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Ute Lemper will die Lieder aus den Konzentrationslagern bewahren.

Erinnerung

Lemper singt Lieder aus Konzentrationslagern

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"Wir müssen uns kümmern", sagt der Cabaret-Star Ute Lemper. Sie will Lieder, die in Konzentrationslagern geschrieben wurden, bewahren.

Frau Lemper, kann man in verzweifelter Lage aus der Musik eine Kraft schöpfen?
Das glaube ich, ja. Denken Sie an die Gospels einst in den Cotton Fields, den Baumwollfeldern Amerikas. Die Lieder, die die Sklaven sangen, haben gezeigt, dass Musik großen Schmerz ausdrücken kann, auch auf einfache Weise, dass sie eine Möglichkeit bietet, zu singen statt zu weinen und irgendwie diese unglaubliche Flut von Schmerz auszudrücken.

Sie singen zurzeit Lieder, die in Konzentrationslagern geschrieben wurden – Musik, die tatsächlich half beim Weiterleben im Angesicht das Grauens?
Teilweise sind es ja Lieder von Trost oder Wiegenlieder für die Kinder, auch Lieder, die das Leben feiern und die Hoffnung. Hoffnung ist immer der wichtigste Faktor fürs Überleben, um es in den nächsten Tag hinein zu schaffen. Nicht alle Lieder sind dunkel, im Gegenteil, es sind solche dabei, die das Leben feiern, die Liebe feiern, den Glauben feiern, die Hoffnung und die jüdische Kultur auch in der Musik noch einmal feiern.

Ihre Konzertreihe heißt „Songs for Eternity“ – Lieder für die Ewigkeit. Wie kam es dazu?
Es ging eigentlich los vor ungefähr zwölf Jahren. Damals habe ich in Mexiko-City an einem großen Holocaust-Memorial mitgewirkt, einem Konzert im Palacio de Bellas Artes, organisiert von meiner mexikanisch-israelischen Promoterin Orly Beigel, die selbst Tochter einer Überlebenden ist. Das Konzert hieß „Nunca mas“, nie wieder. Orly gab mir damals ein Buch, „Songs never silenced“ – Lieder, die nicht verstummen.

Jüdische Lieder?
Lieder aus den Ghettos, vor allem aus dem Ghetto in Vilnius. Die erste Auflage wurde von Shmerke Kaczerginsky 1948 hier in New York publiziert. Das sind Lieder, die er damals auf seiner Flucht aus Vilnius mitgebracht hat. Teilweise von anderen Überlebenden auf dem Dampfer über den Atlantischen Ozean gehört, niedergeschrieben und gesammelt. Dieses Buch lag zehn Jahre lang auf meinem Klavier. Meine Freundin Orly sagte zu mir, Utele, so nennt sie mich, eines Tages musst du für mich diesen Abend zusammenstellen.

Was Sie dann auch taten.
Dann kam der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, der 27. Januar 2015, ich war eingeladen nach Rom auf ein großes Memorial-Konzert, dort habe ich zwei Lieder gesungen von llse Weber, zwei Lieder aus dem Buch meiner Freundin Orly, und ich traf Francesco Lotoro. Er widmet sein Leben der Suche nach diesen Liedern, die in den Lagern geschrieben wurden, um sie zu archivieren und an die Erinnerungsstätte Yad Vashem zu geben. Wir sprachen über ein Projekt, er gab mir eine lange Liste weiterer Lieder aus den Lagern – da dachte ich, das ist der richtige Zeitpunkt, das endlich zusammenzustellen.

Einen Abend mit Liedern für die Ewigkeit.
Den Zyklus habe ich uraufgeführt hier in New York, im jüdischen Kulturinstitut Yivo. Francesco hat dazu Klavier gespielt, ein paar Konzerte in Italien. Inzwischen haben wir es, wieder mit meinem Pianisten, in Madrid gespielt, in Rom, Mexiko-City, noch ein paar Mal in New York, in Washington. Dann waren wir im November 2017 in Berlin in der Synagoge Rykestraße. Das war ein ganz besonderer Abend. Und jetzt kommen wir nach Frankfurt.

Im Mai singen Sie die Lieder beim „Women of the World“-Festival in Frankfurt, in der jüdischen Gemeinde. Wer wird Sie begleiten?
Zwei wunderbare Musiker aus Israel, die natürlich aus der Klezmer-Tradition kommen, der Violinist und der Klarinettist. Und dann meine französische Grundtruppe, also Bass, Klavier und Bandoneon. Ich habe ja in Frankfurt gelebt in den 80er Jahren, ich freue mich, zurückzukommen und dieses Projekt in die jüdische Gemeinde zu bringen. Das Konzert soll natürlich auch für nichtjüdische Menschen sein. Und es ist auch für mich ein Anschluss an die Vergangenheit.

