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„Diese Klischees über uns als Kelly Family, die waren oft so etwas wie ein Fluch“, sagt Kathy Kelly. 

Langer Weg zum Ruhm

Kathy Kelly: „Als ich jung war, gab es nicht so viel zu lachen“

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Kathy Kelly ist das drittälteste Kind der berühmten Kelly Family. Ein Gespräch über den langen Weg zum Ruhm, fiese Witze und wie es ist, ein Teil der Erfolgsfamilie zu sein.

Supersympathisch und unkompliziert zeigt sich Kathy Kelly beim Treffen in einem Frankfurter Hotel. Eine Frau, die gerne Scherze macht und viel lacht. „Wer lacht überlebt“ heißt passenderweise ihr aktuelles Album, mit dem die 56-Jährige im Herbst auf Tour geht. Fröhliche Schlager und Chansons, doch ihre Realität war oft weniger heiter. Als ihre Stiefmutter an Krebs stirbt, übernimmt sie mit nur 19 Jahren die Mutterrolle für ihre neun jüngeren Geschwister. Wie sie das geschafft hat, und wie es ist, wieder mit einem Großteil ihrer Geschwister auf der Bühne zu stehen, erzählt sie im Interview.

Ist es eher ein Fluch oder Segen ein Kelly zu sein, Frau Kelly? 
Beides. Einmal sind da die großen Erfolge und unsere wahnsinnige Familiengeschichte. Ich habe sehr viel erlebt. Aber dann sind da auch diese Klischees über uns als Kelly Family. Die waren oft so etwas wie ein Fluch. 

Sie meinen die fiesen Witze in den 1990ern, so was wie „die Kellys waschen sich nie“, oder?
Ja, genau. Wir waren noch frisch im Mediengeschäft und gar nicht gewohnt, damit umzugehen. Die fiesen Kommentare, also, beispielsweise, dass wir uns nicht waschen, haben mich extrem verletzt. Aber irgendwann bekommst du eine Hornhaut. Mittlerweile kann ich das alles mit Humor sehen. Heute würde ich nicht nur mitlachen, sondern über uns sogar noch schlimmere Witze machen. (lacht)

Apropos lachen: „Wer lacht überlebt“, heißt Ihr aktuelles wie erstes deutschsprachiges Album. Was waren die härtesten Momente in Ihrem Leben, in denen nur noch lachen half?
Als ich jung war, gab es in unserer Familie nicht so viel zu lachen. Ein schlimmer Moment war, als meine Stiefmutter Barbara innerhalb von zehn Monaten an Krebs starb. Wir wollten damals weit weg, raus aus dem Haus, in dem sie gestorben war. Es war eine Flucht von den traurigen Erinnerungen. Wir zogen zunächst aus Spanien nach Paris. Da war ich 19 Jahre alt. Mein jüngster Bruder Angelo war damals noch ein Baby, er schlief nachts immer auf meiner Brust, weil er Atemprobleme hatte. Ich hatte Angst, dass er plötzlich aufhörte zu atmen und ich es nicht merken könnte. Ich übernahm die Mutterrolle für ihn und meine anderen jüngeren Geschwister. Trotz dieser traurigen Zeiten versuchte ich eben, meine Geschwister zum Lachen zu bringen oder ich sang ihnen vor. Ich tat eben alles, um sie aufzuheitern.

Was war mit Ihrem Vater?
Mein Vater war durch die Trauer sehr angeschlagen. Er hatte Alkoholprobleme, so dass ich ihn in der Zeit sehr viel unterstützt habe.

Sie waren 19. Haben Sie so einen starken Charakter oder mussten Sie einfach funktionieren?
Beides. Ich bin schon als Kind sehr stark gewesen.

Sie wurden als Kind von Ihrer leiblichen Mutter getrennt …
Ja, mit sechs Jahren bin ich mit meiner Familie von den USA nach Spanien gezogen. Am Anfang lebte meine Mutter noch mit uns zusammen, aber dann trennten sich meine Eltern. Mein Vater heiratete neu und ich sah meine Mutter erst 33 Jahre später wieder.

