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„Egal, wie schlimm es ist“, sagt Merle Meier, „man sollte die Kraft finden, durch den Abgrund zu gehen. Weil es sich lohnt.“ privat

Suizid

Leben und leben wollen

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Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als 200 Jugendliche durch Suizid. Die Ursachen: Liebeskummer, Unsicherheit, Depression, Gewalt. Doch Prävention ist möglich und wirksam – wenn die Bezugspersonen mithelfen.

Der französische Schriftsteller und existenzialistische Philosoph Albert Camus schrieb einst in einem bezeichnend als „Mythos des Sisyphos“ betitelten Essay: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten.“

Merle Meier antwortet auf diese Frage heute: „Das Leben ist einfach wundervoll.“ Sie lacht. Doch die gleiche Frage hatte die heute 38-jährige Psychotherapeutin vor rund 20 Jahren in einer tief empfundenen Leere und Depression aufs Äußerste verneint. Ihre Geschichte ist einzigartig und scheint dennoch wie stellvertretend dafür zu stehen, wie sich in einem jungen Menschen eine Spirale losdreht, die im extremen Falle im Suizidversuch enden kann.

Es ist ein verregneter Nachmittag, Merle Meier öffnet die Tür ihres Bungalows in einem Dorf nahe Hannover. Dass ihr Eigenheim keine Etage hat, liegt an der Querschnittslähmung, die sie bei ihrem Selbstmordversuch erlitten hat. Grund für den Selbstmordversuch, wie sie ihn sogleich offen und ohne Umschweife schildert, war eine Depression, an der sie zuvor fünf Monate lang gelitten habe und die „mit jedem Tag schlimmer wurde“. Mit 17 Jahren beginnt sie, gegen ihre Eltern zu rebellieren und lässt sich mit einem älteren „Typen ein, der sich gern geschlagen hat“. Doch einmal schlägt er auch sie, demütigt sie – und das junge Mädchen macht sich dafür selbst verantwortlich. „Ich war psychisch ein Wrack, habe mich als Nichts gefühlt und habe eine Psychose entwickelt. Meine eigentliche Welt habe ich nicht ausgehalten, so dass ich mich im Kopf in eine bessere Welt geflüchtet habe. In der Psychose entwickelt sich ein Gefühl, dass ich die Welt beherrsche. Mit der Krankheit ging es mir gut.“ Doch nach einem kurzen Klinikaufenthalt rutscht sie aus der Psychose in die Depression.

Die sich vertiefende Depression „war ein Empfinden, wie wenn in mir nichts mehr passiert, kein Gut und kein Schlecht, kein Wollen mehr und kein Gefühl. Es war, wie wenn man innerlich tot ist – obwohl die Hülle, also ich, noch lebte.“

In dem Moment, da sie dies ruhig, beinahe nüchtern erzählt, klingelt das Telefon. Die Melodie des Klingeltons scheint wie ein trotziger Kontrast zu den eben gesprochenen Worten: Es ist das Pippi-Langstrumpf-Lied „2 mal 3 macht 4 / Widdewiddewitt und Drei macht Neune / Ich mach’ mir die Welt ...“. Meier drückt den Anruf weg. „In dem Moment“, fährt sie fort, „als nichts mehr in mir war, als ich merkte, ich bin nur noch existent – da war das Gefühl da, ich muss den letzten Schritt gehen und mich umbringen.“

„Suizidgedanken aus der Tabuzone holen“, das ist für Psychotherapeutin Christa Rempe-Zurheiden der entscheidende Schritt, um Jugendlichen zu helfen. 

Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 800 000 Menschen das Leben, in Deutschland sind dies Jahr für Jahr beinahe 10 000 Menschen. Das sind mehr Tote, als jährlich bei Verkehrsunfällen, durch Drogenmissbrauch und den tödlichen Verlauf einer HIV-Infektion zu beklagen sind. Unter den Suizidtoten sind jedes Jahr mehr als 200 Jugendliche unter 19 Jahren – mindestens. Denn laut Fachleuten dürfte die tatsächliche Zahl noch weitaus höher liegen. Viele als Unfälle gelistete Todesfälle sowie Drogentote nach Überdosen dürften als Suizide zu werten sein. Die Zahl der versuchten Selbsttötungen dürfte dabei rund zehn bis 20 Mal höher liegen als die der vollendeten Suizide; die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht gar von 100 bis 200 mehr Versuchen als den statistisch bekannten. Während Mädchen wesentlich häufiger Versuche unternehmen, sterben deutlich häufiger Jungen denn Mädchen durch Suizid – das Verhältnis liegt bei drei zu eins. Als Ursache gilt hier, dass Jungs in ihrer Sozialisation stärker verinnerlichen, dass sie hart sein müssen und eher nicht nach Hilfe rufen sollen – sie wählen daher auch häufiger sogenannte harte Methoden.

