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Radioaktiver Staub bedeckt eine Puppe und eine Gasmake, zurückgelassen von ihren Besitzern.

Tschernobyl nach der Katastrophe

Leben in der Todeszone

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Eine Frau, die schon lange keine Kinder mehr gesehen hat. Ein Mann, der sich aufgeopfert hat. Ein Reiseführer, der sie uns vorstellt. Begegnungen in Tschernobyl, 25 Jahre danach.

Noch 13 Tage. Nikolai streift die grünbraun gemusterte Jacke mit dem Pelzkragen über, prüft das Morgenwetter und setzt seine Kappe auf. Auch in Tarnfarben. Es ist 9 Uhr, in ein, zwei Stunden bringt er wieder ein paar Fremde zu dem tödlichen Wrack, das hier seit 25 Jahren den Lebensrhythmus vorgibt.

Seit zwei Tagen wohnt Nikolai Fomin wieder im Tschernobyl-Hotel, bleiben 13 weitere. Länger darf keiner hier sein, in der „Zone“. Schon nach drei Monaten kann krank werden, wer dauerhaft so viel Radioaktivität ausgesetzt ist wie hier: Schilddrüsenprobleme, Herz-Kreislauf-Krankheiten, alle Arten von Krebs. Die Strahlung geht vom Boden aus, vom Wasser, kann im Essen stecken und ist in der Luft. Denn Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl strahlt noch immer.

Und deshalb, obwohl der Unfall 25 Jahre her und das Städtchen Tschernobyl 25 Kilometer vom Reaktor entfernt ist, haben alle hier nur eine Aufenthaltserlaubnis für 15 Tage: Nikolai und die anderen Hotelgäste; die Wissenschaftler, die die Zone erforschen; die Handwerker, die ständig Rohre flicken, Haustüren reparieren und Straßen vom Gestrüpp befreien. „Echtes Leben gibt es in dieser Stadt nicht mehr“, sagt Nikolai. „Keine Kinder, keine Familien und von 4000 Bewohnern bleibt keiner länger als 15 Tage am Stück.“

Aussteigen, alle! Soldaten winken die Fremden, auf die Nikolai ein paar Kilometer weiter wartet, zum Drehkreuz am Tor zur Sperrzone. Jede Pass-Nummer auf dem Anmeldefax wird mit den Ausweisen verglichen, zifferngenau. Heute sind die meisten in der Reisegruppe Deutsche, vor allem Journalisten, Fotografen, Filmemacher und ein Team von Greenpeace. Ihr Bus parkt vor der Schranke. Daneben stehen Tafeln, auf denen jedem mit Strafen gedroht wird, der die „Chernobyl zone“ unerlaubt betritt.

Der Fehler im Block 4 des Lenin-Kraftwerks dauerte damals nur Minuten, die Auswirkungen dauern bis heute an. In der Nacht zum 26. April 1986 sollte die Mannschaft testen, ob der Reaktor einen Stromausfall übersteht – er überstand ihn nicht. Wie jetzt in Japan war die Kettenreaktion nicht zu stoppen, der Reaktorkern explodierte. Damals dauerte es gut drei Tage, bis die Sowjets das Gebiet evakuiert hatten. Sie legten eine 30-Kilometer-Sperrzone fest, die größer als das Saarland und heute zwischen Ukraine und Weißrussland aufgeteilt ist.

Rettungstrupps brauchten zehn Tage

„Die Rettungstrupps brauchten damals zehn Tage, bis sie den Reaktor im Griff hatten“, sagt Tobias Münchmeier von Greenpeace, einer der Besucher. „Mir kam das immer so lange vor. Aber mit Blick auf Japan relativiert sich nun die Zeitspanne.“ Als Münchmeier mit der von Greenpeace eingeladenen Gruppe im April nach Tschernobyl reist, kämpfen die Menschen in Fukushima seit gut einem Monat gegen den Super-GAU.