Leben wir in einer Zeit, in der es wieder besonders wichtig ist, diese Musik aufzuführen?
Ja, wir haben den Rechtsdreh in Teilen Europas und auch hier in den Staaten den Schwenk zu Populismus und Nationalismus. Wir erleben wieder Millionen Flüchtlinge, die eine neue Heimat suchen, die eben nicht aufgewachsen sind mit dem Privileg von Freiheit und würdevollem Leben und Bildung – Menschen, die vor Stacheldraht und Mauern warten, um in Länder hineinzukommen wie damals die jüdischen Flüchtlinge. Es gibt viele Parallelen.

Sie haben schon in den 80er Jahren Lieder gesungen, die die Nationalsozialisten als „entartete Musik“ bezeichnet hatten. Es ist Ihnen ein Anliegen?
Das war immer ein ganz wichtiger Punkt für mich, die Leute mit dieser Musik zu konfrontieren, auch als junge Nachkriegsdeutsche, und über dieses Kapitel Musik zu sprechen. International geschah das viel mehr als in Deutschland. Ich habe mich damit intensiv auseinandergesetzt seit Jahrzehnten, die Lieder aufzunehmen, die die Nazis verbannt hatten, die nicht gespielt werden durften. Und jetzt beleuchten wir die andere Seite: die Menschen, die es nicht geschafft haben, Deutschland und die von den Nazis okkupierten Territorien zu verlassen. Jetzt ist es mir wichtig, auch das in Erinnerung zu rufen.

Wenn man auf Ihrer Webseite die Ausschnitte aus dem Programm anschaut und Lieder hört aus Theresienstadt, in denen es heißt: „Wann sind wir wieder frei?“ – das ist schon am Bildschirm sehr bewegend. Was empfinden Sie selbst, wenn Sie das singen, 75 Jahre später?
Es war ein schwieriger Prozess, das zu lernen. Ich habe daran mit einem Rabbi hier in New York gearbeitet, viele Lieder sind ja auf Jiddisch, und als ich das dann zum ersten Mal hier aufgeführt habe, musste ich unglaublich schlucken. Ich bekam diesen Kloß im Hals kaum weg – das war eine kosmisch-schmerzvolle Erfahrung. Ein Moment, der in der Tat auch ein Stück Ewigkeit berührt hat.

Daher der Titel des Konzerts?
Der Titel passt schon sehr gut dazu. Da ist die Ewigkeit von Schmerz, an die man rührt. Und es ist kaum zu ertragen. Die Lieder über die Kindermorde in den Ghettos, der Schmerz, der in diesen Liedern liegt. Aber es ist notwendig für mich als Mensch und als Künstlerin, das anzurühren und diese Geschichten zu erzählen. Das ist die essenzielle Sprache, die wichtigste Sprache, die ich als Künstlerin sprechen kann und sprechen sollte.

Wessen Lieder sind das? Kompositionen von Profis, von Hobbymusikern?
Teils, teils. In Theresienstadt entstanden Lieder etwa von Viktor Ullmann, er war Komponist, Zeitgenosse von Kurt Weill, da gab es auf jeden Fall eine professionelle Gruppe von Musikern, die dort weiterarbeiteten, bis sie auf den Zug nach Auschwitz geschmissen wurden. Aber die Lieder aus den Ghettos sind auch Lieder, die von Dilettanten und Laien geschrieben wurden. Gedichte, in ganz einfache, populäre Musik gesetzt. Die Lieder von Ilse Weber sind nicht sophisticated, eher Volkslieder, Kinderlieder, kreiert in dem Moment, da man einfach Zeitzeuge war und einfach schildern musste: Was passiert hier? Man fasste es in kleine Texte oder in Lieder, die sich dann überlieferten.

Man merkt, dass Sie bei der Auswahl darauf geachtet haben, nicht nur die ganz traurigen Lieder zu singen, sondern manchmal – ja, sogar fast heitere Stücke?
Das Konzert hat einen Bogen. Da gibt es den Willy Rosen, der in Westerbork in Holland interniert war. Er war ein Kabarett-Star, er hat in diesem Konzentrationslager sehr viele lustige Lieder geschrieben, um die Inhaftierten zu unterhalten, um ein Stück Normalität einzuführen an den Donnerstagabenden, den „Bunten Abenden“, wie man das nannte. Da ist eine große Variabilität von Liedern. Der „Auschwitz-Tango“, der in Auschwitz anonym geschrieben wurde, basiert auf einem alten polnischen Volks-Tango, in furchtbare Worte, zeitgenössische Worte gesetzt, musikalisch ganz klar Tango – Totentanz sozusagen. Und dann gibt es Lieder, die träumerisch sind und sich überlegen, wie das Leben nach diesem Kapitel aussehen wird. Viele wussten ja nicht, dass wirklich der Tod folgt. Sie dachten, das ist ein dunkler Abschnitt der Geschichte. Dass man überlebt und die Zeiten besser werden.

