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Kurt Krömer über seine Depression: „Ich war gegen Ende der Zeit in der Klinik total euphorisch“

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Von: Boris Halva

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„Ich kriege schon glasige Augen, wenn ich nur dran denke, wie schön es ist, vor Glück zu weinen,“ sagt Kurt Krömer-
„Ich kriege schon glasige Augen, wenn ich nur dran denke, wie schön es ist, vor Glück zu weinen,“ sagt Kurt Krömer- © Rolf Vennenbernd/dpa

Komiker Kurt Krömer litt viele Jahre an einer Depression. Ein Gespräch über düstere Tage, heilsame Tränen und sein Buch.

Berlin – Wer zu Kurt Krömer in die Sendung geht, muss ganz stark sein. Oder sehr elastisch. Denn „Chez Krömer“ ist kein Plausch-Format, die Kulisse der rbb-Sendung ist Programm: Im Verhörraum sitzt einem ein Gastgeber gegenüber, der viel lächelt, aber wenig lustig ist. Und der zu Hochform aufläuft, wenn er bei seinem Gegenüber die offenen Flanken aufgespürt hat. Ob Philipp Amthor (CDU), Erika Steinbach (AfD) oder gerade jüngst Gregor Gysi (Die Linke) – Kurt Krömer konfrontiert sie mit Frechheiten und Banalitäten, aber vor allem mit ihren eigenen Widersprüchen. So viel zur Fassade.

Über seine eigenen inneren Widersprüche hat Kurt Krömer, der eigentlich Alexander Bojcan (sprich: Boizan) heißt, lange hinweggesehen. Bis er so tief in der Depression versunken war, dass er im Spätsommer 2020 in die Klinik eingewiesen wurde. Das Buch über seinen Weg raus aus der Depression ist gerade erschienen. Aber wer steckt dahinter? Die Kunstfigur Kurt Krömer? Oder Alexander Bojcan, in Neukölln geboren und aufgewachsen, alleinerziehend (vier Kinder) und trockener Alkoholiker? „Ich schlage vor“, sagt der Mann am anderen Ende der Videoleitung in vollmundigem Berlinerisch, „Sie führen das Gespräch mit Alexander Bojcan, der in der Öffentlichkeit als Kurt Krömer bekannt ist. Oder ist das jetzt zu verwirrend?“

Ist es nicht. Und so kauzig sich Kurt Krömer in seiner Show geben mag, jenseits der vollgequarzten Verhörbude ist er ein höflicher und zugewandter Gesprächspartner, der signalisiert: Mit meinem Buch habe ich die Hose sowieso komplett runtergelassen, also: Was wollen Sie wissen?

Herr Krömer, fangen wir mit Ihrer Lieblingsfrage an: Wie geht es Ihnen?

Gerade bin ich gestresst und genervt, weil mein Zug zu spät war und sich deswegen alle Interviewtermine verschoben haben. Gleichzeitig bin ich glücklich darüber, dass ich das als einen realistischen Zustand einschätzen und sagen kann: Bis hierhin war das zwar ein Scheißtag, aber es ist schön, jetzt hier zu sein.

Das mit der realistischen Einschätzung war lange Zeit nicht so. In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Sie über viele Jahre auf die Frage, wie es Ihnen geht, immer mit „Alles gut“ geantwortet haben, um sich unangenehme Gespräche zu ersparen.

Deshalb fragen mich ja auch die Leute, die mich kennen und wissen, dass ich depressiv war, jetzt immer, ob es mir wirklich gut geht oder ob ich das nur so sage. Aber wenn ich heute sage, mir geht es gut, können Sie das ruhig glauben.

Kurt Krömer über seine Depression: „Ich war gegen Ende der Zeit in der Klinik total euphorisch“

Kann man das wirklich sagen: Ich war depressiv? Sie haben ja selbst durchlebt, dass eine schwere Depression kein Hustenreiz ist …

Es gibt natürlich Formen der Depression, mit denen man sich bis an sein Lebensende auseinandersetzen muss. Da geht es fast nicht ohne Antidepressiva oder Therapiestunden. Aber was mich betrifft, habe ich gesagt bekommen, dass ich sehr gut aus der Depression rausgefunden habe. Ich hab aber auch gelernt, dass es was für Depressive ist, sich immer zu fragen, was denn ist, wenn die Depression wiederkommt. Also sage ich mir, damit kann ich mich immer noch auseinandersetzen, wenn sie zurückkommt – und freu ich mich bis dahin einfach, dass die Depression nicht da ist.

Also hatten Sie gewissermaßen doppelt Glück im Unglück: Ihre Depression ging wieder weg – und Sie haben auch Ihre Lebensfreude und Lebenslust wiedergefunden.

Das kann man so sagen, aber das hat gedauert. Es ist ja bei der Depression so ähnlich wie beim Blinddarm. Du hast akute Schmerzen, wirst behandelt, in dem Fall operiert, und nach zwei Tagen wieder nach Hause geschickt. Aber damit ist es noch lange nicht überstanden. Du darfst erstmal keinen Sport machen und musst Dich – wenn Du nicht gleich wieder in der Klinik landen willst – schonen, um wieder zu Kräften kommen. Da musste ich mich auch ein bisschen zügeln.