In der Ukraine dürfen seit Anfang des Jahres auch Touristen in die Sperrzone, für rund 150 Euro am Tag. Von Anfang an war die Nachfrage groß, seit dem Reaktorunglück in Fukushima ist sie riesig. Die Agentur „Tschernobyl-Inform“ konnte bald keine Buchungen mehr annehmen. Zuerst kamen vor allem Medienleute, Politiker, Umweltaktivisten. Inzwischen sind auch russische, US-amerikanische, westeuropäische Touristen dabei. Sie haben die Bilder des qualmenden Reaktors, der radioaktives Material weit in die Atmosphäre und nach Europa trieb, nicht vergessen. Nun sind sie hier, um den Hauch der Geschichte zu spüren. Oder zumindest einen kalten Grusel. Auch Japaner kamen schon, um sich anzuschauen, wie es vielleicht demnächst rund um Fukushima aussehen wird. „Noch 30 Kilometer bis zum Reaktor“, sagt der Busfahrer.

Wenig später fährt er an der Baracke mit den tristen Büros von Tschernobyl-Inform vor, und Nikolai steigt zu. Der große, schlanke Ukrainer mit jungenhaftem Gesicht und aschblondem Haar stellt sich der Gruppe auf Englisch als ihr Guide vor. Er ist zwar selbst erst 25, aber ein Profi: im korrekten Verhalten in radioaktiver Umgebung geschult, mit Uni-Diplom in Internationalem Tourismus ausgestattet. Er legt ein Video ein: die Sperrzone vor 1986.

Die Sperrzone vor 1986

Man sieht Bauern auf Traktoren, Frauen mit Kopftuch hinter rankenden Rosen, und immer wieder Szenen aus Prypjat. Die Satellitenstadt wurde 1970 für die AKW-Mitarbeiter in die ukrainischen Wälder gesetzt, nur drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt.

49.000 Menschen – vor allem junge Akademiker aus der ganzen UdSSR, die im Kraftwerk bestens verdienten, und ihre Familien – zog es in die sozialistische Idylle: weiße Plattenbauten mit modernsten Wohnungen, Kulturpalast und Kino, eine Kaufhalle mit gut gefüllten Regalen und ein protziges Hotel, von dessen Balkon man bis zum Kernkraftwerk blickte. Auf dem Video schieben Frauen orangefarbene Kinderwagen, Mädchen und Jungen spielen neben Blumenbeeten, während der Bus an dem vorbeirauscht, was einem der heute ärmsten Staaten Europas von all der Aufbruchstimmung geblieben ist: untergepflügte Dörfer, rostende Fahnenstangen, zugewucherte Friedhöfe. Noch 25 Kilometer bis zum Reaktor.

Hanna Saworodna zapft gerade Harz aus den Birken in ihrem Garten, als Nikolai das Holztor aufschiebt. Lachend winkt sie die Besucher heran, führt sie vorbei an bemoosten Bretterscheunen und Hühnerkäfigen in ihr enges, flaches Steinhaus. Sie freut sich über jeden Besuch – die Forstleute, die ihr Brennholz bringen, der Lebensmittelhändler, der freitags kommt, auch über die Tourguides und ihre Gruppen. Ohne Sondergenehmigung darf sie ja keiner mehr besuchen, seit ihr Dorf Kupowate in der Sperrzone liegt.

Hanna ist 78, trägt an diesem Tag ein helles Kopftuch mit bunter Blumenbordüre, einen lavendelfarbenen Filzmantel und hat im Mund nur noch ein paar Goldzähne. Im Haus riecht es nach dem Räucherofen, im Fensterbrett stehen Schüsseln mit getrockneten Zwiebeln und Pilzen. „Wie lange leben Sie schon hier?“, übersetzt Nikolai die Frage eines Journalisten. „Mein ganzes Leben lang“, sagt Hanna. Wurde sie nie evakuiert? „Doch“, sagt sie. Sie war damals Brigadierin der Kolchose, und am Abend des 26. April tauchten Soldaten auf. Am nächsten Morgen würden Autobusse sie „irgendwohin“ bringen, „vorübergehend“. Nach einem Jahr in einem Dorf vor Kiew wollte sie nicht länger warten, mit ein paar anderen Leute aus Kupowate kehrte sie heim. In die Zone. Schritten die Behörden nicht ein? „Die haben wir nie gefragt.“

