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Gute Idee? Kinder müssten sich häufiger im Dunkeln auf den Schulweg machen.

Zeitumstellung

Lehrer warnen vor der Sommerzeit

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Zum letzten Mal könnte am Sonntag die Zeit umgestellt werden. Viele Deutsche wünschen sich nach der EU-weiten Abschaffung dauerhaft Sommerzeit. Bildungsexperten sehen das kritisch.

Geht es nach der EU-Kommission, könnten die Bundesbürger am kommenden Sonntag zum letzten Mal ihre Uhren eine Stunde zurückstellen. Denn schon 2019 soll die Zeitumstellung abgeschafft werden – ein Vorhaben, das Fragen und Zweifel aufwirft.

Wie würde die Abschaffung der Zeitumstellung ablaufen?
Die EU-Kommission plant, eine Verordnung zu erlassen, der zufolge alle Mitgliedsstaaten auf die halbjährliche Zeitumstellung verzichten und dauerhaft bei einer Standardzeit bleiben. Wenn der Europarat und das Europäische Parlament dem Vorschlag zustimmen, müssen die einzelnen EU-Staaten in ihrer Gesetzgebung festschreiben, dass es bei ihnen künftig keine Zeitumstellung mehr gibt. Lediglich ob sich die Staaten dauerhaft an der Winter- oder Sommerzeit orientieren, bleibt den nationalen Gesetzgebern überlassen.

Wann soll die Zeitumstellung abgeschafft werden?
Geht es nach der EU-Kommission, bereits im kommenden Jahr. Die Staaten, die sich an der Sommerzeit orientieren, sollen am 27. März 2019 letztmalig die Uhren umstellen und dann bei der Sommerzeit bleiben. Die Länder, die sich an der Winterzeit orientieren wollen, würden am 27. März 2019 auf Sommerzeit umstellen und Ende Oktober 2019 dauerhaft zur Winterzeit zurückzukehren.

Allerdings droht sich die Umsetzung zu verzögern, weil mehrere EU-Staaten den Zeitplan der Kommission für zu ambitioniert halten. Wie auf Anfrage aus deutschen Regierungskreisen zu erfahren war, hat der Europäische Rat kürzlich einen Kompromissvorschlag diskutiert – ein „etwas längerer Zeithorizont“ sei dabei veranschlagt. Eine Entscheidung des Gremiums der EU-Mitgliedsstaaten gibt es aber noch nicht. Deutschland gehört allerdings nicht zu den Bremsern: „Straff, aber machbar“, nennt Annika Einhorn, Sprecherin des hier zuständigen Bundeswirtschaftsministeriums, den Zeitplan der EU-Kommission.

Gibt es Bedenken gegen das Vorhaben?
Vor allem die Frage, inwiefern sich die Zugehörigkeit einzelner Länder zu den drei europäischen Zeitzonen ändern könnte, beschäftigt die Politik. Weil den Staaten selbst überlassen ist, Winter- oder Sommerzeit dauerhaft beizubehalten, könnte sich verschieben, in welchen Ländern die gleiche Standardzeit gilt.

Hält Frankreich beispielsweise an der Winterzeit fest, während sich Deutschland für die Sommerzeit entscheidet, läge Frankreich mit Großbritannien in einer Zeitzone. Deutsche Urlauber müssten dann beim Trip in die Bretagne ihre Uhren umstellen.

Dass die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten aufgefordert hat, sich bei dieser Frage untereinander abzustimmen, sorgt für Unmut: Zahlreiche EU-Länder hätten sich Medienberichten zufolge bei dem Prozess mehr Koordination durch die Kommission gewünscht, was einer der Gründe für eine mögliche Verzögerung der Abschaffung der Zeitumstellung ist.

Bekommt Deutschland die ewige Sommerzeit?
Ob Deutschland die Sommer- oder die Winterzeit beibehält, ist noch nicht entschieden. Derzeit stimmt sich das Wirtschaftsministerium diesbezüglich mit den anderen Ressorts und Fachleuten ab. Umfragen deuten daraufhin, dass die Deutschen die Sommerzeit bevorzugen würden. Ähnlich haben sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) geäußert.

Lehrerverbände und Gewerkschaften sehen das hingegen mit großer Skepsis: „Die Leistungen der Schüler werden sich verschlechtern“, prognostiziert Ilka Hoffmann, im Vorstand der Erziehungsgewerkschaft GEW für allgemeinbildende Schulen zuständig. Denn ist es abends länger hell und morgens länger dunkel, fällt Wissenschaftlern zufolge das pünktliche Aufwachen schwerer. Dabei haben schon jetzt viele Teenager mit dem Wachwerden zu kämpfen, wie Hoffmann aus dem Schulalltag berichtet. „Wenn es dann noch länger dunkel ist, dann wäre das sicher negativ.“

Auch der deutsche Lehrerverband lehnt eine ewige Sommerzeit ab. Er halte eine dauerhaft Winterzeit für geboten, sagte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Damit werde verhindert, dass sich Kinder monatelang bei Dunkelheit auf den Schulweg machen müssten.

Warum die Zeitumstellung abschaffen?
Eine Umfrage unter 4,6 Millionen EU-Bürgern, darunter größtenteils Deutsche, hat kürzlich ergeben, dass sich eine deutliche Mehrheit gegen den Unterschied zwischen Sommer- und Winterzeit ausspricht.

Die EU-Kommission griff das auf, betont aber, die Zeitumstellung sei ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Die Sommerzeit ist erstmals während des ersten Weltkriegs eingeführt worden, um durch den früheren Start in den Tag Heiz- und Energiekosten zu sparen. Heutzutage sei dieser Effekt marginal, schreibt die EU in ihrer Vorlage zur Abschaffung.

Zugleich deuten der Kommission zufolge viele Studien darauf hin, dass die Auswirkungen der Zeitumstellung auf den menschlichen Biorhythmus größer und ungesünder als bisher angenommen sind. Kritiker unterstellen der EU-Kommission außerdem, mit dem Vorstoß pünktlich zu den EU-Parlamentswahlen im Mai 2019 Bürgernähe demonstrieren zu wollen.

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