Weil Sie dachten: Depression überstanden, weiter geht’s?

Ganz genau! Ich war gegen Ende der Zeit in der Klinik total euphorisch, es gab Tage, da dachte ich, jemand hat mir Ecstasy in die Limo gemischt. Vor lauter Glückseligkeit hätte ich fast übersehen, dass es auch schlechte Tage geben wird, an denen ich blöde Sachen erlebe oder mit Leuten zu tun habe, die mich unheimlich anstrengen. Aber das hat sich eingependelt und ich kann sagen: Mir geht’s richtig gut.

Sie schreiben in Ihrem Buch, wir sollten alle mehr weinen – vor Glück, aber auch, weil wir traurig sind…

Ich hab natürlich nicht erst angefangen zu weinen, als ich mit meiner Depression in der Klinik war – ich hab davor auch geweint und mich selbst dann nicht geschämt, wenn ich es in der Öffentlichkeit gemacht habe. Aber ich hätte nicht gedacht, dass Leute so erstaunt sind, wenn man sagt: Ich weine öfter mal. Für viele gilt ja: Ein Mann weint nicht. Aber das ist Quatsch. Männer werden ja wohl mal weinen dürfen!

Kurt Krömer: „Ich hatte manchmal richtig Angst, zu weinen“

Haben Sie heute schon geweint?

Nee, heute noch nicht. Aber wenn unser Gespräch eine traurige Wendung nehmen sollte oder mir mal wieder bewusst wird, wie schlimm es früher war und wie schön jetzt alles ist, dann kann es schon sein, dass mir die Tränen kommen … Oh Mann, ich krieg schon glasige Augen wenn ich nur dran denke, wie schön es ist, vor Glück zu weinen.

Können Sie sich erinnern, wie das war? Nichts mehr spüren, nichts macht Freude, alles strengt furchtbar an?

Klar! Auch wenn die Depression vieles zudeckt.

Sie haben also gespürt, dass mit Ihnen was nicht stimmt?

Ja, in jedem Fall. Und in den letzten zwei Jahren, bevor ich in die Klinik bin, habe ich manchmal zu Freunden gesagt, ich hab so ein Stechen und Brennen in den Augen und ich würde gerne weinen, aber ich kann nicht. Irgendwas hat das zurückgehalten. Ich hatte manchmal richtig Angst, zu weinen, weil ich dachte, wenn ich jetzt weine, dann löst sich der ganze Druck und ich sterbe. Ich hab mir eingebildet, dass das richtig krass wird, wenn der Damm bricht.

Zur Person

Kurt Krömer, 47, moderiert seit 2019 die Sendung „Chez Krömer“ bei rbb. Als Komiker und Moderator ist er seit Anfang der 2000er Jahre im Fernsehen, auf der Kinoleinwand und auf der Bühne präsent. Zuletzt wurde er 2020 mit dem Grimme-Preis in der Sparte Unterhaltung ausgezeichnet. Über seine Reise zu den Bundeswehr-Einheiten in Afghanistan 2012 hat er mit Tankred Lerch das Buch „Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will“ geschrieben. Krömer heißt eigentlich Alexander Bojcan und stammt aus Berlin-Neukölln. boh

Der Damm ist vor zwei Jahren gebrochen, als Sie zur Behandlung in die Klinik eingewiesen wurden.

Ich hatte erstmal panische Angst vor der Klinik, aber als ich dann dort war, habe ich sofort gespürt: Hier ist der einzige Ort auf der Welt, an dem sie mir helfen können. Das hat dazu geführt, dass ich die erste Woche eigentlich nur geweint habe, weil ich so erleichtert war, dass die Odyssee endlich zu Ende ist.

Kurt Krömer über sein Buch: „Noch wichtiger als das Schreiben war, darüber zu reden“

War das der Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Ihre Depression auch viel mit Überforderung zu tun hatte?

Stress, der nicht verarbeitet wird, spielt eine Rolle. Angst auch. Und wenn von Burnout gesprochen wird, ist das oft schon eine Vorstufe der Depression. Dieses erschöpft sein, die Panikattacken – das kennen alle, die unter Depressionen leiden, sehr gut.

War das Schreiben über die Depression also auch ein Weg, Ballast abzuwerfen?

Oh ja! Aber noch wichtiger als das Schreiben war, darüber zu reden. Ich bin im November 2020 aus der Klinik rausgekommen. Und im März 2021 habe ich die „Chez Krömer“-Sendung mit Torsten Sträter gemacht, in der wir über unsere Depression gesprochen haben. Das war mein erster öffentlicher Job nach dem Ganzen, und mir war völlig klar: Ich muss mich outen, sonst werde ich die 30 Jahre Ballast niemals los. Ich wollte Platz und Kraft für neue Gedanken haben. Das alles aufzuschreiben war so was wie eine Anschlusstherapie.