Hanna und ihr Mann beackerten das Feld, zogen Rote Bete, Kartoffeln, sammelten Pilze und verkauften sie auf Märkten außerhalb der Zone. Und ihren Birkensaft natürlich, „im Sommer gibt es nichts Erfrischenderes“, sagt sie. Aber keiner der Gäste mag kosten. Hat sie keine Angst? „Wovor denn?“, ruft Hanna. „Ich fühle keine Strahlung. Es waren Leute da, die nachgemessen haben. Sie fanden nichts.“

Zur Besuchergruppe gehört auch der Kernphysiker Heinz Smital, der für Greenpeace arbeitet. Er läuft mit seinem Kontaminationsmonitor durch Hannas Garten, und tatsächlich ist der Wert kaum erhöht. Viele Gebiete außerhalb der Zone sind viel stärker verstrahlt. Greenpeace hat gerade die Messung von Lebensmitteln in der Nord-Ukraine übernommen, weil die Regierung sie eingestellt hat. Wo 1986 die radioaktive Wolke niederging, ist in Milch, Kohl und Pilzen noch heute gesundheitsgefährdend viel Cäsium und Strontium. Cäsium geht vom Boden auf Pflanzen, vom Kuhfutter auf Milch und so auf den Menschen über. Die Ärzte der Region registrieren noch immer erhöhte Krebszahlen, Schäden am Immunsystem, Fehlbildungen bei Neugeborenen. Je nach Studie schätzen Mediziner, dass Tschernobyl zwischen 90?000 und eine Million Menschen direkt oder indirekt getötet hat.

Woran Hannas Mann vor ein paar Jahren starb, weiß keiner. Niemand untersuchte ihn. 700 ukrainische Hrywnja Rente bekommt sie nun, etwa 70 Euro, dazu den Tschernobyl-Aufschlag von 100 Hrywnja. Versprochen wurde ihnen viel mehr. Doch die ukrainische Regierung hat weder das Geld noch den Willen, die Opfer angemessen zu versorgen. Mehrfach kürzte sie ihnen Renten und medizinische Leistungen. Für Hanna gab es nie wieder ein Leben wie vor Tschernobyl. „Sie sehen ja“, sagt sie. „Hier sind kaum noch Menschen. Wer damals jung war, kommt nur selten her; Kinder dürfen keinen Fuß in die Zone setzen. Wenn wir Alten tot sind, ist hier niemand mehr.“

Geigerzähler meckert stärker

Der Birkenwald an der Straße zum Kraftwerk ist dicht und geheimnisvoll wie in den alten russischen Märchenfilmen. Dann ein Schlagbaum: Beginn der Zehn-Kilometer-Zone. Der Bus rumpelt auf Landstraßen weiter durch den Birkenwald, das Klicken des Geigerzählers wächst sich zum Prasseln aus. Die Besucher schweigen. Bald stehen die Stämme der Birken nicht mehr so dicht nebeneinander. Eine Lichtung. Vor den Besuchern liegt nun ein Wald aus Strommasten. Dahinter: der Sarkophag.

Unter einem Koloss aus Sand, Blei und Stahlbeton haben damals Hunderttausende Arbeiter in acht Monaten Bauzeit den Reaktor begraben. Heute lässt sich die Szenerie mit den Hubschrauber-Aufnahmen von 1986 kaum in Verbindung bringen. Der Platz um den Sarkophag ist nicht nur dekontaminiert, sondern bis in den kleinsten Winkel erneuert. Alle Gebäude sind neu getüncht, gerade streichen Arbeiter den Bordstein vor dem meterhohen Eisenzaun in frischem Weiß. Bis auf 300 Meter dürfen sich Besucher dem Sarkophag nähern.

Gegenüber dem Unfallreaktor steht ein Denkmal, gewidmet: „Den Helden, Fachleuten, die die Welt vor dem nuklearen Desaster bewahrten. Zu Ehren des 20. Jahrestages der Schutzhüllen-Erbauung, November 2006“. Als es aufgestellt wurde, war schon klar, dass der Mantel Risse und Löcher hat; man hatte ihn dürftig mit Gerüsten stabilisiert. Bräche er ein, würden bis zu fünf Tonnen tödlicher Staub aufgewirbelt.

