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Exzentrikerin, Stilikone und Oscar-Preisträgerin: Diane Keaton.

Diane Keaton

„Leute ohne Rückgrat sind mir ein Graus“

Die Schauspielerin Diane Keaton ist ab Donnerstag wieder im Kino zu sehen. Ein Gespräch über starke Frauen, Freunde im Showbusiness und teuflische Tricks.

Von Ulrich Lössl

Diane Keaton, 68, inszeniert ihren Interview-Auftritt wie auf einer Theaterbühne: In die leere Hotel-Suite tritt sie plötzlich aus einem Nebenraum, lachend und herzlich grüßend. Sie ist perfekt geschminkt, trägt eine schwarze Hose, einen handbreiten, schwarzen Gürtel, der ihre schmale Taille betont, eine schwarzweiß gestreifte Bluse, den obligatorischen schwarzen Schlapphut und eine hellblau getönte Brille. Und als ganz besonderen Hingucker: Fingernägel sind im Schachbrett-muster schwarzweiß lackiert. Bei aller Grandezza besticht die Schauspielerin als sensible Gesprächspartnerin und durch entwaffnende Offenheit.

Was hat Sie bewogen, bei dem Film „Das grenzt an Liebe“ mitzumachen?
Da gab es einige Gründe. Ich liebe Komödien, und ich bin ein großer Fan von Regisseur Rob Reiner, der uns mit „Harry und Sally“ eine ganz wunderbare Komödie geschenkt hat. Dann verliebt sich Michael Douglas in mich und ich darf vor der Kamera live singen… Es gab also eine Menge Gründe, bei diesem Film mitzumachen. Außerdem lautet die Botschaft des Films, dass es bei der Liebe kein Verfallsdatum gibt. Michael und ich spielen zwei Menschen, die – mit Ende 60 – noch einmal voll und ganz in der romantischen Liebe aufgehen. Ist das nicht fantastisch?

Könnte Ihnen das auch im wirklichen Leben passieren?
(Lacht) Das halte ich ehrlich gesagt für ziemlich unwahrscheinlich. Meine Liebe verteilt sich in den letzten Jahren eher auf meine beiden Kinder, meine Verwandten und auf Freunde.

Ist das Ihr Ernst? Haben Sie mit dem erotischen Aspekt der Liebe tatsächlich abgeschlossen?
Abgeschlossen klingt etwas zu hart, finde ich. Sagen wir es so: Ich suche nicht mehr krampfhaft nach einem neuen Lover oder Lebenspartner. Wenn es sich ergeben sollte, schön – wenn nicht, auch gut. Und wenn man sich nicht mehr nur auf den Partner und die Liebesaffäre konzentriert, eröffnen sich einem doch viele neue Möglichkeiten. Zumindest ging es mir so. Seit ich keine romantischen Beziehungen mehr habe, erlebe ich die Welt viel intensiver. Ich sehe zum Beispiel meine Umwelt mit ganz anderen Augen. Bei Spaziergängen am Strand rieche ich die salzige Luft, höre, wie die Wellen an den Strand und wieder ins Meer zurück rollen. Fühle den Sand unter meinen nackten Füßen. Oder wenn ich reise, dann erlebe ich eine Stadt oder ein Land viel näher und klarer. Wenn man bis über beide Ohren in jemanden verliebt ist, dann verschwimmt die Welt eigentlich doch nur zu einem schönen Background.

Das heißt, Sie haben früher mit Partnern wie Woody Allen, Al Pacino oder Warren Beatty zwar die Welt bereist, aber nichts davon gesehen?
(Lacht) So ungefähr. Hinzu kam ja noch, dass ich als junge Frau sehr unsicher und verletzlich war. Dem armen Woody habe ich damals mit meinen Neurosen wohl ziemlich zugesetzt. Aber genial, wie er nun mal ist, hat er das alles einfach in seine Filme gepackt…

… und Sie in seinem „ Stadtneurotiker“ als süß-verzickte Annie Hall unsterblich gemacht.
Ja, Annie Hall – das war ich! Eins zu eins. Da musste ich gar nicht schauspielern. Überhaupt fing mit Woody meine Karriere als Filmschauspielerin erst richtig an. Er war ja damals nicht nur mein Freund und Lover, sondern auch mein Mentor. Filmemachen mit ihm war wie ein Camping-Ausflug. Alles war unheimlich easy und wir hatten immer jede Menge Spaß. Und als ich mich wieder mal mit Selbstzweifeln quälte, sagte er bloß: „Denk nicht an die anderen. Du bist doch eine gute Schauspielerin – also mach einfach.“ Ich weiß noch, als wir die Komödie „Der Schläfer“ drehten, da sagte er: „Du bist jetzt Marlon Brando und ich Blanche DuBois.“ Also spielten wir „Endstation Sehnsucht“. Einfach so, aus dem Stegreif! Er hat mir viele meiner Ängste genommen. Ich liebe Woody bis heute – ganz gleich, was andere über ihn sagen. Er ist ein treuer Freund geblieben.

