+
Training mit Sportprothese. Check.

Maximilian Schwarzhuber

Ein ganzer Kerl mit kalten Füßen

  • schließen

Maximilian Schwarzhuber ist Sportler und Coach. Und Redner, wie er von sich selbst sagt. Für dieses Jahr hat er sich einen Triathlon und einen Marathon vorgenommen. Bekanntgeworden ist er aus einem ganz anderen Grund.

Gut schaut er aus, der Maximilian Schwarzhuber. Farbe hat er bekommen, am besten sieht man’s an der rechten Hand, an dem hellen Streifen, den die Armbanduhr der Sonne abgetrotzt hat. Die Bräune ist kein Wunder, gerade ist er von der Tour mit einem Kumpel nach Venedig zurück. Fünf Tage hat er für die 500 Kilometer gebraucht – mit dem Fahrrad. Tolle Leistung. Besonders wenn man bedenkt, dass der 26-Jährige keine Füße hat.

„Am zweiten Abend war uns klar, dass wir es auch in vier Tagen geschafft hätten“, sagt Schwarzhuber, den sie in seiner Heimat Wolnzach im bayerischen Landkreis Pfaffenhofen/Ilm nur Maxi rufen. „Wir wussten ja nicht, was uns erwartet in den Bergen. Aber ich möchte es demnächst in 24 Stunden hinkriegen, mit dem Rennrad.“ Nach Venedig. Pedale mit Spezialhalterung. Er hat alles längst durchgerechnet, ein Durchschnittstempo von 21 Kilometern pro Stunde wäre das. Schon sitzt wieder jemand mit offenem Mund vor ihm.

Den Hax’n schwingen. Check.

Der junge Mann ist ein Phänomen an Vitalität und Ausstrahlung. Und man merkt gleich: Da steckt System dahinter. Wenn er Vorträge hält, spielt Humor eine Hauptrolle. „Erst wenn ich über mich selbst lachen kann, lachen die anderen mit mir – und nicht über mich“, sagt er. Und lacht.

Maximilian Schwarzhubers bisheriges Leben ist beileibe nichts Amüsantes. Als zweijähriger Bub will er nach dem Mittagsschlaf aufstehen, doch plötzlich sind seine Beine gelähmt. Die Symptome steigen weiter den kleinen Körper empor und wecken in der Familie die Furcht, sie könnten auch das Herz lahmlegen. Ärzte verhindern das Schlimmste, doch die Gefühllosigkeit in den Beinen bleibt. Und während sich die Gelehrten erfolglos die Köpfe zerbrechen, was die Ursache sein könnte, stößt sich der Patient ständig die Füße, tritt versehentlich in Nägel, weil er es nicht mehr spüren kann, holt sich Wunden über Wunden, die nur quälend langsam verheilen. Das Lymphsystem spielt nicht mehr mit. Guillain-Barré-Syndrom gilt als wahrscheinlichste Diagnose, eine akute Nervenentzündung, aber wo sie herrührt, bleibt rätselhaft.

Gemeinsam Ziele erreichen. Check.

Oder auch „mysteriös“, in den Worten Schwarzhubers. Wie er da sitzt und erzählt in kurzen Hosen, in Krachledernen, die rechte Prothese lässig über die linke geschlagen, während seine Mutter im Haus werkelt, klingt es alles wie eine bedauerliche, aber unbedeutende Episode. „Ich bin mal auf den Teide geklettert“, plaudert er weiter, also auf Spaniens höchsten Berg, als er noch komplette Beine hatte, aber kein Gefühl drin, „und beim steilen Abstieg macht man ja immer mal so einen Hüpfer – mein Sprunggelenk war danach total zerstört.“

Immer wieder Krankenhaus, immer wieder Verletzungen, Therapien, der Körper ächzt unter dem angegriffenen Immunsystem. Trotzdem reist Schwarzhuber nach Neuseeland, radelt die Nordinsel ab, 4000 Kilometer, neun Monate bleibt er dort, und als er nach Deutschland zurückkehrt, ist er kaputter denn je. Später wird er bei einer Bootstour ohnmächtig, lässt sich nur widerwillig in die Klinik einliefern, der Arzt sagt: Einen Tag später, und wir hätten die Beine amputieren müssen. „Und da habe ich gemerkt: Das hätte mir gar nichts ausgemacht.“

In diesem Moment beginnt ein Denkprozess. Schwarzhuber spricht mit Leuten, die Gliedmaßen verloren haben, besonders mit amputierten Sportlern. Es sind viele kleine Schritte, die ihn dem radikalen großen Schritt näherbringen. Die Familie ist dabei immer an seiner Seite. Einen der großen Schritte geht die Oma mit Maxi. Als sie im Krankenhaus eines Tages seine geschundenen Füße sieht, sagt sie: „Weißt was, um die ist es nicht mehr schad.“

Nach Venedig radeln. Check.