Wollten Sie als Kind lieber zu Ihrem Vater?
Ich war Kind, es wurde so entschieden. Ich habe nie rausgefunden wieso, weshalb, warum das so passierte. Ich fing aber wenig später damit an in der Kunst, bei mir war das die Musik und der Tanz, einen sicheren Ort zu finden. Dann fingen wir an durch die Welt zu reisen.

Wie kamen Sie wieder mit Ihrer Mutter zusammen?
Meine Mutter hatte den ersten Schritt gemacht. Darüber bin ich bis heute froh. Als wir uns das erste Mal nach 33 Jahren wiedertrafen, war es so als hätten wir uns nie getrennt. Das war verrückt und gleichzeitig wunderschön. Klar, konnten wir die verlorene Zeit nicht aufholen, aber wir hatten die letzten Jahre eine super „Quality Time“ miteinander.

Nochmal zurück zu Ihrem beruflichen Werdegang. Sie wären beinahe Violinistin oder Ballerina geworden, nicht?
Ja, ich habe Ballett und Geige studiert. Als ich 16 war, wollte mein Vater uns unbedingt Europa zeigen. Wir hatten bislang nur Spanien gesehen. Er sagte: „Es gibt eine größere Welt da draußen.“ Also sind wir in einem kleinen VW-Bus losgefahren. Zunächst nach Rom. Als wir von einem Ausflug vom Kolosseum zurückkamen, war unser Bus aufgebrochen und unser ganzes Geld war weg. Aber unsere Instrumente waren noch da. Schon als wir in Spanien lebten, baten uns die Leute, dass wir für sie singen und spielen. Also haben wir gedacht: „Okay, wir probieren es einfach.“ Wir haben angefangen auf der Straße zu spielen, und zu singen und die Leute haben uns mit Geld überschüttet. Das war der Moment, wo uns klar wurde: „Wir können reisen und mit unserer Musik Geld verdienen, die Welt liegt uns zu Füßen.“ Damals entdeckte mich auf der Straße in Rom Professor Thomas Christian, der am Konservatorium in Wien unterrichtete. Er bat mich, ihm den Liebestraum von Schumann vorzuspielen. Danach bot er mir an, Geige bei ihm in Wien zu studieren. So sind wir erstmal in Wien gelandet.

Und wenig später bekam die Kelly Family ein Angebot von Polydor, um Platten zu machen …
Richtig, wir hatten zu dem Zeitpunkt auch angefangen als Straßenmusiker in Deutschland zu spielen. Die Leute hatten uns dort schnell mit offenen Armen aufgenommen. 1979 unterzeichneten wir unseren ersten Plattenvertrag. Anfangs reiste ich da noch alle sechs Wochen nach Wien zum Studieren. Ich hätte noch ein Jahr studieren müssen, um meinen Abschluss zu machen. Aber da kam eben der erste Plattenvertrag und ich habe angefangen, unser erstes Album zu produzieren. Es kamen die ersten Erfolge und TV-Auftritte. Aber dann erkrankte meine Stiefmutter Barbara. Wir zogen uns erst einmal in unserem Haus in Spanien zurück. Wir spielten ein paar Konzerte in San Sebastian, waren aber erstmals nicht in der Lage, im medialen Zirkus mitzumischen. Nach ihrem Tod lebten wir dann so zwei Jahre in Paris. Dort spielten wir in der Metro, in der Bretagne organisierten wir unsere eigenen Konzerte. Innerhalb von neun Monaten kamen bis zu 2000 Menschen zu unseren Konzerten.

