1. Startseite
  2. Panorama

Der letzte große Auftritt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Frank

Kommentare

Große Anteilnahme: Der Gottesdienst wurde auf den Domplatz übertragen.
Große Anteilnahme: Der Gottesdienst wurde auf den Domplatz übertragen. © dpa

Eine lange Liste prominenter Gäste, tausende Menschen, die den Prozessionsweg säumen: Am Mittwoch wurde der Kardinal Karl Lehmann in Mainz mit einem Trauergottesdienst verabschiedet.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Sieben Kardinäle und der päpstliche Nuntius (Botschafter) Nikola Eterovic. Drei Ministerpräsidenten, Dutzende katholische, evangelische und orthodoxe Bischöfe – die Liste der prominenten Trauergäste im Requiem für den verstorbenen Mainzer Kardinal Karl Lehmann ist mindestens so eindrucksvoll wie die Anteilnahme der Bevölkerung.

Tausende Menschen säumen den kurzen Prozessionsweg, auf dem der Sarg von der Mainzer Augustinerkirche in den Dom übergeführt wird, begleitet vom schweren Klang der Martinus-Glocke. In der dicht gefüllten Kathedrale und dem benachbarten Kreuzgang haben 1300 Gäste Platz gefunden, um Abschied zu nehmen vom „Kardinal der Herzen“, von „unserem Karl“ oder im heimischen Idiom, „dem Lehmännsche“. Auch auf dem Liebfrauenplatz vor dem Dom sitzen und stehen die Menschen, um über Großbildschirme die Totenmesse mitzufeiern.

Der aus Sigmaringen in Baden-Württemberg stammende Lehmann war am 11. März nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren in seinem Mainzer Bischofshaus gestorben, wo er seit seinem Amtsantritt 1983 gewohnt hatte. Zuvor war Lehmann Theologieprofessor in Mainz und Freiburg gewesen. Mehr als 20 Jahre stand er an der Spitze der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. 2001 erhob ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal.

Papst Franziskus stellt in seinem offiziellen Beileidsschreiben treffsicher als wesentliche Anliegen Karl Lehmanns heraus, „offen zu sein für die Fragen und Herausforderungen der Zeit, die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und über die Grenzen von Konfessionen, Überzeugungen und Ländern hinweg das Verbindende zu suchen“.

Brillante Intellektualität, Menschenfreundlichkeit, Volksnähe und Humor – das sind die Eigenschaften, die in den persönlichen Erinnerungen der Trauergäste immer wieder vorkommen. „Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu sprechen“, sagt Malu Dreyer (SPD), als Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz eine Nachbarin in der Bistums- und Landeshauptstadt Mainz. Während des gesamten Gottesdienstes steht der schlichte Sarg aus hellem Holz vor den Stufen zum Hochchor des Doms. Darauf liegen ein aufgeschlagenes Evangelienbuch sowie die bischöflichen Insignien, Hirtenstab und Mitra.

Lehmanns Nachfolger Peter Kohlgraf leitet den Gottesdienst. Zu den dichtesten Momenten darin zählen – zusammen mit Teilen aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Requiem“ – die Worte aus Lehmanns „geistlichem Testament“. Ausführlich zitiert Kohlgraf in seiner Predigt den bereits 2009 verfassten Text. „Wir haben uns alle“, schreibt Lehmann darin, „gerade in der Zeit nach 1945, tief in die Welt und das Diesseits vergraben und verkrallt, auch in der Kirche. Dies gilt auch für mich. Ich bitte Gott und die Menschen um Vergebung.“

Mozarts „Requiem“ wird gespielt

Weiter heißt es in dem kurzen, dichten Text: „Unter zwei Dingen habe ich immer wieder und immer mehr gelitten: Unsere Erde und weithin unser Leben sind in vielem wunderbar, schön und faszinierend, aber sie sind auch abgrundtief zwiespältig, zerstörerisch und schrecklich. Schließlich ist mir die Unheimlichkeit der Macht und wie der Mensch mit ihr umgeht, immer mehr aufgegangen. Das brutale Denken und rücksichtsloses Machtstreben gehören für mich zu den schärfsten Ausdrucksformen des Unglaubens und der Sünde. Wehret den Anfängen!“

Für den Ablauf seiner Beerdigung hatte sich Lehmann zu Lebzeiten auf „viele gute Bräuche“ seines Bistums verlassen. Dazu gehört, dass sein Sarg von Mitarbeitern der Mainzer Dombauhütte getragen wird.

In seiner Predigt geht Bischof Kohlgraf´auf die kleine mittelalterliche Statue der „Johannesminne“ ein, die Lehmann besonders lieb war und die nun vorn auf seinem Totenzettel abgebildet wird. Kohlgraf deutet es als Ausdruck tiefer Freundschaft mit Christus, um die es Lehmann in seiner „ganz persönlichen Frömmigkeit“ gegangen sei. „Wählt einen guten Nachfolger! Betet für ihn und für mich! Auf Wiedersehen!“, so endet Lehmanns Testament. „Ja, lieber Kardinal Karl, ich glaube, dass wir uns wiedersehen!“, ruft Kohlgraf seinem toten Vorgänger zu, der nach dem Ende des Requiems in der Bischofsgruft des Mainzer Doms beigesetzt wird. Dort kann die Grablege Lehmanns wie auch seiner Vorgänger künftig besucht werden.

Einer übrigens ist dem feierlichen Gedenken in sprechender Weise fern und schweigt: der ehemalige Papst Benedikt, der Lehmann schon als Professor und später als Kurienkardinal über Jahrzehnte „im Streit Gefährte“ war. Kein Wort der Kondolenz aus Rom habe das Bistum erreicht, verlautete von offizieller Seite. Und anders als etwa nach dem Tod des Kölner Kardinals Joachim Meisner im Juli 2017 war am Mittwoch in Mainz auch kein Erzbischof Georg Gänswein zugegen, der – wie vor einem Jahr im Kölner Dom – nun auch in Karl Lehmanns Bischofskirche einen Abschiedsgruß Benedikts dabeigehabt und vorgelesen hätte.

Auch interessant

Kommentare