Ein Drama, ein Skandal, ein ungelöstes Problem – und ein verschwiegenes dazu. Auch deshalb machen engagierte Praktiker und Aktivisten alljährlich am 10. September mit dem seit 2003 bestehenden „Welttag der Suizidprävention“ mit Aktionen auf das Problem aufmerksam. Denn auch wenn die Fachwelt inzwischen viel über die Ursachen für Suizidalität – die weit gefasste Gefährdung einer Person durch Suizid – weiß, so gibt es nach wie vor zu wenig verbreitetes Wissen über den Umgang und therapeutische Interventionen. Das gilt insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Die Nicht-Fachwelt ist sich des Problems der suizidalen Jugendlichen noch weniger bewusst. Eltern und auch die Schulen verdrängen das Problem oftmals ebenso wie das Thema Depression, die ein erheblicher Faktor für Suizidalität ist – nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden etwa drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren an einer Depression.

Die Ursachen für suizidale Handlungen sind dabei äußerst komplex und selten auf einen einzelnen Faktor reduzierbar. Nach einer umfassenden Untersuchung mit rund 15 000 Jugendlichen in den USA entwickelten Daniel Perkins und Glen Hartless ein „ökologisches Risikofaktorenmodell“. Demnach spielen individuelle, familiäre und extrafamiliäre Bezugsebenen (Schule, Peergruppe, Nachbarschaft) ebenso eine Rolle wie jene des Makrosystems – kulturelle Codes, Medien, Öffentlichkeit. Der Befund der Studie: Es ist von großer Bedeutung, alle Faktoren gleichzeitig zu beachten und explizite Probleme etwa in Familie und Schule oder individuelle Aspekte, etwa die geheim gehaltene Homosexualität, nicht separat zu betrachten. Und: Es geht um eine Einstellung der Außenwelt, die den Suizid und den Versuch nicht als pathologische Handlung sieht. Vielmehr müsse „Respekt vor der Entscheidung des Kindes oder Jugendlichen zum Suizid einerseits und der ihm unterstellte Wunsch nach Leben andererseits jeden Umgang mit Kindern in einer suizidalen Krise prägen“, schreibt der auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Psychiater und Psychotherapeut Wilhelm Rotthaus in seinem Buch „Suizidhandlungen von Kindern und Jugendlichen“.

Wie komplex dies ist, weiß Christa Rempe-Zurheiden nur zu gut. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin ist Leiterin einer Beratungstelle im Zentrum von Hannover und arbeitet seit 28 Jahren mit suizidgefährdeten Jugendlichen. Man müsse zunächst „zwischen Ursachen und Auslösern“ von Suizidgedanken und -versuchen unterscheiden, sagt sie im Gespräch. „Auslöser sind häufig spontan, etwa Mobbing, Gewalt durch Gleichaltrige oder Liebeskummer.“ Die eigentlichen Ursachen lägen indes meist tiefer. „Die erfahren wir in der Regel erst nach mehreren Gesprächen: geringes Selbstbewusstsein, Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, fehlende positive Einstellungen zur eigenen Geschlechtsidentität, mangelnde Beziehung oder anhaltende Gewalt in der Familie. In der Regel ist es also eine längere Problemgeschichte“, sagt die Therapeutin.

Ebenso komplex wie die Ursachen ist auch der notwendige Umgang damit, die Beratung oder die Therapie. „Wenn Jugendliche sagen: Ich will nicht mehr leben, heißt das in der Regel: Ich will so nicht mehr leben, wie ich gerade lebe, sondern ich will anders leben“, sagt Rempe-Zurheiden. Es gelte dann, herauszufinden, was dies im Einzelfall genau bedeutet – und Perspektiven zu entwickeln. „Und: Es geht immer auch darum, den Kreis der Personen zu erweitern, die von dem Problem wissen. Das können Freunde sein, Seelsorger, Therapeuten, eine gute Tante, der ältere Bruder – damit bricht die Schweigemauer, wir holen Suizidgedanken oder auch Depression für den Jugendlichen aus der Tabuzone raus“, so Rempe-Zurheiden. Denn beim Thema Suizid finde in der Regel „eine Einengung statt, weil die Person das Gefühl entwickelt: Mir kann sowieso keiner helfen.“

Eine entscheidende Rolle dafür, dass Jugendliche aufgefangen oder eine erfolgreiche Therapie durchlaufen können, spielt die psychische Widerstandskraft – die Resilienz. Denn ungünstige Umweltbedingungen lassen sich als solche nicht allesamt verhindern. Fundamental ist daher die Stärkung der jungen Menschen, mit diesen umgehen zu können. „Dabei sollte die Familie als Ganzes in ihren Fähigkeiten gestärkt werden, Probleme zu bewältigen“, schreibt Rotthaus. „Die Beziehung zu den Eltern ist der stärkste und konsistenteste Schutzfaktor gegen Suizidverhalten von Kindern und Jugendlichen, auch im Vergleich zur Beziehung zu Gleichaltrigen.“

