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Elisabeth Furtwängler will junge Frauen dazu ermutigen, kritisch zu sein: „Nur weil man blond und schlank ist, heißt das nicht, dass man keine Feministin sein oder keine starke Meinung vertreten kann.“

Elisabeth Furtwängler

„Wir sollten Mädchen nicht verurteilen, weil sie einem Schönheitsideal nacheifern“

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Elisabeth Furtwängler stört es, dass Frauen im Internet vor allem mit Schmink-, Bastel- oder Kochtipps erfolgreich sind. Ein Gespräch über alte Rollenbilder und den Mut zur kritischen Meinung.

Frau Furtwängler, eine aktuelle Studie Ihrer Stiftung hat gezeigt, dass die erfolgreichen Youtuberinnen sich vor allem zu Hause beim Basteln, Kochen oder Schminken präsentieren. Das erinnert doch sehr an das Frauenbild der Fünfzigerjahre. Wie passt das in unsere Zeit, in der Feminismus und Gleichberechtigung allgegenwärtige Themen sind?
Die Youtuberinnen, die wir befragt haben, sagten uns: „Je stereotyper das Video ist, desto mehr wird es geklickt.“ Die Follower erwarten das, fühlen sich bei solchen Inhalten wohl sicherer. Es mutet einerseits naheliegend an, weil es ein Spiegel der Gesellschaft ist, wenn auch auf die Spitze getrieben. Anderseits ist zumindest mein Gefühl, dass gerade in Zeiten, in denen Geschlechterrollen aufgebrochen werden, viele junge Menschen in eine Identitätskrise geraten und sich fragen: Wie habe ich mich als Frau zu verhalten? Wie als Mann? Im Comedybereich bedienen die Jungs diese „So sind Männer, so sind Frauen“-Klischees: „Mädchen tuscheln untereinander über Männer und Klamotten, Männer sind cool und machen wichtige Sachen.“ Ich habe mir auch Videos der sehr erfolgreichen Youtuberin Bibi von „Bibi’s Beauty Palace“ angesehen. In der Episode „Ich habe Bibi geprankt“ wirft ihr Freund ihr in verschiedenen Szenen immer wieder irgendwelche Sachen ins Gesicht. Sie lachen dabei. Aber ich empfand das auf eine Weise doch als sehr erniedrigend.

Der Anlass, diese Studie in Auftrag zu geben, soll ein Musikvideo der Sängerin Rihanna gewesen sein. Was hat der Clip in Ihnen ausgelöst?
Ich mache selbst Musik und liebe Musik. Und dann sah ich Rihannas Video von „Bitch Better Have My Money“. Rihanna entführt darin eine Frau, die erst vor ihr kniet, später nackt von der Decke baumelt. Es hat mich geschockt, wie selbstverständlich Frauen in Musikvideos auch und gerade von weiblichen Stars sexualisiert werden. Und ich dachte: Das müssen wir uns mal genauer anschauen. Wir haben uns dann entschlossen, die Studie nicht nur auf Musikvideos auf Youtube, sondern auf alle Videos der Plattform auszuweiten.

Erstaunlich ist auch, dass Frauen auf Youtube nur zu einem Drittel repräsentiert sind. Hatten Sie damit gerechnet?
Nein, die Ergebnisse haben mich auf jeden Fall überrascht. Wir hatten im vorletzten Jahr bereits eine andere Studie in Auftrag gegeben. Bei dieser kam raus, dass Frauen in Film und Fernsehen unterrepräsentiert sind. Das konnte ich da noch nachvollziehen, weil für die Programminhalte eben vorwiegend Männer zuständig sind. Aber Youtube ist ein freier Raum, in dem jeder den Inhalt hochladen kann, den er möchte. Aber selbst bei den Musikvideos stellte sich raus, dass auf zwei Sänger nur eine Sängerin kommt. Das denkt man nicht, weil man Popgrößen wie Beyoncé, Rihanna, Adele im Kopf hat, die auch sehr präsent sind. Aber leider sind Sängerinnen auf Youtube trotzdem in der Minderheit.

