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Leben unter Selbstschutz

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Nadja Benaissa vor Gericht.
Nadja Benaissa vor Gericht. © REUTERS

Mitte der Woche könnte das Urteil gegen Nadja Benaissa fallen. Glaubt man den männlichen Zeugen, ging die Sängerin mal sehr verantwortungsvoll, mal achtlos mit der Tatsache um, andere beim Sex infizieren zu können.

Von Thomas Wolff

Wie sich Benaissa ihre Zukunft vorstelle, wollte Richter Wacker gegen Ende des dritten Verhandlungstages wissen. Wieder stärker einsteigen bei den No Angels? Weitermachen als Popsängerin? „Schwer zu sagen, ich hab’ ja nichts gelernt als zu singen.“

Was die Angeklagte Nadja Benaissa mit ruhiger Stimme auflistete, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, ergibt eine niederschmetternde Bilanz: Sie ist pleite – seit Anfang des Monats läuft das Insolvenzverfahren. Sie wohnt mit ihrem Kind zur Miete, bekommt keinerlei Unterhaltszahlungen vom Vater, „schon seit zehn Jahren nicht“. Sie bringt demnächst ein Buch heraus, ihre Biografie. Beim Management der Band ist sie krankgemeldet. Und sonst? „Ich weiß nicht. Ich sehne mich nach Ruhe.“ Mitte dieser Woche erwartet sie ihr Urteil.

Das ist der Stand zehn Jahre nach ihrem furiosen Start mit der Castingband No Angels. Jetzt muss das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Darmstadt entscheiden, ob Nadja Benaissa, 28, wegen vollendeter gefährlicher Körperverletzung in einem Fall sowie versuchter gefährlicher Körperverletzung in weiteren Fällen verurteilt wird. Sie soll seit dem Jahr 2000 einige ihrer Liebhaber nicht darüber aufgeklärt haben, dass sie HIV-positiv ist. Einer der Männer, der Frankfurter Künstlerberater S., ist ebenfalls mit dem HI-Virus infiziert.

Glaubt man den männlichen Zeugen, die bisher aussagten, ging die Sängerin mal sehr verantwortungsvoll, mal achtlos mit der Tatsache um, andere beim Sex infizieren zu können. Warum, wollte Staatsanwalt Peter Liesenfeld von der Angeklagten selbst wissen.

Benaissa: „Grundsätzlich ging ich davon aus, dass ich wenig ansteckend bin.“

– „Worauf beruhte das?“

– „Schwer zu sagen, ich war in der Zeit bei unterschiedlichen Ärzten. Mir wurde immer gesagt, dass meine Werte wunderbar sind.“

– „Aber das sagt doch nichts über ihre Ansteckungsgefahr?“

– „Das hat viel mit Verdrängung zu tun, mit sich selbst schützen wollen, sehr viel mit Angst.“

Nachdem sie in der Folge einer durchzechten Clubnacht ungeschützten Sex mit S. hatte, habe sie sich „einfach nicht mehr getraut, es ihm zu sagen.“

Ob sich S., der auch als Nebenkläger auftritt, tatsächlich bei der Sängerin mit dem HI-Virus infiziert hat, will die Staatsanwaltschaft am Mittwoch durch ein medizinisches Gutachten klären. Zunächst waren für den Prozess auch die No-Angels-Mitglieder Sandy Mölling, Jessica Wahls und Lucy Diakovska als Zeugen geladen worden. Das Gericht verzichtet nun aber auf ihre Aussagen.

Ein Psychologe dagegen wird vom Gericht noch angehört. Dann könnten bereits die Plädoyers des Staatsanwalts und des Verteidigers der Sängerin folgen. Das Urteil wird spätestens für Donnerstag erwartet.

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