Der Olperer ragt empor.
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Der Olperer ragt empor.

Alpendrama

Die letzten Stunden des Dr. Max Schaeffel

  • vonHans-Martin Große-Oetringhaus
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Als Bayer im Norden zählte Max Schaeffer zu den Gründungsmitgliedern der Bremer Sektion des Deutschen Alpenvereins. Vor 120 Jahren verunglückte er beim Bergsteigen. Ein dokumentarischer Roman von Hans-Martin Große-Oetringhaus erinnert an die tragischen Ereignisse. Ein Auszug.

In seinem 2019 erschienenen Buch „Von Liebe, Bergen und Dramen“ beschreibt der Autor Hans-Martin Große-Oetringhaus die Anfänge der Bremer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV). Die Publikation erschien 2019 anlässlich des 150-jährigen Bestehens des DAV. In diese Zeit fällt auch der Bau der ersten Hütte der Bremer Sektion – die „Bremer Hütte“ in den Stubaier Alpen in Österreich.

Im Zentrum der Erzählung – für die Große-Oetringhaus auf historische Dokumente, alte Briefe und zum Schließen von Lücken auf seine Fantasie setzte – steht der Bremer Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Max Schaeffer. Vor 120 Jahren, im Sommer 1900, ist das Gründungsmitglied der Bremer DAV-Sektion gemeinsam mit seinem Bergführer Johannes Ofer am Olperer in eine Gletscherspalte gestürzt. Beide kamen ums Leben. In seinem Notizbuch hielt Schaeffer die letzten Stunden seines Lebens und sein Testament fest. Ein Auszug aus „Von Liebe, Bergen und Dramen“. FR

Dramatische Stunden

Olpererferner, 23. August 1900

In diesem Punkt war Max Schaeffer ganz genau. Bevor er mit seinem Bergführer aufbrach, zog er sein kleines Notizbuch, das in braunes Leder gebunden war, aus der Manteltasche und trug den Start ihrer Tour gewissenhaft ein: „23.August. Donnerstag mit Joh.Ofer.“ Dieses Büchlein hatte ihn schon auf zahlreichen Reisen begleitet. Viel hielt er in ihm nie fest. Datum, Ort, Route und manchmal auch Höhen- und Zeitangaben, das reichte ihm.

Als sie vor die Tür traten, sog er die kalte Bergluft tief ein. Zu dieser frühen Stunde verbreitete sie noch ein Brennen in der Brust. Aber es tat gut, sie zu spüren. Der Hausmeister zuhause in Bremen hatte Recht gehabt, dachte er. Um den Zigarrenqualm der Sektionssitzungen wieder aus der Lunge zu bekommen, musste er hier hinaufsteigen und tief durchatmen. Verrückt war das schon. Die frische Luft machte ihn restlos wach und ließ eine anregende Lebendigkeit durch seinen ganzen Körper strömen. Jeder Atemzug ließ ihn wacher, energiegeladener, konzentrierter und tatenhungriger werden. Die beiden kamen gut voran. Als sie den Ferner erreicht hatten, ließ sich Max Schaeffer von Johann Ofer anseilen. Jetzt hieß es, noch konzentrierter und vorsichtiger jeden Schritt zu setzen. Inzwischen waren sie bereits zwei Stunden unterwegs.

Hans-Martin Große-Oetringhaus

Die Sonne der letzten Tage hatte die Schneedecke weich werden lassen. Da war doppelte Vorsicht geboten. Max Schaeffer hatte seine Blicke auf den Bergführer gerichtet, an dessen Seil er hing und der bedächtig einen Schritt vor den anderen setzte. Plötzlich gab der Schnee unter seinen Füßen nach. Dann stürzte er in die Tiefe, schlug unten auf und merkte im gleichen Augenblick, dass er den viel leichteren Ofer, der die Schneebrücke über den Spalt bereits überquert hatte, mit sich in die Tiefe riss. War es sein eigener Schrei? War es der des Bergführers? Die tiefe Spalte schien ihn zu verschlucken. Es knirschte im Eis. Dann war alles still. Nur seinen eigenen Atem konnte er hören. Er kam in wilden Stößen. Und genauso wild wie sein Atem rasten auch seine Gedanken. Wie konnte er hier wieder herauskommen? Dann erst wurde ihm bewusst, dass er seinen Bergführer mit hinuntergerissen haben musste. Max Schaeffer versuchte sich in dem engen Spalt vorsichtig aufzurichten und hinter sich zu blicken. Da erkannte er seinen Begleiter leblos neben sich liegen, Arme und Beine merkwürdig verdreht.

„Ofer? Was ist?“

Doch Eis und Schnee schienen seine Frage unhörbar zu machen.

„Ofer?“, wiederholte er erschrocken.

Aber es kam keine Antwort, keine kleinste Bewegung, nicht einmal ein Atemgeräusch. Max Schaeffer bewegte sich vorsichtig auf seinen Berggefährten zu. Dabei wurde ihm bewusst, dass er seine Beine noch bewegen konnte, auch die Arme und Handgelenke. Sie schmerzten. Aber sie waren nicht gebrochen. Das war ihm als Arzt sofort klar. Als er seinen Begleiter erreicht, dessen Puls gefühlt und ihm in die Augen gesehen hatte, erkannte er schnell, dass er für ihn nichts mehr tun konnte. Er wusste ja nicht einmal, ob er noch etwas für sich selber tun konnte. Und er musste sich eingestehen, dass das, was er jetzt tat, eigentlich keinen Sinn mehr hatte.

Zur Person

Hans-Martin Große-Oetringhaus wurde 1948 im Sauerland geboren und lebt heute in Krefeld-Hüls. Der promovierte Diplompädagoge lehrte unter anderem an der Universität Münster. Zudem arbeitete er als Journalist, als Referent für Globales Lernen bei der Kinderhilfsorganisation terre des hommes und veröffentlichte als Schriftsteller Kinder- und Jugendbücher, später Sachbücher, Romane und Anthologien. Weitere Informationen unter www.grosse-oetringhaus.de

Trotzdem zog er seine Jacke aus und legte sie über seinen Begleiter. Dann versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen. Er musste versuchen, irgendwie aus der Spalte herauszukommen. Nur wie? Es gab keine Alternative. Er wusste, dass alles andere den sicheren Tod bedeuten würde. Er musste es versuchen.

Seine Hände waren inzwischen kalt und steif geworden. Darum hielt er sie eine Zeit lang unter seine Achseln, um sie etwas zu wärmen. Dann begann er, kleine Stufen in das Eis zu schlagen, auf denen seine Füße irgendwie Halt finden konnten. Bei jedem kleinen Schritt in die Höhe spürte er die Schmerzen vom Aufprall in seinen Knien und Armgelenken. Wie sollte er so die 25 Meter bis zum Spaltenrand schaffen? Vor sich erkannte er einen Absatz in der Eiswand, etwa so groß wie ein Küchentisch. Ob er dorthin gelangen konnte?

Er schaffte es, sich bis zu ihm hochzuziehen. Von hier aus waren es nur noch fünf Meter bis zum rettenden Rand der Gletscheroberfläche. Jetzt erweiterte sich die enge Spalte bis zu einer Breite von 1,30 Metern. Aber die Wände waren ab hier etwas überhängend. Nur noch fünf Meter. Das musste zu schaffen sein!

Wieder versuchte er, mit seinen Händen und Füßen irgendwie Halt in der Eiswand zu finden. Aber als der Überhang zu groß wurde, rutschte er ab und stürzte auf den Eisvorsprung zurück. War das das Ende? Nein, das durfte nicht sein. Was wollte er noch alles mit Louise erleben? Er musste es auch ihretwegen noch einmal versuchen. Darum biss er die Zähne aufeinander und versuchte, die Schmerzen zu ignorieren. Wie vielen Patienten hatte er geholfen? Und jetzt reichte seine Kraft nicht einmal für ihn selbst. Er versuchte erneut, ein zweites Mal den Überhang aus Eis zu überwinden. Nur zentimeterweise konnte er sich zum rettenden Licht hinaufarbeiten. Aber dann glitten seine Hände erneut vom Eis und er stürzte wieder auf das kleine Eisplateau zurück. Ein brennender Schmerz durchfuhr seine Knie wie ein glü-hendes Feuer. Vorsichtig tastete er sie ab. Als Arzt war ihm sofort klar, dass sie zerschmettert waren. Das war das Ende.

Max Schaeffer.

Jetzt wurden seine Gedanken ruhiger. Sie formten sich zu Fragen, die unbeantwortet blieben. Er nahm hin, dass sein Leben jetzt zum Abschluss gekommen war. Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war, in Gedanken seine Gefühle an Louise zu senden. Es waren Gefühle der Dankbarkeit, aber auch der Traurigkeit darüber, dass alles, was er noch an gemeinsamen Leben mit ihr geplant hatte, nun nicht mehr gelebt werden konnte. Vielleicht würden er und Ofer hier irgendwann gefunden werden. Darum versuchte er, sein Notizbuch aus der Brusttasche zu ziehen und einen Stift. Dann begann er mit zitternder Hand aufzuschreiben, was sich ereignet hatte. Er nahm Abschied von Louise und seinen Kindern. Er machte sein Testament und überschrieb darin auch der Witwe seines Begleiters Ofer eine Summe von tausend Kronen. Dann vertraute er sich Gott an.