1983 bis 1994 gaben Sie Straßenkonzerte in den USA und Europa. Waren Sie überall willkommen?
Ganz unterschiedlich. In den Südstaaten hatten wir kaum aufgebaut und mussten schon weg. In Boston und New York war das ganz anders, da waren wir sehr willkommen. Aber klar gab es immer Momente, ob in den USA oder in Europa, wo die Polizei kam und versuchte, uns zu vertreiben. Wenn wir das merkten, sagte meine Schwester immer: „Komm wir singen jetzt ‚Amazing Grace‘, damit habe ich die männlichen Polizisten immer so sehr berührt, dass sie uns haben weiter singen lassen. Nur die Polizistinnen haben sich nicht weichkochen lassen. Vor denen habe ich echt Schiss gehabt. (lacht)

Auch in Frankfurt haben Sie gesungen, nicht?
In Frankfurt waren wir sehr oft zwischen 1989 und 1992. Da haben wir immer an den langen Samstagen auf der Zeil gesungen. Die Geschäfte waren damals so voll und es wurde so viel verkauft, dass die Ladenbesitzer uns einfach haben singen lassen. Sie haben nie die Polizei gerufen. Wir hatten immer eine sehr gute Zeit auf der Zeil.

In den 90er-Jahren kam dann der Megahype. Gerade wenn Ihre Brüder Paddy und Angelo auftraten, schrien sich die Mädchen die Seele aus dem Leib. War das eigentlich blöd für Sie, dass Sie nie im Mittelpunkt standen?
Überhaupt nicht. Ich hatte ganz andere Jobs. Ich stand nicht nur auf der Bühne, sondern war auch Produzentin der Alben. Ich war sehr beschäftigt und habe das alles aus der Distanz beobachtet. Die Mädchen waren ja auch nicht hinter mir her (lacht). Für mich kam eher die Frage der Sicherheit auf: Wie kommen wir von A nach B, so dass nichts passiert? Also, dass nicht nur meine Brüder, sondern auch die Fans bei all der Hysterie unverletzt blieben. Ich fühlte mich für meine Familie wie für die Fans verantwortlich.

Ihr Vater war damals sehr streng, was Medien anging. Nur eine Bravo-Reporterin durfte die Kelly Family interviewen. Warum?
Das stimmt. Er hat das aber nicht gemacht, weil er es böse meinte. Er wollte uns beschützen. Dieser Bravo-Journalistin vertraute er. Bei den anderen Journalisten war er sich nicht so sicher, was sie berichten werden. Das war vielleicht ein bisschen zu viel an Kontrolle und Fürsorge. Aber bei so vielen Kindern kann man das verstehen.

Die Kelly Family machte nach fünf Jahren eine lange Pause …
Jeder von uns hat sich seine Auszeit zu verschiedenen Phasen genommen. Fünf bis sieben Jahren waren diese jeweils. Und dann kamen wir alle langsam zurück. Aber zunächst mit Soloprojekten.

Wie haben Sie weitergemacht?
Ich habe meinen Sohn in Deutschland und Irland großgezogen und mich als Opernsängerin weitergebildet. Dies hilft mir nicht nur bei meinen eigenen Konzerten, sondern jetzt auch wieder bei den großen Hallen-Konzerten mit meiner Familie. Wenn wir drei Stunden lang vor 20 000 Leuten auftreten, mache ich das stimmlich mit links.

Sie waren auch die Initiatorin, dass ein großer Teil der Kelly Family seit 2017 wieder zusammen tourt. Hatten sie keine Angst, dass niemand mehr kommt?
Nein, wir hatten schon vorab hin und wieder in verschiedenen Konstellationen zusammen gesungen. Da merkten wir bereits, dass unsere Fans sehr viel Lust hatten, uns alle wieder zusammen auf der Bühne zu sehen. Aber, dass es wieder so groß und so erfolgreich wird, damit haben wir wirklich nicht gerechnet. Wir dachten: „Wenn 6000 Leute kommen, wäre das super.“ Aber dass wir gleich wieder in so großen Hallen spielen werden und die Fans uns so lange treu bleiben, noch so schön unsere Lieder mitsingen, hätten wir nicht gedacht. Wir fliegen auf einer Wolke mit ihnen.

