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Der letzte Moikaner

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Millionen Menschen verehren ihn als Helden der heilen Welt, für andereist er der Inbegriff spießiger Schunkelseligkeit.
Millionen Menschen verehren ihn als Helden der heilen Welt, für andereist er der Inbegriff spießiger Schunkelseligkeit. © dpa

In seinem Reich, dem "Musikantenstadl", herrschte Karl Moik 24 Jahre lang. Gegen Ende suggerierten seine selbstherrlichen Auftritte: "La Volksmusik, c'est moi." Jetzt wird er 70 - und gibt den Volks-Bohlen.

Von ANTJE HILDEBRANDT

Man sollte ihn besser nicht auf die Volksmusik ansprechen. Das wäre, wie von einem Einarmigen einen Handstand zu verlangen. Denn einerseits quält Karl Moik durchaus eine Art Phantomschmerz, seit er von ARD, ORF und Schweizer Fernsehen als Moderator des Musikantenstadls in den Ruhestand geschickt wurde. Doch andererseits behauptet er inzwischen, vielleicht gerade deshalb, er habe der Volksmusik abgeschworen: "Ich höre Benny Goodman, manchmal auch Karajan."

Ist das wieder so ein Anflug von Altersstarrsinn? Oder beliebt Karl der I., Ex-König von Ufftata und Bumsfallera, mit seiner Entthronung zu kokettieren? Immerhin war er einst so etwas wie der Hugo Egon Balder der Volksmusik: So wie jener mit der Stripshow "Tutti Frutti" dem Privatsender RTL seinen verruchten Ruf verpasste, trug der Österreicher Moik zum Alte-Tanten-Image der Öffentlich-Rechtlichen bei. In seinem Reich, dem "Musikantenstadl", herrschte Moik 24 Jahre lang, 1981 bis 2005, gegen Ende suggerierten seine selbstherrlichen Auftritte: "La Volksmusik, c'est moi." Keiner war vor dem Grantler sicher. Nicht die Italiener, die er als "Spaghettifresser" titulierte; nicht langhaarige Männer, die er stets fragte: "Bist a Buberl oder a Maderl?" Moik gab nie den Li-La-Laune-Bären: Er hatte sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet, vom Werkzeugmacher zum Rundfunkmoderator, und jetzt, da er regelmäßig über 20 Millionen Zuschauer erreichte, sollten die Seppeln nach seiner Pfeife schunkeln.

Die Figur des missgelaunten Zirkusdirektors trug bald unfreiwillig komische Züge. Das machte Moik zum beliebten Opfer der Satire. Regelmäßig geisterte er durch die TV-Parodien von "Kalkofes Mattscheibe" oder "Switch" - und trug es mit Humor, wissend, dass derlei immer auch seinen Ruhm vermehrte. So machte er auch gute Miene, als sich Stefan Raab 2000 selbst in den "Stadl" einlud, um Moik in schönster Ufftata-Manier ein Ständchen zu singen, das seinen Hang zur Misantrophie verulkte: "Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik/der kifft das stärkste Zeug, Zeug, Zeug. /Dann gibt er richtig Gas, Gas, Gas./Bitte nicht verklagen, ist nur Spaß."

Heute wird Moik 70 Jahre alt. Eine große Sause gibt es angeblich nicht. Glaubt man dem Familienvater, hat er sich in die innere Emigration verzogen, seit ihn die TV-Sender vertrieben, weil die Quoten zu sinken begannen.

Das Aus am 21. Juni 2005 war ein schwarzer Tag für Moik. Im Interview mit der Kronenzeitung verglich er ihn mit dem Todestag John F. Kennedys: "Da geht eine Ära zu Ende, und da ist schon viel Wehmut. Im November 1963, als Kennedy ermordet wurde, blieb die Welt keine Zehntelsekunde stehen. Also wird auch diesmal das Leben weitergehen." Er sollte Recht behalten. Der Musikantenstadl heißt noch immer Musikantenstadl, wird jetzt aber vom 22 Jahre jüngeren Andy Borg moderiert. Borgs pausbäckiges Gesicht hat etwas Posaunenengelhaftes, er ist das Kontrastprogramm zu Moik. Der lässt an seinem Nachfolger kein gutes Haar: Dem Stadl sei das Niveau abhandengekommen, wetterte er jüngst. Und wenn man Niveau mit einem eigenen Profil gleichsetzt, hat er sogar Recht. Andererseits hat sich jetzt, da die Sendung wieder das Klischee der heilen Welt bedient, die Quote leicht erholt. Sogar den TV-Kritiker Oliver Kalkofe, der Moik jahrelang verhöhnte, stimmt das traurig. Er vermisse den Rambo im Trachtenjankerl, der "die letzte Ikone reaktionär-verschunkelter Volkstümelei" sei - der letzte Moikaner.

Und der soll der Volksmusik abgeschworen haben? Will heute, wie er sagt, daheim auf die drei Enkel aufpassen? Schmarrn. Gerade hat der Moik den Bohlen gegeben: Halle an der Saale will MDR-Sängerstadt werden - und Moik saß in der Casting-Jury. Sein Urteil zählt eben noch. In diesem Fall zumindest in einer Disziplin: "Heusackwerfen mit Gesang."

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