Treffen Sie sich auch noch gelegentlich?
Eher selten, aber wir telefonieren ziemlich regelmäßig. Woody ist auch heute noch jemand, den ich sehr gerne um Rat frage. Und er macht immer noch Filme, über die ich mich köstlich amüsieren kann.

Was inspiriert Sie – neben dem Filmemachen – am meisten?
Meine große Leidenschaft ist die Architektur. Ich schaue mir nicht nur gerne schöne Häuser an, sondern liebe es vor allem sie zu kaufen, zu renovieren und dann wieder zu verkaufen. Ich habe in meinem Leben schon mindestens 50 Häuser und Appartements verkauft. Das ist ein bisschen verrückt, ich weiß. Ich lebe ja in Los Angeles und die Stadt hat den Ruf, in Punkto Architektur ziemlich langweilig zu sein, was aber überhaupt nicht stimmt. Man muss nur eben eine Weile suchen, um echte Kleinode zu entdecken. Sei es in Hollywood, Pasadena, Venice und so weiter. Ich habe mir erst vor kurzem ein wunderschönes Zuhause in Malibu gekauft, das ich jetzt hingebungsvoll neu gestalte.

Was bedeutet „Zuhause“ für Sie?
Ein gutes Zuhause ist ja viel mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Ein echtes Zuhause gibt es für mich aber eigentlich nur im Traum. In der Wirklichkeit fehlt immer irgendetwas. Wahrscheinlich kann ich auch deshalb nicht lange in ein und demselben Haus wohnen bleiben. (Lacht) Darüber habe ich übrigens auch schon ausführlich mit meinem Psychiater gesprochen. (Denkt nach) Okay, mein „Traum-Zuhause“ ist das erste Haus, in dem ich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern gewohnt habe. Dieses Wohlgefühl, diese Geborgenheit und Unschuld habe ich später nie wieder erlebt. Als Erwachsener muss man ja immer kämpfen: Um die Karriere, um Beziehungen und um so vieles mehr. Aber ich schweife ab…

Schweifen Sie ruhig. Fühlen Sie sich in Ihren Träumen wohler als in der Realität?
Träume, Fantasien, Wunschvorstellungen machen sicher einen wesentlichen Teil meines Lebens aus. Aber tief in meinem Herzen bin ich sehr in der Realität, im Hier und Jetzt verwurzelt. Und die glücklichsten Momente im Leben sind immer die, welche tatsächlich passieren.

Würden Sie sich als starke Frau – oder gar als Powerfrau – bezeichnen?
Powerfrau – das ist mir zu klischeebeladen. Aber ich halte mich schon für eine starke Persönlichkeit. Ich habe immer – ob im Beruf oder privat – meine eigene Meinung gehabt und keine Angst davor, sie anderen mitzuteilen. Deshalb schätze ich auch Menschen, die sich selbst treu bleiben im Leben – ganz egal, was die anderen von ihnen denken.

Sind Sie mit Ihrem Eigensinn oft angeeckt?
Mag sein. Aber das gehört dazu, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Und es hat mir – soweit ich es beurteilen kann – auch nie wirklich geschadet. Leute ohne Rückgrat sind mir ein Graus. Und zum Glück gibt es in Hollywood einige Schauspielerinnen, die sehr wohl ihren eigenen Kopf haben. Wie zum Beispiel Jennifer Lawrence, Amy Poehler, Patricia Arquette…

Es gibt Leute in Hollywood, die halten Sie für eine Exzentrikerin.
(Lacht) Und wenn schon. Bei Jack Nicholson finden das alle gut. Soll sich eine Frau etwa für ihren eigenen Stil schämen? Die Schauspielerei hat mir finanzielle Sicherheit und ideelle Abenteuer beschert. Das ist doch nicht schlecht, oder?