Greenpeace-Physiker Smital richtet den Geigerzähler auf den Reaktor, das Gerät rauscht nur noch. „Fast hundertfach erhöhte Dosis“, sagt er. Schon wer sich acht Stunden am Stück hier aufhält, riskiert Gesundheitsschäden. Nikolai schweigt teilnahmslos.

Während die Deutschen den Reaktor fotografieren, die roten Nelken auf dem Denkmal und sich selbst mit dem Mundschutz, der sie vor dem Einatmen radioaktiver Partikel schützen soll, fährt ein Linienbus vor. Die AKW-Angestellten, zivil und ungeschützt gekleidet, würdigen die Maskierten keines Blickes, verschwinden im Kraftwerksgebäude. Die Deutschen blicken irritiert.

Nikolai erzählt, dass immer noch 3500 Menschen im AKW am Rückbau der Anlage arbeiteten. „Es sind gute Jobs“, sagt er. „Zwei Wochen Arbeit, zwei Wochen frei, dazu super Bezahlung und viel Urlaub.“

Demnächst wird es noch betriebsamer: Wegen der Risse in der Hülle und der Einsturzgefahr des Reaktors soll für 740 Millionen Euro ein neuer Sarkophag über den alten gebaut werden. Weil den Arbeitern Verstrahlungen drohten, wenn sie direkt am AKW bauen würden, wird abseits eine 100 Meter hohe Halle konstruiert, die auf Schienen über den alten Mantel geschoben werden soll. 100 Jahre soll sie Schutz bieten. Das Cäsium ist in 300 Jahren noch gefährlich.

„Das ist das Beunruhigendste, auch für Japan“, sagt Smital. „Selbst bei so viel Aufwand und Kosten ist keine Lösung dauerhaft.“ Niemand weiß, wieviel Brennstoff noch in Reaktor 4 liegt. Experten schätzen, dass 1986 nur fünf Prozent entwichen sind. Die verbliebenen Brennelemente sind bis heute nicht entladen. Tschernobyl bleibt eine Zeitbombe.

Beeilung bitte! Nikolai treibt die Besucher an, nicht wegen der Strahlung, sondern wegen des Zeitplans. Im Bus macht sich Ernüchterung breit: die blitzblanke Straße, der akkurate Rasen, die vielen Arbeiter – obwohl man dem Wrack nicht mehr näher kommen kann als hier, stellt sich kein Gespür für die Gefahr ein. „Ich fühle keine Strahlung“, hatte Hanna gesagt. Ausgerechnet hier versteht man sie.

Das ändert sich schlagartig, als Nikolai aus dem Fenster zeigt: „Da beginnt Prypjat.“ Und tatsächlich, nach einem weiteren Schlagbaum rollt man über genau jene Allee, die vorhin im Video zu sehen war. Doch die breite Betonstraße, an der einst die modernen Straßenlaternen Spalier standen, ist nun vom Wald überwuchert. Dem Bus bleibt ein schmaler Pfad zwischen riesigen kahlen Pappeln, aus denen die Laternen nur noch gespensterhaft hervorlugen.

Nikolai führt durch die Stadt: Hier war das Restaurant, dort der Kulturpalast, da die Post – aber zu sehen sind nur bleiche Plattenbauten, die bröckeln, den Putz verlieren, von Moos und Rost überzogen, von riesigen Wasserflecken. Hinter toten Fenstern erkennt man Möbelreste. In Schulen und Krankenhäusern liegen noch Spielzeugpuppen. Noch immer ist der Staub in den Gebäuden so hoch mit Cäsium belastet, dass sich hier niemand länger aufhalten darf und jeder Besucher eine Atemmaske tragen muss. Dass aus einer lebendigen Metropole über Nacht diese Geisterstadt wurde, diese Vorstellung macht das Grauen plastisch.

