Judith Kerr floh mit ihrer Familie 1933 vor den Nazis über die Schweiz und Frankreich nach Großbritannien.
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Judith Kerr floh mit ihrer Familie 1933 vor den Nazis über die Schweiz und Frankreich nach Großbritannien.

Judith Kerr

Das Leben nicht verschwenden

Judith Kerr war neun, als ihre Familie vor den Nazis aus Berlin floh. Jetzt ist sie 93, hat gerade ein neues Kinderbuch veröffentlicht und nie die Aufforderung ihres Vaters vergessen: Du musst glücklich werden.

Von Cornelia Geißler

Von ihrem Hotelfenster aus könne sie über ganz Berlin gucken, sagt Judith Kerr. Aber da übertreibt sie. Sie wohnt im zehnten Stock eines Gebäudes nahe dem Kurfürstendamm. Es ist Judith Kerrs Art, die Welt freundlicher zu betrachten, als sie eigentlich ist. Sie kann von dem Fenster nicht einmal bis zum Grunewald gucken, wo sie früher wohnte, in der Douglasstraße 10.

Als sie neun Jahre alt war, ging die Familie dort weg, nur mit etwas Reisegepäck. Sie verließ Deutschland einen Tag vor der Reichstagswahl am 5. März 1933, praktisch in letzter Minute. Judith Kerrs Vater Alfred Kerr war der bedeutendste Theaterkritiker der Weimarer Republik, zugleich ein scharfsichtiger Journalist und Schriftsteller, der die Gefährlichkeit der NSDAP früh erkannt und benannt hatte.

Also sahen die Nationalsozialisten ihn als ihren Feind an. Außerdem war er Jude. Von einem Polizeibeamten anonym gewarnt, verließ er Berlin über Nacht, sogar mit Fieber. Seine Frau Julia, sie war Komponistin, und die Kinder Judith und Michael brachen kurz darauf nach Zürich auf, wo die Familie wieder zusammenkam und eine Weile in der Schweiz auf dem Land lebte.

Es ist leicht auszurechnen, wie alt Judith Kerr heute ist, 93 Jahre. Beim Treffen im Hotel trägt sie ein elegantes graues Kleid und eine Perlenkette, ihre weißgrauen Locken sind nach hinten gekämmt. Sie hat in Berlin ihr neues Buch vorgestellt. Es ist keine große Sache für sie, als der Fotograf sie bittet, sich an einen anderen Tisch zu setzen. Flink geht sie hinüber, zuppelt ein bisschen am Kleid, denn an ihrem Bein klebt ein Pflaster. Als sie merkt, dass diese Geste beobachtet wird, zeigt sie ein zweites Pflaster vor, am Arm, und lächelt. Judith habe sich ein bisschen verletzt, ihre Haut sei so dünn, flüstert ihre Londoner Agentin.

Der Verlag HarperCollins lässt seine greise Autorin nicht mehr allein reisen. So kommt es, dass Judith Kerr manchmal mitten im Satz Englisch spricht, wenn sie nämlich der Agentin eine Frage stellt. Dann geht sie wieder zum Deutschen zurück, der Sprache, die sie mit ihrem Vater verband, als sie schon in England heimisch war. Die sie nicht an ihre Kinder weitergegeben hat, wegen ihres Mannes, dem britischen Schriftsteller Nigel Kneale: „Es muss doch merkwürdig sein, mit den Kindern eine Sprache zu sprechen, die der Vater nicht versteht.“

Alles, was in der Wohnung der Kerrs im Grunewald geblieben war, wurde von den Nazis konfisziert. „Das Klavier war weg … die Vorhänge im Esszimmer mit dem Blumenmuster … ihr Bett, alle Spielsachen, auch das rosa Kaninchen. Es hatte schwarze, aufgestickte Augen – die Glasaugen waren schon vor Jahren ausgefallen – und es sackte so reizend zusammen, wenn man es auf die Pfoten stellte.“ Judith Kerr hat ihre Flucht aus Deutschland, das Exil in der Schweiz, in Frankreich und schließlich in London in einem Buch für Kinder als Abenteuer erzählt. Es machte sie weltberühmt: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erschien 1971 im Original, zwei Jahre später auf Deutsch.

