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Wechselt von MTV ins Internet: Markus Kavka.

Markus Kavka

Leiser Abgang eines Rockers

Markus Kavka, letzter Charakterkopf des deutschen Musikfernsehens, wechselt ins Internet. Wie schon viele vor ihm verlässt der Moderator den Sender MTV. ( mit Video) Von Johannes Gernert

Von JOHANNES GERNERT

Vor ein paar Monaten hat sich Markus Kavka verabschiedet. Mit einem kurzen Eintrag auf seiner Homepage bedankte sich der 41-Jährige bei seinen Fans für "acht Jahre treues Zugucken" bei MTV. Ein rührender, kurzer Text, der immer noch auf der Seite steht.

Dieser kurze Text markiert nicht nur den Abgang eines Moderators, der mit seiner bayrisch-bedächtigen Art und seiner Vorliebe für harte Töne nicht nur ganz anders ist als viele der hysterischen Plaudertaschen der aktuellen Pop-Formate. Mit Kavka verschwindet der letzte Charakterkopf aus dem deutschen Musikfernsehen. Ein leiser Abgang, ein herber Verlust. Aber: Ganz verloren geht er der Fan-Gemeinde nicht - er wechselt nur das Medium. Seit dem Wochenende moderiert Kavka im Internet eine Personality-Show auf der Online-Plattform Myspace. Einmal wöchentlich will er neue Folgen bringen.

Markus Kavka wirkte zuletzt wie ein Relikt zwischen all den schrillen Reality-Shows, dem Klingeltongebimmel in den Werbepausen und den Kreisch-Moderationen der neuen Generation. Kavka war der Letzte, der sich noch ein bisschen Distanz erlaubte zu dem, was er tagtäglich präsentierte. Sie stand ihm auf die Stirn geschrieben, in Form einiger Falten, die manche für ein Zeichen milder Genervtheit hielten. Er hatte Ahnung von Musik, er hatte eine Haltung - und bei so manchem Video, das durch seine Sendung rappelte, konnte sich der Stoiker Kavka einen negativen Kommentar dann doch nicht verkneifen.

Aber am Ende wollte sich der börsennotierte MTV-Besitzer Viacom diesen Rest an Expertenwissen nicht mehr leisten. Kavka wurde gekündigt. Seine Sendung "Rockzone" läuft weiter - jetzt eben ohne Moderationspausen. Auch Kavkas Nachrichten aus der Branche, die MTV News, sind gestrichen.

Offen bis zur Selbstentblößung

Seine Kollegin Charlotte Roche war vor fünf Jahren noch lautstark in den TV-Streik getreten, als ihr Viva die preisgekrönte Sendung strich. Sie weigerte sich, die letzten vereinbarten Folgen zu produzieren. Dass Sarah Kuttner ihre Show auf MTV aufgeben musste, fiel 2006 schon ein bisschen weniger auf. Christian Ulmen war längst von sich aus gegangen - und hat mit seinem Parodien-Format "Ulmen TV" inzwischen den Grimmepreis eingesackt. Ur-Anarcho Ray Cokes, die schrägste Visage der Branche, hatte den Sender schon 1996 verlassen.

Markus Kavka tut jetzt bei Myspace wieder das, womit er auf dem Spartensender Viva 2 einmal angefangen hatte: Musik empfehlen, die er mag, und von der er denkt, sie könnte auch vielen anderen gefallen. Er tut es auf seine Art, ruhig, mit kurzen Pausen zum Nachdenken über die Moderation. Vorgefasste Texte benutzt er nach wie vor nicht.

So wie Ende der Neunziger, als seine Sendungen "Metalla" oder "Wah2" hießen und seine Herkunft vom Rockmagazin "Metal Hammer" nicht verleugneten. Später moderierte und produzierte er "MTV Spin" - ein "zartes Indie-Pflänzchen", das schließlich einging. In dieser Sendung präsentierte er Bands, die in den Charts kaum vorkamen. Danach gab es nur noch Kompromisse. Die Controller bestimmen heute das Programm, sagt Kavka.

Roche, Kuttner, Ulmen - sie alle seien Produkte des Musikfernsehens. Produkte, die ihre Hersteller überlebt haben, findet Kavka. "Jetzt geht es eben darum, die Haltung, die man über lange Jahre hinweg auf diesem Spartenkanal transportiert hat, nicht zu verlieren" - und auf einem anderen Weg zu verbreiten. Was sie verbindet, ist ihr enormes Mitteilungsbedürfnis. Kavka gründete zusammen mit Christian Bangel das Blog "Störungsmelder" bei der Zeit Online gegen Nazis, Roche gab die öffentliche Feministin.

Sie öffneten sich bis zur Selbstentblößung: Roche saß in der Harald-Schmidt-Show und erzählte von ihrem post-orgasmischen Chill-Out. Von Kavka kursieren Videoschnipsel im Netz, auf denen er berichtet, wie er sich die Hoden rasiert. Entspannte Erben der sexuellen Revolution. "Wir sind da alle ein bisschen auf-die-Zwölf-mäßig gestrickt", sagt Kavka: geradeheraus, schonungslos - auch gegen sich selbst. Distanz zum eigenen Treiben gehörte nicht unbedingt dazu.

Trotz dieser Extravaganzen: Kavka hat sich immer als Journalisten gesehen, als einen, der Informationen weitergibt. "Hamma wieder was gelernt", das war sein Abschiedsspruch am Schluss einer Sendung.

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