Zum schaurigen Sinnbild der Katastrophe wurde der Rummelplatz von Prypjat: Autoscooter, Schiffsschaukeln und ein gewaltiges Riesenrad sollten am 1. Mai 1986 eröffnet werden. Vier Tage vorher wurde die Stadt evakuiert. „Die Menschen haben Prypjat überstürzt verlassen. Ihnen wurde ja gesagt, die Busse bringen sie erstmal fort, aber nach zwei, drei Tagen wieder zurück“, erzählt Mykola Isaiev. Er erlebte 1986 die Evakuierung von rund 130?000 Menschen mit, darunter seine Frau und die beiden Kinder – er selbst blieb zurück. Heute hat ihn Greenpeace eingeladen, damit er von damals berichtet. Isaiev, 55, ein untersetzter Mann mit rundem Kopf, dünnem Scheitel und großer Brille, gehörte zu den AKW-Angestellten, die 1986 die Folgen des Unfalls beseitigten: die Liquidatoren. Das brachte ihm viele Verdienstorden ein, aber auch chronische Gelbsucht, heftige Allergien, Asthma, Durchblutungsstörungen. Sie brauchten Männer wie ihn, der seit 1977 als Ingenieur im Kraftwerk gearbeitet hatte. Er kannte Kühlsystem, Elektronik, Rohr- und Stromleitungen. Sein Team flickte, was zu flicken war, schickte die Helfer, die die Sowjetführung zu Hunderttausenden abkommandierte, an die Einsatzorte.

"Das war Krieg"

Zuerst mussten die tödlich glühenden Brennelemente, die die Explosion herausgeschleudert hatte, zurück in den Reaktor. Mykolas Blick wird starr, als er von den jungen Soldaten erzählt, die er bis zum Dach führte. Ein Signal ertönte, sie hatten 45 Sekunden, hinaus zu rennen und die Brennstäbe mit Schaufeln in den Krater zu schippen. Wussten sie, dass es eine Todesmission war? „Sie ahnten es“, sagt Isaiev. „Aber im Krieg opfern sich Soldaten auch, um ihr Volk zu retten. Und das war Krieg.“ Die Liquidatoren der ersten Stunde starben binnen Tagen. Heute sind von den 830?000 Ersthelfern schon mehr als 112?000 tot, 90 Prozent sind krank. Sie opferten sich aber auch im Wissen, dass für ihre Familien gesorgt sei, sagt Mykola. Das hatte die Sowjetunion versprochen. Nur gab es ein paar Jahre später keine Sowjetunion mehr. Tschernobyl dürfte einer ihrer Sargnägel gewesen sein.

Umso grotesker wirken die Sowjetparolen und -embleme, die heute in Prypjat verwittern: Symbole einer untergegangenen Welt. Mykola kehrte nur einmal mit einem TV-Team zurück, seinen Kindern hat er es verboten. Zu gefährlich, sagt er. Er schenkte ihnen ein Album mit Fotos aus den guten Tagen.

"Wie viele solcher Geisterstädte wird es um Fukushima geben?“, fragt Tobias Münchmeier von Greenpeace, als die Gruppe Prypjat verlässt. Seine Kollegen in Japan erzählen, dass auch dort die Strahlung noch 50 Kilometer vor Fukushima schädlich ist. „Die Regierung hätte die Menschen viel früher so weiträumig evakuieren müssen wie damals die Sowjets.“ Auch was offene Informationen angeht: Japan habe nichts aus Tschernobyl gelernt.

Klack-klack, klack-klack, piep, der Nächste. Routiniert durchlaufen die Arbeiter aus dem Sperrgebiet auf dem Heimweg die Schleuse am Zonen-Ausgang: Auf die Tritte steigen, klack-klack, Hände an die Scanner, klack-klack, dann das Signal für „nicht kontaminiert“: piep.

Die Menschen strömen aus der Zone wie aus einer S-Bahn. Sie lassen ein Gebiet hinter sich, in dem einst Hunderttausende lebten. Heute Nacht bleiben nur ein paar Dutzend zurück: Hanna, die schon so lange keine Kinder mehr gesehen hat. Nikolai, dem nun nur zwölf Tage bleiben, bis er die mehrstündige Fahrt in seine Heimatstadt antritt.

Wenn die Menschen das AKW stillgelegt und ummantelt haben, wird in der Zone nur noch der Wald sein. In seinem Boden sind fast 800 Atommülllager; 1986 mussten die Menschen den strahlenden Schrott schnell loswerden und haben ihn einfach zwischen den Birken verscharrt. Allein dadurch bleibt die Sperrzone für Jahrhunderte eine Todeszone. Der Wald wuchert. Die Menschen haben sich selbst verdrängt.

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