben: Sie haben den Fluss von Müll befreit, mit Pflanzaktionen wieder wild gemacht. Jetzt lebt sogar der Biber wieder dort! Und diese Kinder kennen die Namen aller Pflanzen, die dort wachsen!

In manchen Regionen Afrikas sind 80 bis 90 Prozent der Schimpansen ausgestorben. Werden diese Kinder bald in einer Welt ohne unseren nächsten Verwandten leben müssen?
Nein! In Gombe in Tansania, wo ich einst die Primaten erforschte, haben sich die Bestände erholt, seit wir die Bevölkerung dort mit ins Boot geholt haben. Wir helfen ihnen, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, ohne noch mehr Regenwald abzuholzen. Seit die Menschen dort verstanden haben, dass der Naturschutz auch ihr Leben besser macht, sind sie unsere Partner. Jetzt helfen sie uns, die Schimpansen zu schützen – ohne die Bevölkerung auf unserer Seite zu haben, funktioniert es nicht! Wir machen derartige Projekte inzwischen in sechs afrikanischen Staaten – und dort erholen sich die Bestände der Tiere.

Was halten Sie von Öko-Tourismus? In Ruanda hat das geholfen, dass sich die Bestände der Berggorillas wieder etwas erholen konnten.
Solange der Tourismus streng kontrolliert wird! Wenn zu viele Menschen kommen, zerstören sie genau das, was sie sehen wollen.

Und was denken Sie über Zoos?
Es gibt schreckliche Zoos, die sofort geschlossen werden müssten. Aber es gibt auch immer mehr sehr gute, wo die Tiere viel Platz haben und sie beschäftigt werden. Die Zoowärter dort tun alles für ihre Tiere – ganz anders als zu der Zeit, als ich jung war, wo es für die meisten nur ein Job war. Die Wildnis ist heute bedroht von Wilderern, Viehherden und Holzfällern. Wenn ich ein Schimpanse wäre, würde ich da lieber in einem guten Zoo leben . Das verstehen manche Tierrechtler nicht.

Sie sind 300 Tage im Jahr für Vortragsreisen unterwegs. Würden Sie nicht lieber wieder im Dschungel oder in Ihrem Garten in England leben, als in öden Hotelzimmern?
Ich kann nicht in mein altes Leben zurückkehren, weil die Welt in einem so miserablen Zustand ist. Wenn nicht nach jedem Vortrag Leute zu mir kommen würden, die mir sagen: „Sie haben mein Leben verändert“ – dann hätte ich längst aufgehört, nur im Hotel zu leben.

Was halten Sie von der Fridays for Future-Bewegung und Greta Thunberg?
Für unsere Roots & Shoots-Bewegung engagieren sich hunderttausende junge Menschen weltweit – Greta Thunberg würde ich da gar nicht so sehr hervorheben. Ich weiß nicht, wie viele der Fridays-Aktivisten sich wirklich um die Umwelt scheren und wie viele nur schulfrei haben wollen. Aber Greta hat es geschafft, für den Klimaschutz Aufmerksamkeit zu erzeugen, ich will ihre Rolle da nicht schmälern. Die Kinder drängen ihre Eltern und Großeltern, Plastik zu vermeiden – das ist doch großartig.

Sie sind eine Ikone des Umweltschutzes. Sind Sie da nicht auch eine Symbolfigur für Leugner des Klimawandels?
Es laufen tatsächlich viele Verrückte auf der Welt herum. Vor einigen Jahren wollte ein Mann in den USA mit mir sprechen – er saß mir wie Sie eben auf dem Sofa gegenüber. Er fragte wirklich seltsame Dinge – irgendwas müssen die Security-Leute geahnt haben, denn sie kamen plötzlich rein und zerrten den Mann raus. Unter dem Sofa-Kissen hatte er eine Waffe versteckt! Aber das war der einzige gefährliche Zwischenfall, der mir je passiert ist – ansonsten lieben die Leute mich zu sehr.

Interview: Klaus Rimpel

Zur Person

Die Verhaltensforscherin und Primatenforscherin Jane Goodall besuchte in der vergangenen Woche im Rahmen ihrer Vortragstournee „Reasons for Hope“ (Gründe zur Hoffnung) München. Dort traf sie tags darauf die „Würmrangers“, Jugendliche, die sich im Rahmen ihres „Roots & Shoots“-Projektes für die Natur an der Würm einsetzen.

Auf ihren Vorträgen erzählt die 85-Jährige auch ihre Geschichte, die sie zu den Schimpansen in den Regenwald von Gombe nach Tansania geführt hat. Dort untersuchte sie in den 1960ern das Verhalten von Schimpansen. In den 1980er-Jahren wurde Goodall zur Aktivistin, seither macht sie sich für die Rettung der Schimpansen und den Erhalt der Umwelt stark. FR

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