Elisabeth (r.) und ihre Mutter Maria Furtwängler.

Auch politische Meinung scheint auf Youtube vor allem ein Männerding zu sein …
Die Jungs haben zunächst eine viel größere Bandbreite an Themen: von Politik über Games bis Comedy. Meinungen sind bei Männern dort viel akzeptierter. Bei Frauen ist die Meinungsfreiheit deutlich begrenzt: nämlich auf Mode, Schönheit und Essen. Nur in diesen Bereichen werden sie als Expertinnen respektiert. Youtuberin-Sein wird wie ein Hobby dargestellt. Bei Männern ist es mehr: „Ich gehe raus, das ist mein Job, ich mache das professionell.“ Diese Selbstverständlichkeit, die Männer haben, müssen wir Frauen uns noch erkämpfen. Deswegen ist es wichtig zu zeigen, dass sich Frauen in andere Gebiete trauen.

Warum tun sie das dann nicht einfach?
Für mich ist es das Stichwort Mut. Ich glaube, dass viele Frauen etwas anderes machen würden. Aber für Hochzeitsbilder im weißen Kleid oder Urlaubsbilder mit dem Freund gibt es eben viel mehr Likes. Für Meinung böse Kommentare. Das ist also der einfachere, schnellere Weg zum Erfolg. Und man bekommt einfach weniger Kritik, wenn man auf den Pfad geht, der schon vorgestapft ist. Es ist nun meine Hoffnung, dass die Leute nach dieser Studie anfangen, diesen Weg zu hinterfragen.

Auch müssen Frauen vor allem gut aussehen …
Bei einem Gamer spielt es keine Rolle, ob er dick oder dünn ist. Es geht darum, dass er die Leute gut unterhält oder Battles gewinnt. Bei Frauen ist es aber das Allererste, das beurteilt wird: „Wie gut sieht sie aus?“ Und erst dann wird geschaut: Was macht sie eigentlich?

Dazu passt, dass auf Instagram laut Ihrer Studie insbesondere die Frauen erfolgreich sind, die einem normierten Schönheitsideal entsprechen. Was für Auswirkungen hat das auf deren Follower?
Mädchen, die Influencerinnen folgen, legen zunächst einmal größeren Wert darauf, schlank zu sein. Die von uns befragten Mädchen, die Heidi Klum auf Instagram folgen, machen sich auf ihren eigenen Bildern zu 100 Prozent mit einer App ihre Zähne strahlend weiß. Zudem benutzen sie Filter, die das Gesicht schmälern und die Beine verlängern. Mädchen, die der Youtuberin Dagi Bee folgen, benutzen alle Filter, die die Haut ebener wirken lassen. Das sieht alles nicht echt aus. Aber wenn man so stark in dieser Welt zu Hause ist, dann ist dies das neue Normal.

Heißt das dann im Umkehrschluss: Wenn ich so nicht aussehe, dann bin ich nicht normal?
Es herrscht ein großer Druck, diese Filter zu verwenden, um überhaupt dazuzugehören. Das ist erschreckend. Instagram verstärkt den Trend, dass gutes Aussehen für Frauen das Wichtigste im Leben sein soll.

Nicht nur auf Instagram, auch wenn man sich in der Stadt umschaut, scheint Individualität nicht angesagt. Viele Mädchen sind alle geschminkt wie Kim Kardashian, haben lange Haare und einen Mittelscheitel …
Die Vielfalt verschwindet in der Tat. Dabei ist bei unseren Untersuchungen rausgekommen, dass das Bedürfnis von Jugendlichen eigentlich ist, so gesehen und verstanden zu werden, wie sie sind. Gleichzeitig wird ihnen vermittelt, dass das, was sie zu sagen haben, eben nicht reicht. Nur wenn ich mich so präsentiere, wie es das Ideal vorgibt, dann habe ich die Chance, überhaupt gehört zu werden.

