Spanien

Leben und sterben lassen

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Bald können in Spanien nicht mehr alle Fälle behandelt werden.

Zurzeit kann man nicht allgemein sagen, dass es einen Kollaps der spanischen Intensivstationen gibt“, sagte am Freitag der Arzt Pedro Rascado von der Universitätsklinik in Santiago de Compostela. „Aber es gibt Krankenhäuser, die in einer komplizierten Lage sind.“ Und sie wird täglich komplizierter. Die Zahlen vom Sonntag: insgesamt 28 572 positiv Getestete, 1720 Tote. Die Zahl der Toten ist damit an einem Tag um 394 gestiegen, die der Intensivpatienten um 173 auf 1785. Am Sonntag gab die Regierung bekannt, dass die Ausgangssperre um zwei Wochen bis zum 11. April verlängert werden soll.

Die Spanische Gesellschaft für Intensivmedizin, Semicyuc, hat einen ethischen Leitfaden für die Entscheidungsfindung in Ausnahmesituationen während der Covid-19-Krise herausgegeben. „Eine Person aufzunehmen, kann bedeuten, einer anderen Person, die davon mehr profitieren würde, die Aufnahme zu verweigern“, heißt es. Das Prinzip „Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt“ müsse vermieden werden. Unter zwei ähnlichen Patienten müsse derjenige bevorzugt werden, der mehr gute – in der Fachsprache: qualitätskorrigierte – Lebensjahre vor sich habe.

Das gilt in jeder Krisensituation. In dieser Epidemie müssen solche Entscheidungen bald täglich, vielleicht stündlich getroffen werden. Wahrscheinlich werden sie jetzt schon getroffen.

„Das ist der Krieg“

Die Zahl der Toten im Verhältnis zur Zahl der positiv Getesteten ist in Spanien besonders hoch. Die derzeitige Todesrate von sechs Prozent widerspricht allen Erwartungen. Der Hauptgrund ist die niedrige Zahl der Tests: Man weiß nicht, wie viele Menschen in Spanien wirklich infiziert sind. Mutmaßlich vielfach mehr als die bisher positiv Getesteten. Die Regierung verspricht seit Tagen, dass „in den kommenden Tagen“ mehr getestet werde.

Dass so viele Menschen sterben, ist aber auch Folge des jetzt schon überforderten Gesundheitssystems. „Ich habe nie etwas Ähnliches erlebt“, sagte ein Intensivmediziner aus der Madrider Vorstadt Getafe der Zeitung „El País“. „Wir kommen nicht mehr nach.“ María Antonia Estecha, Ärztin in einem Krankenhaus in Málaga, berichtete: „Die Arbeit ist immens, erschöpfend, anstrengend.“ Eine Krankenschwester aus Madrid betonte: „Wir stehen unter gewaltigem Stress. Und leben immer mit der Angst, uns anzustecken.“ Celia González, Anästhesistin aus Bilbao, sagte: „Das ist der Krieg, den unsere Generation erlebt.“

In Madrid ist ein Notlazarett für bis zu 5000 Patienten entstanden. Die Regierung kündigte an, 50 000 zusätzliche Ärzte und Pfleger zu aktivieren.

Am Samstag veröffentlichten 70 Fachleute eine Petition mit der Forderung, die Quarantäne zu verschärfen. Die bisher getroffenen Maßnahmen „werden nicht ausreichend sein, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern“.

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