Erzählen Sie auf der Bühne von den Umständen, die den Liedern zugrunde liegen?
Natürlich. Genauso wichtig wie die Lieder sind die Geschichten um diese Lieder herum, wie sie entstanden sind, wer sie geschrieben hat. Es gibt kurze Übersetzungen, die ich dann ein bisschen improvisiere, vom Jiddischen ins Deutsche. Wo es sehr persönlich wird, das sind die Momente, in denen ich die Geschichten erzähle.

Was können die „Lieder für die Ewigkeit“ heute bewirken?
Für uns Deutsche ist der Holocaust etwas, das wir nie richtig werden verarbeiten können. Das Ausmaß an Gewalt und Mord in einer Hochzivilisation, das Ausmaß an Verbrechen und Bürokratie und Gehorsam in der Ausführung, an Furcht, an Brutalität – wir können das ja nie bewältigen. Wir müssen in unserer deutschen Identität ein Stück von dieser Schuld und diesem Schmerz mit uns tragen, denn es ist einfach nicht zu verstehen, dass der Holocaust passiert ist, wie kann das sein, und zwar vor gerade mal etwas mehr als 70 Jahren.

Wie gehen Sie mit diesem Schmerz um?
Ich bin nicht mal 20 Jahre nach dem Krieg geboren, in eine Gesellschaft, die noch durchnetzt war von Nazis und Antisemitismus, die überhaupt nicht damit umgegangen ist, was geschehen war. Das Ausmaß dieses Massenmordes an Millionen Kindern, Frauen, alten Menschen – das ist für uns einfach nicht zu verdauen. Gerade deshalb müssen wir uns damit weiter konfrontieren. Wir Deutsche müssen hinterfragen, wie es in unserer Gesellschaft dazu kommen konnte. Unsere Gesetze nach wie vor prüfen und gegebenenfalls verändern, damit so etwas nie wieder passiert. Und wir müssen uns kümmern um die Welt, wo andere Genozide geschehen, Massenmord geschieht, Vernachlässigung geschieht, wo Unschuldige zwischen die Fronten religiöser Kriege geraten, unter Diktaturen leiden. Wir müssen uns kümmern. Das ist unsere Verantwortung. Deshalb ist dieser Abend ein schwieriger Gang in die Vergangenheit, aber auch ein Gang der Verantwortung in unsere Zeit und in die Zukunft.

In unserer Zeit ist beispielsweise die AfD größte Oppositionspartei im deutschen Bundestag. Wie beobachten Sie das von New York aus?
Es ist unglaublich, dass solche Vereinigungen überhaupt möglich sind in Deutschland, die eine Sprache sprechen, die nicht erlaubt sein dürfte, die schon das Gewissen nicht erlauben dürfte. Man kann nur dazu sagen: Die Menschen sind kurzsichtig und egoistisch und unverantwortlich. Es ist wirklich bedauerlich, dass in einem Land, das Nazi-Verbrechen auf dem Rücken hat, so eine Sprache überhaupt gesprochen werden darf.

Sie helfen immer noch, Lieder aus den Lagern zu sammeln. Wo finden Sie sie?
Als ich vor zwei Jahren publik gemacht habe, dass ich die „Songs for Eternity“ starte, bekam ich von ganz vielen Seiten E-Mails: Mein Großvater hat dieses Lied mit hierher nach Amerika genommen, kann ich Ihnen das zuschicken? Und dieser Liederzyklus, und jenes … also, es gibt noch viel Inspiration. Man lebt hier in New York in einer Kultur, in der so viele Überlebende und Kinder der Überlebenden noch aktiv sind in der Nachforschung und darüber sprechen. In der Schule meines Sohnes gibt es noch drei, vier Großväter, die Auschwitz überlebt haben, die die Nummer auf dem Arm haben. Diese Menschen sterben jetzt aus, sie sind am Ende ihrer Wege, aber die Überlieferung ist noch aktiv und präsent.

Wie reagieren diese Menschen, wenn Sie solche vielleicht traumatischen Lieder für sie singen?
Kürzlich habe ich in Mexiko-City ein Konzert gegeben, das von der jüdischen Gemeinde initiiert wurde, da haben wir ein spezielles Lied gespielt, ein Partisanenlied. Es war das letzte Lied des Abends. Hunderte Menschen standen auf und sangen dieses Lied mit mir – auf Jiddisch. Es war so berührend. Ich habe gar nicht singen brauchen, sie haben alles selbst gesungen: Wir sind da, wir stehen auf, wir lassen es nicht passieren! Das Lied, das damals nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto aufgezeichnet und bei anderen Aufständen in Lodz und Minsk weitergesungen wurde. Das war einfach herzerweichend, so viele alte Menschen dort singen zu hören. Mit Kraft und mit Wut und Blut dieses Lied noch einmal heraus zu singen. Es war unglaublich.

Interview: Thomas Stillbauer

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