So etwas gab es bis dahin noch nicht. Kerr erzählt aus dem Blickwinkel des Mädchens, das sie damals war. Das Grauen ist anwesend, doch gefiltert durch die Wahrnehmung eines Kindes, das jede neue Situation mutig angeht. “‚Ist ein Flüchtling jemand, der von zu Hause hat weggehen müssen?‘, fragte Anna. ,Jemand, der in einem anderen Land Zuflucht sucht‘, sagte Papa.“ Mehr als 1,3 Millionen Mal wurde das Buch in Deutschland verkauft. Seine erzählerische Kraft hat es bewahrt und erlebt deshalb immer noch Neuauflagen.

Judith Kerrs Lebensgeschichte gehörte zu denen, die im Juni in einer Ausstellung der Berliner Akademie der Künste dokumentiert wurden: „Kinder im Exil“. Zuvor hatte eine Willkommensklasse aus Weißensee sich mit den Büchern Judith Kerrs beschäftigt. Was ist eine Willkommensklasse, fragt sie im Gespräch nach. Und ja, sie findet es ganz wichtig, sich um die Kinder zu kümmern, denn die könnten helfen, dass die Familien Wurzeln schlagen im neuen Land. „Kinder wollen doch immer dazugehören.“

"Ich wollte nicht anders sein"

Sie erzählt von ihrer ersten französischen Schule, in die sie ging, als die Familie aus der Schweiz weiter nach Paris geflohen war. Ein Lehrer, der ein bisschen Deutsch konnte, habe damals mit ihr in ihrer Muttersprache sprechen wollen. „Er hat es gut gemeint, doch ich habe mich versteckt. Ich wollte lieber nicht Französisch können, aber so weit wie möglich es probieren. Ich wollte nicht anders sein. Das ist bei allen Kindern so. Die Eltern gehören vielleicht nie in das neue Land, aber die Kinder immer.“

An diesem Donnerstagvormittag saßen auch Schüler der Judith-Kerr-Grundschule im Großen Saal des Hauses der Berliner Festspiele. Das Literaturfestival läuft, der Saal ist erstmals ganz voll, die Kinder jubeln der Autorin zu. Die Judith-Kerr-Grundschule ist eine Europaschule mit französischem Zweig. Seit ein paar Jahren hat auch London seine Judith-Kerr-Schule – dort wird intensiv Deutsch unterrichtet. Bei der Fragerunde will ein Junge wissen: „War das Kaninchen echt?“ Ja, das gab es wirklich, sagt Judith Kerr, es war schon ein bisschen alt. Und die Augen habe es verloren, weil ihr Bruder damit Fußball gespielt hatte. Ein Raunen geht durch den Saal.

Judith Kerr weiß, dass es auf Details ankommt, wenn man anschaulich erzählen möchte. Das kommt vermutlich von ihrem ersten Beruf, den sie gern als ihren eigentlichen angibt – sie ist Zeichnerin. Nach dem Krieg hatte sie an der Central School of Arts and Crafts studiert, dann als Zeichenlehrerin gearbeitet. Weil sie nicht nur unterrichten wollte, ging sie auf ein Angebot ein, bei der BBC Drehbücher zu lektorieren. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Als sie Kinder bekam, blieb sie zu Hause. Im Gespräch passiert ihr an dieser Stelle ein lustiger Fehler. „Ich wollte meine Kinder selbst bedrohen“, sagt Judith Kerr, „nein, bedrohen ist ganz falsch.“ Betreuen ist das richtige Wort. Sie lacht über sich selbst. Sie spreche gerne deutsch, müsse die Sprache aber immer erst wiederfinden.

Als die Kinder in die Schule kamen, sei es ihr langweilig geworden. Da schrieb sie eine Geschichte auf, die sie ihrer Tochter vorher oft erzählt hatte, „Ein Tiger kommt zum Tee“, und zeichnete ausdrucksstarke Bilder dazu. Diesem witzigen bunten Erstling um einen Überraschungsbesuch folgten viele Bilderbücher über einen etwas schusseligen Kater Mog, in dem zusammenfloss, was sie im Laufe der Jahre mit ihren Katzen erlebt hat. In Artikeln über Judith Kerr in englischen Zeitungen ist immer zuerst von der Autorin der Mog-Bücher und des Tigers die Rede, obwohl auch dort das rosa Kaninchen hoch angesehen ist.

