1. Startseite
  2. Panorama

Der letzte Lausbub

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Nun kommt „der kleine Nick“ ins Kino, und eigentlich müsste man ihn unter Artenschutz stellen. Denn Jungen, die Streiche spielen, sind selten geworden.

"Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen" – Wilhelm Busch war ein bisschen ungerecht in seinem Vorwort zu „Max und Moritz“. Böse sind die meisten sogenannten Lausbuben gar nicht – mitunter haben sie naheliegende Gründe für ihr Tun, so wie der kleine Nick, der am Donnerstag zu uns ins Kino kommt. Für ihn geht es praktisch ums Überleben, als sein Verdacht wächst, dass die Eltern ein weiteres Kind erwarten und dass sie den Erstgeborenen dann also, klarer Fall, verschwinden lassen wollen. Nick muss etwas unternehmen, seine Freunde helfen ihm dabei – das sind eineinhalb Stunden Film zum Lachen und Gerührtsein.

Und zum Erinnern. An die eigene Lausbubenzeit. Als Kinder haben wir gern die „Abkürzung“ genommen, die unseren 300 Meter langen Weg von der Schule zum Hort deutlich interessanter machte. Wenn wir dann zweieinhalb Stunden später ankamen, waren wir jedes Mal verdutzt über die Katastrophenstimmung, die die Erwachsenen verbreiteten. Unsere Hortleiterin, Frau P., ließ uns an den Ohren vor ihren Schreibtisch schleppen. Sie hatte noch den Telefonhörer in der Hand und sagte: „Da seid ihr ja endlich – gerade wollte ich die Bundeswehr anrufen und nach euch suchen lassen!“ Dabei war doch gar nichts passiert. Wie kann man sich darüber so aufregen?

Zurück in die Gegenwart: Wir befinden uns im Jahr 50 nach der Erstveröffentlichung des Buchs „Le Petit Nicolas“, und die ganze Welt kennt den französischen Klassiker, gezeichnet vom genialen Jean-Jacques Sempé, erzählt von Asterix-Erfinder René Goscinny. Die ganze Welt? Nein? Sind da einige unbeugsame Nicht-Kenner unter uns? Also: Nick fährt zunächst die Taktik, so lieb und hilfsbereit zu sein, dass seine Eltern ihn – trotz Zweitkind – behalten. Das haut nicht hin. Die Aktion Hausputz beispielsweise führt in Chaos und Turbulenzen; unter anderem landet die Katze in der Waschmaschine. Also Taktikwechsel: Ein Gangster soll sich um das drohende neue Baby „kümmern“, wenn es so weit ist. Aber auch das wirft Schwierigkeiten auf. „Ich sag’s euch“, verkündet Nick einmal, „diese Gangster sind alles Gauner.“

Der Clou am Film ist, dass Regisseur Laurent Tirard es irgendwie geschafft hat, echte Menschen so wirken zu lassen wie die Strichmännchen in der Vorlage. Die entzückende Lehrerin etwa (Sandrine Kiberlain), und auch Nick selbst (Maxime Godart), wenngleich kein Mensch so klein aussehen kann wie ein kleiner Nick, den Sempé auf ein Blatt Papier zeichnet.

Schade nur, dass die Personen in der deutschen Fassung partout deutsche Namen haben müssen: Hühnerbrüh, Otto, Georg – nur der Joachim heißt erstaunlicherweise im französischen Original genauso.

Die Welt des kleinen Nick ist eine wunderbare Welt ohne echte Probleme, sieht man mal davon ab, dass es auch unangenehm enden könnte, wenn ein Haufen Grundschüler mit einem Affenzahn im Rolls Royce durch die Stadt brettert. Diese Abwesenheit von wahren Bedrohungen haben Nicks Abenteuer etwa mit den „Lausbubengeschichten“ von Ludwig Thoma gemeinsam, dem Vorreiter des Film-Lausbuben-Genres in Deutschland. In den 60er Jahren waren die Schwarzweißstreifen nach Thomas Vorlagen Kassenschlager: „Vom Fenster aus konnte man auf die Straße hinunterspucken, und es klatschte furchtbar, wenn es danebenging. Aber wenn man die Leute traf, schauten sie zornig herum und schimpften abscheulich.“ Heute lacht darüber allerdings niemand mehr. Ähnliches droht Max und Moritz, den Lausbuben von Wilhelm Busch. Für sie hört der Spaß ja auch schon am Ende der Geschichte auf, als sie der Müller – „Rickeracke“ – zu Gänsefutter verarbeitet. Allerdings waren Max und Moritz selbst ja auch nicht gerade zimperlich. Lehrer Lämpel sprengten sie mittels Schießpulver in der Pfeife das halbe Gesicht weg.

Gut zehn Jahre nach Wilhelm Busch brachte der Amerikaner Mark Twain seine Buben an die Leser: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Ob sie Lausbuben sind? Fraglich. Und es ist beileibe keine heile Welt, in der sie zurechtkommen müssen. Da werden Leute umgebracht, und es wimmelt nur so von Begriffen wie „Nigger“.

Dagegen haben die Buntfilm-Helden des 20. Jahrhunderts deutlich mehr Spaß: Michel aus Lönneberga – und eines der ganz besonders seltenen Lausmädchen: Pippi Langstrumpf. Bei ihnen steht wieder der gute Wille ganz im Vordergrund. Michel kriegt es einfach nicht hin und landet als tragischer Held immer wieder im Schuppen. Pippi übersteht auch die seltenen traurigen Momente mit Wunderkräften und ansteckender Non-Konformität.

Aber dann wird es so langsam dünn in Sachen Lausbuben und –mädchen. Sterben sie aus? Ist die Figur heutzutage nicht mehr gefragt? Doch, es gibt sie durchaus. Sie treten nur nicht mehr als Hauptdarsteller auf. Wir haben zwei Waschechte gefunden: die Zwillinge Fred und George Weasley aus den „Harry-Potter“-Romanen. Sie haben nichts als Flausen im Kopf, magische Süßigkeiten, Langzieh-Ohren zum Lauschen oder das ultimative Verstopfungsmittel: „Du scheißt nie mehr“, benannt nach dem gefürchteten Ober-Bösewicht „Du weißt schon wer“.

Sorgen um einen vertrödelten Heimweg nach der Schule müssen sich die Weasley-Lausbuben übrigens nicht mehr machen. Sie schenken sich irgendwann das Lernen und eröffnen stattdessen lieber ihren eigenen Scherzartikelladen. Doch der Spaß hat ein Ende: Fred überlebt bekanntlich den siebten Band nicht. Wieder ein Lausbub weniger.

Mitarbeit: Anna Sarah Berger

Auch interessant

Kommentare