Kurt Krömer. Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst - Meine Depression.
Kurt Krömer. Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst - Meine Depression. © KiWi

Haben Sie herausfinden können, wo der Ursprung Ihrer Depression lag?

Ja und nein. Ich habe mich in den zurückliegenden 30 Jahren ja nie damit beschäftigt, dass ich eine Depression haben könnte. So wie ich auch während der Zeit meiner Alkoholsucht nie – selbst nach dem fünften Bier nicht – darauf gekommen bin, dass ich ein Alkoholproblem haben könnte. Ich hab dann im Rückblick gesehen, dass ich damals mit dem Alkohol meine Depression ertränken wollte. Ich dachte immer: die Schwere, die Traurigkeit, das sind Entzugserscheinungen. Ich dachte, Psyche und Körper fordern den Alkohol ein, damit es mir wieder gut geht. Heute weiß ich: Das war die Depression.

Sie sind seit zehn Jahren trockener Alkoholiker, der Entzug war kurz und heftig. Die Depression anzupacken, hat länger gedauert. Hat Sie die Angst, dass Sie Ihre Kreativität verlieren könnten, wenn Sie eine Therapie machen, auch davon abgehalten, in die Klinik zu gehen?

Was ich als Künstler mache, ist ja sehr absurd, das folgt keiner Struktur und keiner Logik. Und da war natürlich die Sorge, dass ich mit der Depression auch meine Kreativität verliere, die ich für die Arbeit brauche. Ich hatte wirklich Angst, mir nach der Zeit in der Klinik eingestehen zu müssen: Ohne meine Vollmeise ergibt das alles keinen Sinn mehr, ist ja alles total bekloppt.

Aber so kam es nicht.

Im Gegenteil, Talent und Berufung sind immer noch da. Und ich spüre jetzt viel stärker, was möglich ist. Ich muss allerdings aufpassen, dass ich nicht in eine positive Überforderung reinrutsche und 20 Jobs im Monat mache, weil ich das alles so super finde, mir aber damit einen Burnout hole.

Die Therapie in der Klinik ging über zwei Monate. War es schwierig für Sie, einfach mal nicht effizient zu sein?

Anfangs schon, aber das ist ja genau die Logik dieser klinischen Therapie: Dass man viel Zeit hat und Ruhe, sich der Gelassenheit hinzugeben und zu reflektieren. Dass es keine Frist gibt, bis zu der man die Depression vom Tisch kriegen muss. Manche Therapeuten haben gesagt, ich sei übereifrig und solle jetzt einfach mal bisschen langsam machen.

Kurt Krömer über Klinikbesuch: „Dachte, dass ich, wenn ich gut mitmache, vielleicht eine Woche früher rauskomme“

Warum das?

Weil ich in der Gruppentherapie immer der erste war, der was sagen wollte. Weil ich dachte, dass ich, wenn ich gut mitmache, vielleicht eine Woche früher rauskomme. Aber nach drei Wochen habe ich gemerkt, dass mir jeder einzelne Tag gut tun wird.

Können Sie Zeit jetzt wieder als Geschenk empfinden?

Aber hallo! Es ist vor allem ein unglaubliches Gefühl, wieder präsent zu sein. Wieder mit meinen Kindern zusammen sein und offen sein zu können. Nicht nur nicken und hoffen, dass ich bald ins Bett gehen kann, sondern eben wieder zuhören zu können, nachzufragen, teilzunehmen. Selbst wieder zu fühlen, heißt ja auch, mitfühlen zu können. Das ist toll!

Ist das auch eine Erkenntnis aus der Zeit mit und nach der Depression? Dass es wichtig ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen?

Aber da geht es vor allem um Kleinigkeiten und nicht darum, zu sagen: Ich nehme mir jetzt mal Zeit und kaufe mir nen Sportwagen, sondern ich setz mich in den Park und höre den Vögeln zu. Wir haben in der Klinik ein Stück Apfel bekommen, und den sollten wir nicht so essen, wie wir das üblicherweise machen: rein in den Mund und weg isser. Wir sollten erstmal daran riechen, dran lecken, dann einen kleinen Bissen nehmen und den ganz langsam kauen. Dreißig mal kauen! Das klingt profan, aber mir ist dabei aufgefallen, wie oft ich vorher Brot gegessen habe, ohne überhaupt zu merken, was drauf ist. Ich habe gelernt, dass man jeden Tag viele kleine Dinge tun kann, die sich sehr gut anfühlen.

Haben Sie das Gefühl, dass es auch anderen Menschen gut tun würde, sich mehr Zeit für die kleinen Dinge zu nehmen?

Auf jeden Fall. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass wir als Gesellschaft in ziemlich depressiven Strukturen leben. Andererseits fühle ich mich jetzt offen für die Probleme, die da draußen herrschen. Es macht mich zwar noch manchmal traurig oder auch wütend, aber es macht mich nicht mehr depressiv, dass da doch einiges im Argen liegt. Und da meine ich jetzt nicht nur Pandemien und Kriege.

Interview: Boris Halva

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