Noch ein anderes Tier ist in der Kerr’schen Wohnung in Berlin zurückgeblieben. Ein ausgestopftes Robbenbaby. „Es machte mir großen Spaß, mich auf ihn zu setzen und sein Fell zu streicheln“, schreibt sie im Nachwort ihres jüngsten Buches „Ein Seehund für Herrn Albert“. Mit dem Buch ist sie auf dem Festival zu Gast. Im Hotel macht sie mit beiden Armen eine Kreisbewegung, mit der sie die Größe des Tiers andeutet. Alfred Kerr hatte als junger Mann in der Normandie einen Fischer begleitet, der Seehunde erschoss, weil die zu viele Fische fraßen. Als er versehentlich ein Muttertier erwischte, hätte er dessen Baby ebenfalls töten müssen. Ihr Vater nahm es mit nach Berlin, wo er es vergeblich beim Zoo unterzubringen versuchte. Judith Kerr erzählt diese Geschichte nun abgewandelt und mit einem guten Ende.

Herr Albert und der Seehund

In ihrem Werk fehlte etwas für Achtjährige, „die schon lesen können, die sich aber noch nicht trauen, mit 250 Seiten anzufangen“, sagt sie. Für die wollte sie immer etwas machen. Auch habe es sie gereizt, einmal nur mit dem Bleistift zu arbeiten. „Ich habe sehr ängstlich angefangen, aber als ich halbwegs fertig war, dachte ich, jetzt muss ich es zu Ende schreiben.“ Der Herr Albert nimmt also den jungen Seehund mit in die Stadt, hält ihn auf dem Balkon und in der Badewanne, so dass die Wohnung in der Etage darunter Wasser abbekommt, was ihm die Bekanntschaft seiner reizenden Nachbarin beschert: Gemeinsam retten sie das Tier und einen Zoo gleich mit. Von einem missgünstigen Hausmeister und Leuten mit großem Herzen erzählt dieses kleine Buch, von glücklichen Zufällen und Beharrlichkeit, von der Liebe zu Tieren und zwischen Menschen.
Es passt in das Werk einer Frau, die sich den guten Blick auf die Zukunft verordnet hat. In seinem letzten Brief an Judith schrieb Alfred Kerr: „Du musst glücklich werden. Tu es.“

Ihr Vater starb, nachdem er nach dem Krieg noch einmal in Hamburg im Theater war. Ihre Mutter ging nach Deutschland zurück. Michael und Judith Kerr blieben in London. Sie erzählt, dass sie sich mit „dem Michel“ damals über ein Buch des Amerikaners John Hersey unterhielt, „The Wall“. Es sei das erste gewesen, das persönlich erzählte, nicht über das Schlimmste, über die Lager, sondern über das Warschauer Ghetto. „Wir haben damals beide gedacht, dass wir das Leben nicht verschwenden dürfen. Nicht nur wegen unserer Eltern, sondern wegen all dieser Menschen, die alles gegeben hätten, um ein bisschen mehr Zeit zum Leben zu haben. Dieses Gewissen hatten wir immer im Hinterkopf. Wir wollten das Leben so gut wie möglich nutzen.“

Fragen, die ein „noch“ beinhalten, das auf ihr Alter gemünzt ist, lächelt sie weg. Sie gehe viel spazieren und denke nach, dann setze sie sich wieder an ihren Zeichentisch oben in ihrem Haus. Sie sei ja nun allein, ihr Mann ist vor zehn Jahren gestorben, da müsse sie sich beschäftigen.

Was sie über ihre jetzige Katze zu erzählen habe, würde ihr aber keiner glauben. Die gehe mit grünen Bohnen so um, als wären es Mäuse. „Sie behandelt Bohnen wie Beute!“ Ob sie noch mehr Bücher schreiben werde, möchte ein Junge von Judith Kerr nach der Lesung wissen. „Natürlich, ich bin doch erst 93.“

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