Offenbar gilt es als Lebensziel, die Schönste im ganzen Land zu sein. Woran liegt das?
Es basiert darauf, dass wir Frauen untereinander oft noch einen Wettbewerb führen: Wir machen uns oft immer noch abhängig davon, wie Männer uns sehen, ob sie uns schön finden. Wir Frauen müssen aufhören, uns gegenseitig fertigzumachen. Wir müssen anfangen, uns gegenseitig zu bestärken.

Und wie soll das genau gehen?
Einer Freundin nicht immer nur Komplimente machen wie „Du hast abgenommen, du siehst aber toll aus“. Sondern auch mal Dinge sagen wie „Hey, das fand ich total klug, was du gesagt hast“. Nur so können wir als Frauen anfangen, ein größeres Selbstwertgefühl zu entwickeln, das eben nicht nur aufs Aussehen reduziert ist. 

Es geht aber auch nicht darum, sich als Frau jetzt nicht mehr zu schminken oder zum Friseur zu gehen …
Auf keinen Fall. Wichtig ist mir zu betonen: Nur weil man blond und schlank ist, heißt das nicht, dass man keine Feministin sein oder keine starke Meinung vertreten kann. Mich stört nur, dass es mittlerweile heißt: „Bist du schön, jung, attraktiv, dann höre ich dir zu, bist du es nicht, ist deine Stimme nicht wert gehört zu werden.“ Von dieser Idee müssen wir weg.

Was können Eltern tun, um Mädchen in ihrem Selbstwertgefühl zu bestärken?
Als Erstes sollte man die Mädchen nicht dafür verurteilen, dass sie einem Schönheitsideal nacheifern. Man sollte das vielmehr hinterfragen, denn dahinter stecken meist Ängste, Unsicherheiten. Meine Mutter hat mich immer gefragt: „Was beschäftigt dich? Wofür schlägt dein Herz eigentlich? Was interessiert dich noch?“ Das macht einen Menschen doch am meisten aus, also, was einen bewegt, über was man nachdenkt. Das sollte man thematisieren und eben nicht nur „Ah, cool, wo hast du dir die Haare färben lassen?“.

Stiftung und Studie

Die MaLisa Stiftung wurde 2016 von Maria und Elisabeth Furtwängler gegründet. Ihr Ziel ist eine freie, gleichberechtigte Gesellschaft. Sie engagiert sich international für die Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. In Deutschland setzt sie sich zudem für gesellschaftliche Vielfalt und die Überwindung einschränkender Rollenbilder ein.

Bei der aktuellen Studie „Weibliche (Selbst-) Inszenierung in den sozialen Medien“ wurden die 100 beliebtesten Musikvideos, die 100 beliebtesten Youtube-Kanäle und die Top 100 Instagrammer untersucht: Dort herrscht in Deutschland das Verhältnis 1:2 von weiblichen zu männlichen Protagonisten. Die Geschlechterdarstellungen in den erfolgreichsten Youtube-Kanälen basieren zudem auf veraltet anmutenden Stereotypen. Alle Ergebnisse: https://malisastiftung.org/geschlechterdarstellung-neue-medien/ rose

Zur Person

Nach dem Abitur reiste die Tochter der Schauspielerin Maria Furtwängler und des Verlegers Hubert Burda durch Kambodscha und die Philippinen. Dort wurde Elisabeth Furtwängler auf die Auswirkungen von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung aufmerksam. Mit der Unterstützung von German Doctors und lokalen Hilfsorganisationen initiierte sie daraufhin mit ihrer Mutter MaLisa Home.

Die 27-Jährige hat in Cambridge Kunstgeschichte und in Los Angeles Musik studiert. Unter dem Künstlernamen Lisa Fou tritt Elisabeth Furtwängler als Singer-Songwriterin auf. rose

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