Ganz sicher nicht. Und Sie haben seit Mitte der 70er Jahre, zu „Stadtneurotiker“-Zeiten, auch noch einen ganz eigenwilligen Modetrend kreiert.
Verrückt, nicht?! Dabei war das purer Zufall. Damals habe ich damit angefangen, Anzüge, Krawatten und Hüte zu tragen, was ich auch heute noch gern mache. Aber wissen Sie, es gibt einen großen Unterschied zwischen Style und Stil. Style kann man sich von bunten Modemagazinen vorschreiben lassen oder ganz mühelos, etwa beim Shoppen am Rodeo Drive, erkaufen. Stil hat man – oder man muss sich ihn hart erarbeiten.

Haben Sie eigentlich viele Freunde im Showbusiness?
Nein, sehr wenige. Ich habe überhaupt sehr wenige echte Freunde. Und da fällt mir wieder Jack Nicholson ein – den würde ich als guten Freund bezeichnen. Wir treffen uns regelmäßig zum Lunch oder wir laden uns gegenseitig nach Hause ein. Jack ist ein sehr guter Zuhörer.

Was macht einen guten Freund für Sie aus?
Echte Freunde kennen dich so, wie du wirklich bist. Das heißt, auch in deinen schwachen Momenten, wenn es dir schlecht geht und du sehr verletzbar bist. Echte Freunde sind wie Familie. Und je älter man mit ihnen wird, desto mehr Familie werden sie.

Sie haben nie geheiratet – warum eigentlich nicht?
Ich war wohl immer ein bisschen zu vorsichtig, wenn nicht gar misstrauisch. Mit jemandem ins Bett zu gehen, ist eine Sache. Jemandem das Herz zu öffnen, eine ganz andere. Und im Grunde genommen habe ich wohl keinem Mann je so ganz und gar vertraut. Aber ohne hundertprozentiges Vertrauen gibt es keine große Liebe. Also auch keine Heirat.

Als junge Frau haben Sie nie davon geträumt…
… einmal vor dem Traualtar zu stehen? Nein, überhaupt nicht! Ich wollte nie die Ehefrau sein, sondern immer das heiße Date. (Lacht) Der einzige Traum, den ich als Teenager hatte, war einmal ein großer Filmstar zu sein. Und dieser Traum hat sich dann ja auch tatsächlich erfüllt. Und ich muss zugeben, dass mich das schon ein wenig stolz macht. (Denkt nach) Aber dieser Traum hat, wenn ich ehrlich bin, auch vieles in meinem Leben überschattet. Denn ich habe wirklich sehr hart dafür gearbeitet ein Filmstar zu werden. Wäre ich nicht so darauf fixiert gewesen, hätte ich vieles viel mehr genießen können.

Als Sie in den Fünfzigern waren, haben Sie zwei Kinder adoptiert. Wollten Sie denn eigentlich nie eigene Kinder haben?
Als ich eigene Kinder hätte kriegen können, war ich viel zu viel mit mir selbst beschäftigt – mit meiner Karriere, meinen Partnern, meiner Selbstverwirklichung. Da hatten Kinder keinen Platz. Meine Einstellung änderte sich erst, als mein über alles geliebter Vater starb. Da wurde ich mir plötzlich meiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Und wollte etwas, das bleibt. Also habe ich mit 50 meine Tochter Dexter adoptiert. Und fünf Jahre später meinen Sohn Duke. Dexter wird nächstes Jahr schon 20 und Duke 15. Ich habe also als alleinerziehende Mutter alle Hände voll zu tun.

Sind Sie durch Ihre Kinder selbstloser geworden?
O ja, ganz sicher. Ich hatte ja schon immer das Gefühl, dass die meisten sogenannten Celebrities in Punkto Menschlichkeit etwas unterbelichtet sind.

Haben Sie das schon mal Ihrem Freund Jack Nicholson erzählt?
(Lacht) Jack hat einen sehr gesunden Menschenverstand – und ich könnte mir gut vorstellen, dass er das genauso sieht. Ich meine, wenn man sich Tag und Nacht nur um seine Karriere kümmert, dann bleiben soziale oder humanistische Fähigkeiten schon mal auf der Strecke. Aber seit ich Mutter bin, habe ich diesbezüglich – hoffentlich – sehr viel dazugelernt. Liebe zu Kindern sollte immer selbstlos und aufopfernd sein. Und ich weiß, wovon ich rede. Meine Mutter war bis zu ihrem Tod vor sechs Jahren immer für mich da. Und ich für sie.

