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Leichte Rede

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jess Jochimsen

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Jess Jochimsen ist Kabarettist, Autor und Fotograf.
Jess Jochimsen ist Kabarettist, Autor und Fotograf. © Britt Schilling

Vermissen Sie nicht auch den Corona-freien Small Talk? Die Kolumne.

Das Nachbarkind wollte wissen: „Wie lange dauert Corona noch?“

Gute Frage. Nächste Frage.

Würde es uns denn wirklich helfen, wenn wir die Antwort wüssten? – Das Fatale am griechischen Alphabet ist, dass nach „Delta“ noch eine ganze Menge Buchstaben kommen, und selbst wenn nicht mit jedem von ihnen eine SARS-Cov-2-Variante bezeichnet wird, ist da noch reichlich Strecke bis „Omega“.

Und doch wäre es vermutlich hilfreich, wenn wir zumindest ungefähr wüssten, wo wir stehen. Als die letzte große Pest in Europa vorüber war, haben die Menschen flächendeckend Orgien veranstaltet. An diesem Punkt sind wir noch nicht. Das hätte ich mitbekommen. Manchmal frage ich mich, woher die Menschen damals wussten, wann der richtige Zeitpunkt für die Orgien war. Wie haben die das rausgefunden? Try and error, mit dem Mute der Verzweiflung? Oder wurde das durch das damalige RKI festgelegt? „So, Pest ist jetzt fertig. Ab Montag Orgien. Alle mitmachen!“

Ich weiß nicht, ob ich persönlich das wollte, aber ich würde es allen, die da Bock drauf haben, sehr gönnen. Und als Signal des gesellschaftlichen Aufbruchs fände ich es extrem schön. Weil es eindeutig und vital ist. „Guck mal, Schatz, überall Orgien, Corona muss rum sein!“

Endlich gäbe es andere Gesprächsthemen: „Hast du gehört? In Stuttgart soll‘s die tollsten Orgien geben.“ – „Erzähl keinen Unsinn, in München oder Berlin vielleicht, von mir aus in Frankfurt, aber nie im Leben in Stuttgart, denk nur an den Pietkong rund um die Stadt!“ So ein Gespräch wünsche ich mir schon ewig.

Und einmal ernsthaft gefragt: Wann haben wir das letzte Mal eine lange, tiefgründige und schöne Unterhaltung geführt, in der es nicht um „Corona“ ging? Nicht mal am Rande? Oder in der wir nicht krampfhaft versucht haben, das „große C.“ bloß nicht zu erwähnen?

Bleibt das Wetter als Gesprächsthema. Wie immer. Gähn. Die Autorin Eva Karl Faltermeier hat in einem Tweet alles dazu gesagt: „2021 ist wie 2020 – nur mit Regen.“ Und wenn ich den Altherren-Satz „aber für die Natur ist es gut“ noch ein Mal hören muss, überdenke ich mein Konzept der Gewaltlosigkeit. Wie rücksichtslos kann man in Gesprächen bitte sein? „Für die Natur ist es halt schon gut.“

„Soll ich dir mal sagen, was wirklich gut für die Natur wäre? Weniger Julia Klöckner, das wäre gut für die Natur! Und wenigstens das haben wir geschafft. Aber von Tempolimit, Fleischverzicht und dem Verbot von Kurzstreckenflügen sind wir noch weit entfernt, um nur einige Dinge aufzuzählen, die wirklich gut für die Natur wären.“

Allein eine entspannte Unterhaltung ist das dann nicht mehr. Wo ist die Gelassenheit in der Gesprächskultur geblieben? Der Geist? Die Verve? Einzig das Thema „Impfen“ scheint noch Smalltalk-kompatibel zu sein. „Bist du geimpft?“ ist das neue „Wie geht’s dir?“ Wer hätte gedacht, dass eine normale Plauderei mal so klingen würde? „Bist du geimpft?“ – „Ja.“ – „Womit?“

Die Reaktionen auf die jeweiligen Impfstoffe sind übrigens sehr interessant, der Gesichtsausdruck deines Gegenübers, wenn du „Astra Zeneca“ antwortest, der kaum verhohlene Neid bei der Erwähnung einer frühen „Biontech/Pfizer“-Spritze… „Meine schönste Nebenwirkung.“

Aber für ein gutes Gespräch braucht es Esprit und Witz. Ich vermisse Sätze wie: „Ich lasse mich erst impfen, wenn Sputnik V bei uns zugelassen ist.“ Oder: „Ich traue der Firma Pfizer nicht. Mein Viagra ist von denen ... und eine einzige Enttäuschung! Und das ausgerechnet jetzt, wo so viele Orgien stattfinden sollen!“

Am meisten allerdings fehlen mir gute Fragen. Wieso haben wir jetzt erst damit angefangen, unser Brot selbst zu backen? Warum hat das so lange gedauert, bis wir die Autos aus den Innenstädten verbannten, damit die Kneipen Tische und Stühle auf die Parkplätze stellen konnten? Dafür wäre keine Pandemie nötig gewesen, das hätten wir alles vor Corona schon machen können.

Die entscheidende Frage ist aber eine andere: Können wir es auch noch danach? Und wo, verdammt, bleiben die Orgien?

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