Sie haben einen erwachsenen Sohn. Er kann bestimmt auch toll singen, oder?
Er ist musikalisch, aber immer, wenn ich ihn als Kind oder Teenie fragte, ob er denn singen möchte, antwortete er: „Nein“. Ich habe ihn dann auch nie gedrängt. Vor sieben Jahren beschwerte er sich dann aber: „Warum hast du mich nie gezwungen, zu singen?“ (lacht) Schließlich hat er dann aber doch lieber Business und Marketing studiert.

Ihr Sohn war es auch, der Sie dazu brachte 26 Kilogramm in einem Jahr abzunehmen. Wie kam es dazu, dass Sie so viel Übergewicht loswerden mussten?
In den letzten zwölf Jahren hatte ich pro Jahr drei bis vier Kilo zugenommen. Es ist einfach schwieriger, sich gut zu ernähren, wenn man Konzerte gibt und viel unterwegs ist. Man muss einfach viel disziplinierter sein. Irgendwann merkte ich dann auch, dass es mir gesundheitlich nicht mehr so gut ging. Mein Sohn sagte: „Mama, du musst was tun. Ich will nicht, dass du stirbst.“ Dann habe ich meine Ernährung komplett umgestellt. Ich habe beispielsweise viel zu viel Brot gegessen. Als junge Frau war ich Ballerina, da war ein Stück Brot viel. Aber gerade hinter der Bühne, gibt es oft ganz viele Brötchen. Am Ende habe ich acht, neun Brötchen am Tag gegessen. Auch den Süßigkeiten, die in der Garderobe liegen, konnte ich nicht widerstehen. Gerade nach einem dreistündigen Konzert hat man Heißhunger. Jetzt plane ich anders. Ich esse Äpfel oder Avocados tagsüber, so dass der Heißhunger abends nach dem Konzert erst gar nicht auftaucht.

Warum singen Paddy und Maite nicht mehr bei den Konzerten? Sind Sie zerstritten?
Nein, sind wir nicht. Paddy und Maite machen nur gerade ihr eigenes Ding. Aber die Türen stehen für alle auf. Ich frage sie immer wieder.

Also jedes Weihnachten?
Ehrlich gesagt: Viel öfter. Eben solange, bis sie zusagen. (lacht)

Interview: Kathrin Rosendorff

Zur Person

Kathy Kelly wird 1963 als Kathleen Anne in Leominster, Massachusetts, in den USA geboren. Sie ist das drittälteste Kind der irischstämmigen Kelly Family. Fünf Jahre später zieht die Familie nach Spanien. Sie wird von der leiblichen Mutter, mit der ihr Vater vier Kinder hat, getrennt. Ihr Vater heiratet erneut und bekommt mit seiner Frau noch acht weitere Kinder.

Mit neun Jahren erhält Kathy Kelly Geigen- und Klavierunterricht an den Konservatorien von Pamplona und Madrid. Mit 16 macht sie einen Abschluss als Primaballerina und studiert am Wiener Konservatorium Geige. Dann aber werden sie und ihre Familie als Straßenmusiker entdeckt. 20 Millionen Tonträger darunter das Erfolgsalbum „Over The Hump“ verkauft die Kelly Family, die sie als Produzentin wesentlich beeinflusst. Ihr Sohn Sean wird 1992 geboren. 1999 startet sie ihre Solokarriere. Seit 2017 tritt sie auch mit einem Großteil ihrer Geschwister wieder auf. Aktuell ist sie im Westerwald Zuhause.

Kathy Kelly ist Solo auf Tour: In Mannheim (7. Oktober), Hamburg (14. Oktober). Berlin (17.Oktober) und Wiesbaden (19.Oktober). Alle Termine unter www.kathyannekelly.com

Weitere Auftritte mit der Kelly Family „25 Years over the Hump“ finden in Köln (22. November), Frankfurt (24. November), Berlin (7. und 8. Dezember). Hamburg (14. und 15.Dezember)und München (20. Dezember) statt. Alle Termine: https://www.facebook.com/KellyFamilyOfficial/

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