Jochen Rindt 1970 in Hocknheim.
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Jochen Rindt 1970 in Hocknheim.

Jochen Rindt

Erst der Tod, dann der Titel

Auch 50 Jahre nach seinem Tod zählt Jochen Rindt zu den Formel-1-Ikonen. Viele sehen in ihm den ersten Popstar der PS-Königsklasse.

Eine Zigarette im Mundwinkel, eine auffällige Nase, die Sonnenbrille, ein verschmitztes Lächeln, ein schlaksiger Gang: lässig, selbstbewusst, charismatisch kam Jochen Rindt daher. Ein Typ, der auf- und gefiel. Ein Draufgänger, sobald er in einem Rennwagen saß. „Er ist mit seinem ganzen Auftreten herausgeragt aus der Masse“, erinnert sich sein Schulfreund und heutiger Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko (77) Anfang Juli am Rande des Grand Prix von Österreich.

Jochen Rindt verfolgte in seiner Karriere ein Ziel: Er wollte Formel-1-Weltmeister werden. Als Nina Rindt die von ihrem Mann ersehnte WM-Trophäe endlich entgegennimmt, ist er schon seit zwei Monaten tot. „Es war seine Leidenschaft. Er hat das gemacht, was er liebte“, sagt die Finnin in der ARD-Dokumentation „Jochen Rindts letzter Sommer“ aus dem Jahr 2010.

Tödlicher Unfall in Monza

Am 5. September 1970 wird diese Leidenschaft zu Jochen Rindts Verhängnis. In Monza, wo am Sonntag die Enkelgeneration mit dem sechsmaligen Weltmeister Lewis Hamilton und Sebastian Vettel wieder fährt. Im Training zum Großen Preis von Italien verunglückt er tödlich. In der Parabolica kracht Rindt mit seinem Lotus 72 in die Leitplanken. Ursache: eine gebrochene Bremswelle vorne rechts. Rindt wird nur 28 Jahre alt – und ist der erste und bislang einzige Fahrer, der posthum Formel-1-Weltmeister wird.

Die Bilder sind unvergesslich. Ehefrau Nina auf einem Barhocker in der Lotus-Box sitzend, mit bangem Blick, eine Stoppuhr in der Hand. Sie wartet auf ihren Mann, während alle anderen Fahrer zurück von der Strecke kommen. Es wird immer ruhiger. Jackie Stewart, Rindts Rivale und enger Kumpel, kommt zu ihr, sagt, was geschehen ist. Bernie Ecclestone, späterer Formel-1-Herrscher, trägt den blutverschmierten Helm seines Freundes.

Die Erschütterung in und außerhalb der Motorsport-Welt über Rindts Tod ist groß, vergleichbar nur mit den Unfall-Tragödien des Briten Jim Clark 1968 in einem Formel-2-Rennen auf dem Hockenheimring und des Brasilianers Ayrton Senna 1994 in Imola.

30 000 Menschen geben Rindt in Graz sechs Tage nach seinem Tod das letzte Geleit. Rennfahrer-Kollege Joakim Bonnier sagt in seiner Trauerrede: „Und egal, was in den nächsten Wochen noch passiert: Für uns ist Jochen der Weltmeister.“

Auf dem Zentralfriedhof in Graz stehen an Rindts Grab noch heute immer wieder zahlreiche Kerzen. Die Stadt, in der er aufwuchs, erinnert in diesem Jahr an ihn. Am Mittwoch wurde eine ihm gewidmete Straßenbahn im Beisein seiner Tochter Natascha (52) präsentiert. Im Mai 2021 soll eine Ausstellung über Rindt folgen, ein Platz in Graz erhält seinen Namen.

Jochen Rindt, geboren in Mainz

In der ServusTV-Sendung „Sport und Talk aus dem Hangar-7“ am vergangenen Montag hob Schulfreund Marko die Bedeutung Rindts für das Alpen-Land hervor. „Wir sind eine Skination, aber ich glaube, Jochen ist der populärste Sportler, den Österreich je hatte“, sagte er. „Er war ein Mythos.“

Dabei war Rindt kein Österreicher. Geboren wurde er am 18. April 1942 in Mainz. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Österreicherin. Sie besaßen eine Gewürzmühle. Als seine Eltern 1943 bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben kamen, nahmen ihn seine Großeltern in Österreich zu sich. Er blieb Deutscher, doch fuhr er mit österreichischer Rennfahrerlizenz. „Ich fühle mich als Europäer“, sagte er einmal bei einem Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“.

Seinen Entschluss, Rennfahrer zu werden, traf er 1961 bei einer Reise zum Nürburgring mit Marko. Er geht nach England, um Anschluss an die internationale Szene zu finden. „Unser Schulenglisch hat ja grad mal gereicht, um etwas zu essen zu bestellen. Da brauchst du Mut, eine Vision. Und viel Selbstvertrauen“, sagte Marko im Juli dem „Red-Bull-Bulletin“.

Mit einem Schriftzug auf einer Straßenbahn ehrt die Stadt Graz die Formel-1-Legende.

Schnell steigt Rindt auf, wird in Österreich zum Star. Er siegt 1965 in Le Mans. Seine TV-Sendung „Motorama“ wird Kult. Er moderiert im Pelzmantel oder interviewt seine Formel-1-Konkurrenten gleich nach der Siegerehrung. In Wien veranstaltet er 1965 erstmals die Jochen-Rindt-Show. Privat findet er sein Glück in Nina. Sie heiraten 1967, 1968 kommt Tochter Natascha.

In der Formel 1 fehlt ihm aber lange ein siegfähiges Auto. 1964 bestreitet er sein erstes von 60 Rennen. Erst 1969 kommt die Chance: Lotus-Chef Colin Chapman will ihn als Clark-Ersatz. Der Brite gilt als genialer, aber rücksichtsloser Konstrukteur. „Bei Lotus kann ich Weltmeister werden oder sterben“, sagt Rindt. Er unterschreibt dennoch.

Die Beziehung ist schwierig. „Ich habe zu Lotus noch nie ein Vertrauen gehabt“, schimpft Rindt, nachdem in Barcelona ein Flügel an seinem Wagen bricht und er crasht. Im vorletzten Rennen der Saison in Watkins Glen feiert er endlich den ersten Sieg.

Im Jahr darauf gewinnt Rindt in Monaco nach einer Aufholjagd durch die engen Straßen des Fürstentums. In Zandvoort startet er eine Siegesserie. Doch der Feuertod seines Freundes Piers Courage überschattet den Erfolg. Es folgen erste Plätze in Clermont-Ferrand, Brands Hatch und beim Formel-1-Debüt des Hockenheimrings. Auf dem Österreichring scheidet er zwar aus. Dennoch hat er mit 45 Punkten als Führender alle Chancen auf den Titel.

Dann kommt die Monza-Tragödie. Bis zum vorletzten Rennen kann Ferrari-Pilot Jacky Ickx (75) seinen toten Rivalen noch abfangen. Eine Panne und Platz vier in Watkins Glen verhindern das. Der Belgier ist erleichtert. Jahre später erinnert er sich: „Das Schönste war zu erleben, wie der Weltmeistertitel dann doch noch an Jochen ging.“ (Claas Hennig, dpa)

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