Sie haben Ihrer Mutter sehr viel zu verdanken.
Ja, meine Mutter hat mir alles über Stil, Eleganz und Weltgewandtheit beigebracht. Sie war es, die mir zeigte, wie man schaut, fühlt und das Erlebte dann auch kreativ umsetzt. Sie war selbst eine Künstlerin im Herzen, aber leider hatte sie nie die Möglichkeit sich diesbezüglich ausleben zu können. Sie war Miss Los Angeles, spielte Klavier und sang dazu. Sie war eine hervorragende Fotografin – aber eben auch eine Frau ihrer Zeit. Das heißt, sie hat früh geheiratet, früh ihre vier Kinder bekommen, war Mutter, Hausfrau und Ehefrau. Das war eben ihre Rolle im Nachkriegs-Amerika…

… eine Rolle, der Sie sich ja erfolgreich verweigert haben…
… wohl auch, weil meine Mutter mich immer dazu ermutigt hat, meinen eigenen Kopf zu haben. Und dazu ermutige ich auch meine Kinder: Sie selbst zu sein. Meine Tochter ist zum Beispiel eine leidenschaftliche Schwimmerin. Sie trainiert sehr viel und nimmt regelmäßig an Wettkämpfen teil. Ich würde so etwas nie machen – aber wenn Dex das will, unterstütze ich sie natürlich.

Und wenn Ihre Kinder Schauspieler werden wollten?
Auch dann hätten sie meine volle Unterstützung. Ich gehöre nicht zu den Filmstars, die ihre Kinder davor warnen selber Schauspieler zu werden.

Ruhm, Liebe, Freundschaft, Geld – was ist Ihnen wichtig und was überhaupt nicht?
Alles ist mir wichtig. Allerdings auf verschiedene Art und Weise. Die Liebe ist sicher am wichtigsten, dann kommt Freundschaft. Dann wird es kompliziert. Geld oder Ruhm? Ehrlich gesagt, ist für mich Geld wichtiger als Ruhm. Geld deshalb, weil man mit viel Geld viel machen kann.

Der Romancier Somerset Maugham meinte, Geld sei so etwas wie der sechste Sinn, durch den sich die anderen fünf Sinne erst so richtig entfalten können.
Dem stimme ich aus ganzem Herzen zu. Man könnte sogar sagen – und man sollte sich nicht dafür schämen –, dass die tatsächliche Reihenfolge Geld – Liebe – Freundschaft ist. Aber das ist natürlich missverständlich, denn dann denken die meisten, man will Geld horten und einfach reich sein – und immer reicher werden. Aber das wäre armselig. Mit Geld kann man sehr viel machen, gestalten, bewegen, kreieren… Das meine ich damit.

Kriegt man Glück geschenkt oder muss man es sich hart erarbeiten?
Gute Frage. Glück kann man sich sicher nicht kaufen, das steht mal fest. Ich bin eigentlich der festen Überzeugung, dass mir viel im Leben geschenkt wurde. Werfen wir nur einmal einen Blick auf meine Filmkarriere. Da war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Natürlich musste ich mich auch als Schauspielerin beweisen, als mich Coppola für seine „Paten“-Filme besetzte. Aber dass er es tat, da war schon sehr viel Glück mit im Spiel.

Verraten Sie uns bitte eine Erkenntnis, die Sie noch mit niemandem geteilt haben.
Lassen Sie mich überlegen. Okay: Ich hatte jahrelang eine regelrechte Clown-Phobie. Ich fand Clowns ganz schrecklich, ob im Zirkus oder auch nur auf Fotos. Vor einigen Jahren habe ich mir aber – fragen Sie mich nicht warum – auf einem Flohmarkt einen Ölschinken mit einem Clown-Portrait gekauft.

Und dann?
Da dachte ich plötzlich: „Das sieht ja genauso aus wie dein verrücktes, lächerliches Leben…!“ Und jetzt sammle ich Clown-Bilder. Ist das nicht irre?

Letzte Frage: Haben Sie je in Ihrem Leben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen?
Ich bin mir nicht ganz sicher, was Sie damit meinen, aber ich antworte Ihnen erst mal mit – nein.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten über Nacht 30 Jahre jünger sein – müssten aber dafür 30 Punkte Ihres Intelligenzquotienten hergeben. Würden Sie das machen?
(Lacht) Ich würde viel mehr verlangen.

Viel mehr Jahre?
Um Gottes Willen, nein! Ich hätte gerne viel mehr IQ-Punkte!

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