„Vor der Operation war ich in einer Stimmung wie in dem Film ‚Green Mile’“, erinnert er sich. Der handelt von Gefangenen, die in der Todeszelle auf ihre Hinrichtung warten. „Aber nachher, als ich aufwachte – das Gefühl war unglaublich gut. Ich wollte mir die Beine gleich angucken. Ich dachte: Jawoll! Ich wusste: Jetzt kann ich Gas geben.“ Was ist der erste Plan des Beinamputierten im Krankenhausbett? Beim Zehn-Kilometer-Lauf mitmachen. „Alle dachten: Der hat’n Knall.“

Der Abschied von seinen Unterschenkeln lehrte ihn etwas über das Leben: „Wenn man eine schwere Entscheidung treffen muss, ist es das Beste, man legt sich früh fest – und zwar so, dass es nicht rückgängig zu machen ist. Man weiht möglichst viele Leute ein. Die Erleichterung über den Beschluss kommt dann viel früher.“

Davon erzählt Schwarzhuber in seinen Vorträgen. Er tut das gern: „Auch weil die meisten meiner Zuhörer nicht erleben müssen, was ich erlebt habe.“ Er erzählt es aber unter Vorbehalt. „Ich sage allen, dass ich ein absoluter Ausnahmefall bin. Ich hatte viel Glück.“ Noch so ein Satz, geeignet, das Publikum sprachlos zurückzulassen.

Glück hin oder her – etwas, das er anderen Beinamputierten jedenfalls voraus hat: Schwarzhuber konnte, im Gegensatz zu Unfallopfern, längst Methoden entwickeln, mit Knien und Hüften auszugleichen, was die Füße seit Jahren nicht mehr zur Körperbalance beitrugen. In kürzester Zeit ist er nach der OP wieder auf den – jetzt teilweise künstlichen – Beinen und geht, wie er es sich vorgenommen hatte, zu Fuß aus dem Spital, die Oma treu an seiner Seite. „Als ich zwei Wochen später in die Reha kam, dachten die anderen Patienten zuerst, ich wäre der Therapeut.“

136. Das ist die Zahl, die den Wolnzacher bekanntgemacht hat. 136 Tage, nachdem ihm 2017 beide Unterschenkel amputiert wurden, schafft er beim Wohltätigkeitsrennen „Lauf10!“ in seiner Heimatgemeinde die zehn Kilometer – mit zwei Prothesen unter den Knien.

Nach Venedig radeln. Check.

Maxi Schwarzhuber ist ausgebildeter Informatiker. Das hilft ihm jetzt beim Organisieren seines neuen Lebens als Selbstständiger, als Mann, der erst jetzt tatsächlich auf eigenen Beinen steht, nachdem er seine Füße los ist. Die Themen, über die er in seinen Vorträgen spricht, handeln von Persönlichkeitsentwicklung, von Motivation, vom Überwinden der Grenzen. „Ich will nicht nur erzählen, ich will vorleben“, sagt er entschlossen. „Meine Geschichte lässt sich auf alles anwenden, da muss man kein körperliches Handicap haben. Vielleicht kann ich auch Leuten helfen, die andere schlimme Dinge erlebt haben – Missbrauch beispielsweise.“ Wer auch immer ein Trauma zu überwinden, eine Last abzuwerfen hat, dem sagt er: „Es lohnt sich nicht, in die Opferrolle zu rutschen. Wenn man anderen die Schuld gibt, dann gibt man ihnen auch die Macht.“

Enorm bereichernd, diesem jungen Mann zuzuhören, dem das Leben so lang übel mitgespielt hat. Gerade schreibt er an einem Buch mit dem Arbeitstitel: „Echte Männer haben keine kalten Füße“. Ein Podcast, in dem er mit Gästen aus Sport und anderen Gesellschaftsbereichen sprechen möchte, steht kurz vor dem Start. Und er selbst steht natürlich auch schon wieder vor dem Start.

Morgen, am Sonntag, will er beim Triathlon in Ingolstadt antreten, Startnummer 1316. Eineinhalb Kilometer schwimmen, vierzig Kilometer Rad fahren, knapp zehn Kilometer laufen. Dafür hat er trainiert, bis die Stümpfe schmerzten, und wenn das Laufen nicht mehr ging, dann ging’s auf dem Rad weiter. Am 13. Oktober geht’s dann zum Marathon nach München. 42,195 Kilometer am Stück, mit den nagelneuen Laufprothesen aus der Produktion der Spezialfirmen Össur und Mödl erhofft er sich einen weiteren Leistungsschub. „Die Dinger müssen die Belastung aushalten“, sagt er. „Wenn ich aufgeben muss, weil eine Prothese nicht durchhält, das ist richtig Scheiße.“ Die alten Unterschenkel saugen sich mit einer Silikonmanschette fest. Wirksam, aber ziemlich unbequem. „Das macht immer so eine Art Knutschfleck am Stumpf.“

Den Marathon möchte er vorläufig unter vier Stunden laufen. „Auf lange Sicht schwebt mir aber der Weltrekord für Unterschenkelamputierte vor.“ Das wäre noch eine Stunde schneller, bei 3:03 liegt die Bestmarke momentan.

„Ein Verrückter“, sagt Maxi Schwarzhubers Mutter gutmütig. Und er? Lacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion