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Weintrauben und eine Flasche Krimsekt „Sowjetskoje krymskoje“ in einem Anbaugebiet auf der Krim.  Der Sekt wird in viele Länder der Welt exportiert.

Krimsekt

Der letzte Rest

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Wenn an Silvester die Korken knallen, wird vielerorts auch Krimsekt fließen. Doch wie lange kann es den Schaumwein von der Halbinsel noch in Deutschland geben?

Ein wenig Geduld müssen Besucher mitbringen, den größten Schatz bekommen sie nicht sofort zu sehen. Adrian, ein junger Mann mit blondem Haar und bestimmten Ton, leitet seine Gäste routiniert durch das unterirdische Reich der Kellerei Artwinery im Osten der Ukraine. Die Tour durch das ehemalige Gipsbergwerk, 25 Hektar groß, führt vorbei an großen Tanks, Abfüllanlagen und aufgereihten Flaschen. Weißwein, Rotwein, Rosé und Muskatwein reifen in den Tunneln bis zu 72 Meter tief unter der Erde. Bekannt ist das Unternehmen aber vor allem für seinen Schaumwein, der in Flaschen gärt. In einem Gewölbe drehen Frauen die Flaschen mit ihren Händen, damit abgestorbene Hefe langsam in den Flaschenhals wandert. „Sehen Sie! Fotografieren Sie!“, ruft Adrian den Besuchern zu, „dann fahren wir weiter.“

Nach einer guten halben Stunde in den Stollen der Sektfabrik steuert Adrian sein Golfwägelchen, in eine Halle im Fels. Hier lagert und reift, soweit das Auge reicht, in olivfarbenen Flaschen, ein Tropfen, der sicher auch in dieser Silvesternacht wieder in vielen deutschen Haushalten mit lautem Korkenknall geöffnet wird: Krimsekt.

Ende der 1950er Jahre schlossen die Sowjetunion und die DDR eine Vertrag über die Lieferung des lieblichen Schaumweins von der Krim. Seitdem wuchs in Deutschland die Popularität für den Sowjetskoje Schampanskoje, Moskaus Antwort auf den französischen Champagner. Zuvor hatte Josef Stalin zum Ende des Zweiten Weltkriegs nach einem prickelnden Getränk für besondere Anlässe verlangt. Dies war die Geburtsstunde für die Massenproduktion.

Heute gibt es verschiedene Marken des weißen oder roten Schaumweins, „Krimskoye“ aus der Ostukraine zählt wohl zu den bekanntesten. In dem Gewölbe der Artwinery liegen die Flaschen dicht an dicht und mit dicker Staubschicht überzogen: Zehntausende, Hunderttausende – 1,2 Millionen, wie Adrian erklärt. Der Tourguide stellt sich auf einen Schemel, um die Berge aus Glas zu überblicken. Sie sind nur kleiner Teil, insgesamt sollen 14 Millionen Flaschen Krimsekt in den Kellergewölben lagern. „Das sind die letzten Flaschen“, sagt Adrian. Der Grundwein stammt noch von der Krim und wird mit Zucker und Hefe abgefüllt, wie Adrian erläutert, dann gärt das Getränk zwei bis drei Jahre. Die feuchte Luft und Temperaturen zwischen zwölf bis 14 Grad – im Sommer wie im Winter – sind ideal für den Reifeprozess. „Der letzte Wein von der Krim“, wiederholt Adrian. Endet hier die Krimsekt-Tradition in Deutschland?

Der edle Tropfen – ein Krisengetränk. Der seit bald sechs Jahren ungelöste Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und die Annexion der Krim-Halbinsel im Frühjahr 2014 hat Auswirkungen auf die Schampusproduktion.

Bis in die Antike reichen die Ursprünge des Weinbaus auf der sonnigen Krim. Schaumwein soll erstmals im Jahr 1799 in Sudak und Aluschta an der Schwarzmeerküste erzeugt worden sein. Fürst Lew Golizyn gründete im späten 19. Jahrhundert eine Kellerei bei Jalta – im Dienst des Zaren. Internationale Popularität erlangte der Schampanskoje auf der Pariser Weltausstellung 1900, wo er mit einem Grand Prix ausgezeichnet wurde.

Der Name Krimsekt bezieht sich allerdings lange nicht mehr allein auf die Halbinsel. Gekeltert wird schon seit Jahrzehnten vor allem in der Ostukraine, knapp 700 Kilometer weiter im Nordosten gelegen.

Die Stadt Artjomowsk, Heimat der Sektkellerei, wäre im Frühjahr 2014 fast in die Hände der Separatisten der Region Donezk gefallen. Bis zur Front sind es auch heute nur wenige Kilometer. Im Februar 2016, im Zuge der Dekommunisierung, gab die ukrainische Regierung Artjomowsk einen neuen Namen: Bachmut. Aus der bekannten Artyomovsk Winery wurde Artwinery.

Es ist nach eigenen Angaben der größte Sektproduzent in Osteuropa. Im Sommer 1950 nahm das Unternehmen den Betrieb auf. Mehr als 600 Millionen Flaschen Schaumwein wurden seitdem produziert. Seit 1972 exportiert Artwinery roten Sekt, die Spezialität des Unternehmens, nach Westeuropa. Ein Großteil des in Deutschland bekannten Krimsekts kam also gar nicht von der Krim, sondern aus der Ostukraine.

Doch auf dem Weg von der Halbinsel aufs Festland ist eine Grenze entstanden, die das Ende der Lieferketten bedeutete. Die Artwinery hat im Herbst 2013 das letzte Mal Wein aus Lagen um die Hafenstadt Sewastopol erhalten. Seitdem bleiben nur die Vorräte.

Krimsekt war lange Zeit ein wichtiges Exportgut aus der Ukraine und Deutschland bislang ein großer Markt für Artwinery. Bis 2014 verkaufte das Unternehmen knapp eine Million Flaschen pro Jahr, zuletzt sollen es etwa 700 000 jährlich gewesen sein.

Ein paar Jahre dürften die Bestände wohl noch reichen. Aber was geschieht danach? „Wenn alle Flaschen leer getrunken sind, dann endet die Marke“, vermutet Gästeführer Adrian. Für den ukrainischen Markt könne man auch mit Trauben aus Odessa, Nikolajew und Cherson produzieren, sagt er. Auf dem Etikett kann sogar trotzdem „Krim“ stehen, auch wenn die Trauben aus anderen Regionen kommen. Denn Krimsekt ist, anders als Champagner, keine geschützte Markenbezeichnung. Doch was in die EU exportiert wird, müsste bestimmte Standards erfüllen: Ein Teil der Herstellung muss auf der Krim stattgefunden haben. Der Verkauf von Produkten von der annektierten Krim unterliegt jedoch Sanktionen.

Die Politik macht das Geschäft mit dem Krimsekt zu einer Prüfung für Unternehmen. Wie Artwinery sich dieser Herausforderung künftig stellen wird, vermag Adrian nicht zu beantworten. Das sei eine Frage für die Marketingabteilung des Unternehmens. Doch auch dort herrscht offenbar Ratlosigkeit. Eine Mitarbeiterin verweist auf Anfrage stattdessen an ihren deutschen Geschäftspartner: den Importeur Simex im nordrhein-westfälischen Jülich, der die Markenrechte an „Krimskoye“ hält. In einer schriftlichen Antwort heißt es jedoch lediglich: „In der Tat wird es in Zukunft in der Europäischen Union schwierig werden Krimsekt zu beziehen, solange die Sanktionen gegenüber Russland fortbestehen.“

Andere Firmen haben in den vergangenen Jahren reagiert. Die Sektkellerei Henkell Freixenet in Wiesbaden zum Beispiel, vertrieb früher einen Krimsekt namens „Ukrainskoye“, dessen Trauben zu 100 Prozent von der Krim stammten. „Aufgrund der politischen Situation konnte dies allerdings durch Wein-Bevorratung nur bis 2016 aufrechterhalten werden“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Weil die Weine nun aus der Südukraine stammen, verkauft das Unternehmen seinen Schaumwein seit 2016 als „Ukrainskoye – versektet in der Ukraine“.

Alexander Schneckenhaus, Gründer des Lebensmittelproduzenten und -Vertriebs Aldim aus dem brandenburgischen Eberswalde klingt etwas wehmütig, wenn er über Krimsekt spricht. Bis 2014 verkaufte er die Marke „Sojus Krim“ nach Deutschland, deren gesamte Herstellung in Sewastopol stattfand. Für Schneckenhaus ist nur Sekt, der auch auf der Krim gärt, wirklich Krimsekt. „Zum heutigen Tag gibt es in Deutschland keinen echten Krimsekt“, sagt er. „Alles was ist in den Geschäften als Krimsekt verkauft wird, ist falscher Sekt.“ Seiner Meinung nach ist Krimsekt also schon längst aus Deutschland verschwunden.

Mit der Krim-Annexion und Sanktionen gegen Produkte der Halbinsel war das Geschäft für ihn am Ende. Bis heute, so der Unternehmer, erhalte er aber noch regelmäßig Anfragen von Kunden: „Wann kommt der Krimsekt von der Krim zurück?“ Eine Antwort kennt Schneckenhaus nicht. So bleibt ihm nur die Erinnerung „an den besonderen Geschmack eines besonderen Sekts“.

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