Sein Leben neigte sich dem Ende zu und auch der Tag. Immer weniger Licht fiel durch den schmalen Spalt zu ihm hinunter. Es wurde dunkel. Um schreiben zu können, zündete er alle Streichhölzer an, die er noch in einer Schachtel bei sich hatte. Und auch als das letzte Streichholz ausgeglüht war, versuchte er noch im Dunkeln Worte zu Papier zu bringen. Ob sie jemals gelesen werden könnten? Seine Hände waren viel zu steif zum Schreiben. Ihm war klamm vor Kälte, aber er spürte keine Schmerzen mehr. Dann senkte sich die Nacht endgültig über ihn. Er war unendlich kraftlos, unendlich müde. Er sehnte sich nur noch nach Schlaf, auch wenn er wusste, dass er aus ihm nie wieder aufwachen würde. Er legte seinen Kopf auf den rechten Arm und erwartete den Tod.

Grausige Entdeckung

Olpererferner, 5. und 6. September 1900

Je mehr Tage vergingen, desto heftiger malte sich Louise aus, was mit ihrem Mann geschehen sein könnte. Überall begann eine intensive Suche nach ihm. Kleine Suchtrupps zogen von der Geraer-Hütte los, ebenso von der Wery-Hütte und der Berliner Hütte. Auch vom Pustertal aus stieg man in die Berge, um herauszubekommen, was geschehen war. Besonders konzentrierte sich die Suche auf jene Region, die von der Domenicus-Hütte aus als erste erreichbar war. Aber alle Suche blieb vergebens.

Der Sohn von Johann Ofer aber wollte nicht aufgeben. Er drängte den Wirt der Geraer-Hütte, den Bergführer Fröhlich, der auch der letzte war, der die beiden Ver-missten gesehen hatte, es zusammen mit ihm noch einmal zu versuchen. Und so machten sich die beiden am 5. September in aller Frühe um 6 Uhr mit zwei Knechten erneut auf die Suche.

Hans-Martin Große-Oetringhaus: Von Liebe, Bergen und Dramen. Iatros-Verlag 2019. 86 Seiten. 14 Euro.

Plötzlich … Der junge Ofer hielt eine Hand über die Augen, damit ihn das Weiß nicht blendete. Was war das? War das ein Stock, der dunkel aus dem Weiß herausragte? Vorsichtig stiegen sie in Richtung des gesichteten Punktes, der ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Als sie ihn erreicht hatten, erkannten sie, dass es ein abgebrochener Eispickel war. Der junge Ofer hatte keinen Zweifel, dass es der seines Vaters war. Weit konnte die Unglücksstelle also nicht mehr sein. Vorsichtig setzten sie Schritt vor Schritt in den Neuschnee, um ja keinen Spalt zu übersehen. Bergführer Fröhlich hatte die Gletscherspalte als erster entdeckt. Jetzt bewegten sich die vier noch vorsichtiger vorwärts, um an ihre Kante zu gelangen. Sie konnten erkennen, dass dort unten im Schnee etwas liegen musste und ließen den jungen Ofer behutsam am Seil hinunter. Auf einem Vorsprung in etwa fünf Metern Tiefe fand er den eingeschneiten Max Schaeffer, den Kopf auf seinem rechten Arm ruhend. Es war nicht leicht, den schwergewichtigen Mann an Seilen heraufzuziehen. Als Ofers Sohn noch einmal hinuntergelassen wurde und den Grund der Spalte in 25 Metern Tiefe erreichte, fand er dort seinen Vater. Aber es war bereits zu spät, um auch seinen Körper noch bergen zu können. Die vier schafften es gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit, den steifgefrorenen Körper des Max Schaeffer zur Geraer-Hütte zu schleppen. Von dort wurden alle anderen Hütten telegrafisch verständigt, ebenso seine Frau Louise. Es fiel ihnen nicht leicht, ihr jene Nachricht zu übermitteln, die sie längst befürchtet hatte.

Am nächsten Tag kamen noch weitere Bergführer aus dem Pustertal und dem Zillertal zur Geraer-Hütte hinauf, um den vieren vom Vortag bei der Bergung des Jo-hann Ofer zu helfen. Als sie wieder an der Unglücksspalte angekommen waren, ließen sie den Führer Hans Hörhager von der Dominicus-Hütte am Seil hinunter. Er musste sich sehr anstrengen, den festgefrorenen Körper des Johann Ofer mit dem Pickel aus dem Eis zu schlagen. Aber diesen letzten Dienst war er seinem Bergführer-freund schuldig. Mehr noch als in den Armen spürte er einen hefigen Druck in seinem Inneren, der ihm die Kehle zuzuschnüren schien. Er versuchte, bei seiner Arbeit dem Eingefrorenen nicht ins Gesicht blicken zu müssen, sonst hätte er nicht weiter zuschlagen können. Als sie auch den Körper des Johann Ofer vom Grund der Spalte nach oben gezogen hatten, machte sich der kleine Trupp schweigend wieder auf den Rückweg zur Hütte und stieg dann hinunter ins Tal.

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