Merle Meiers Eltern konnten den Sturz ihrer Tochter von einem Hochspannungsmast nicht verhindern, auch wenn sie sich voll für deren Heilung der Depression einsetzten. „Eltern geben immer das Beste, was sie können. Wenn sie es besser könnten, würden sie es tun – das ist ein Grundsatz.“ Dieser habe sich für sie nach dem Selbstmordversuch mehr denn je bewahrheitet – die Eltern opferten sich für ihre Tochter auf. Und die erlebte zunächst die „Hölle“. „Ich wusste: Ich bin ein Krüppel. Ich fragte mich: Wieso habe ich es verdient, zu überleben? Das Gefühl damals war noch schlimmer als vor dem Selbstmord. Es war ein Trauma, das ich später behandeln lassen musste.“

Doch aus dieser Hölle kommt sie wieder heraus. „Mit der Tatsache, dass ich lebe, konnte ich dank einer anderen Psychiaterin und der Psychopharmaka recht schnell wieder zurechtkommen. Und zu der Querschnittslähmung redete ein feinfühliger Arzt in der Reha zu mir Tacheles: Sie werden nie wieder laufen können, sagte er – aber wir machen Sie so fit, dass sie Ihr Leben selbstständig gestalten können. Das war zu dem Zeitpunkt die härteste Aussage, die ich hören konnte, aber auch die Beste, weil ich mir nun vornahm: Gut, dann arbeite ich an meinem Körper.“

Sie habe viel geweint, viel nachgedacht – aber in die Depression sei sie nicht mehr gerutscht. Auch hegte sie von diesem Zeitpunkt an keine Suizidgedanken mehr: „Ich dachte: Vielleicht sollte es nicht sein, dass ich sterbe?“ Diese Frage hat sie sich mit ihrem Leben bis heute selbst beantwortet. Merle Meier hat sich ins Leben zurückgekämpft, eine Ausbildung und ein Studium absolviert, sie ist heute glücklich verheiratet, arbeitet als selbstständige Heilpraktikerin für Psychotherapie, systemische Therapeutin und als Sozialberaterin in Teilzeit in der Verwaltung. „Egal, wie schlimm es ist, welche schlimme Krankheit man hat, man sollte die Kraft finden, durch den Abgrund zu gehen. Weil es sich lohnt.“

Die Zahl der Suizidtoten je 100 000 Einwohner in Deutschland ist nach Angaben der WHO seit 1990 – auch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen – tendenziell gesunken. Psychotherapeutin Rempe-Zurheiden sagt: „Heutzutage wird Beratung stärker angenommen als noch in den 1980er und 1990er Jahren, die Barrieren bei jungen Menschen, Hilfe zu suchen, sinken. Aber auch Lehrkräfte schauen genauer hin.“ Nach dem Hinschauen gelte es, die Menschen anzusprechen: „Es gibt die klassische Befürchtung, dass wenn ich einen Jugendlichen nach Selbstmordgedanken frage, ich ihn erst dazu bringe“, sagt Rempe-Zurheiden. „Doch das ist nicht wahr, niemand wird durch so eine Frage zum Suizid kommen. Für denjenigen heißt so eine Frage vielmehr: Ich werde gesehen. Auch wenn ich dann mit der Scham umgehen lernen muss, die der Jugendliche womöglich spürt: Schlimm ist das Übersehenwerden – das Gesehenwerden nicht.“

Merle Meier hat sich vor einem Jahr komplett sichtbar gemacht – und ein Buch über ihren Suizidversuch und ihren Kampf fürs Leben geschrieben. Es heißt: ‚Mein Selbstmord ist mein Anfang‘. „Der offene Umgang damit, mit dem Schlimmsten, was mir widerfahren ist, ist mir Rückhalt, damit ich andere unterstützen kann“, sagt sie. Seit der Buchveröffentlichung klopfen auch Jugendliche an ihre Tür, die Suizidgedanken hegen oder Suizidversuche hinter sich haben. „Ich bin mit den Betroffenen auf Augenhöhe, das schafft eine besondere Nähe. Und bei den meisten sind es Hilferufe.“ Daher, sagt sie, „muss das Thema Suizid unter Jugendlichen frontal aus der Tabuzone raus.“

Suizidprävention

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Jahr 2003 den „Welttag der Suizidprävention“ am 10. September initiiert. 

Viele Suizidfälle gehen auf psychische Erkrankungen wie Depressionen zurück. Allein zehn bis 15 Prozent aller Menschen mit Depressionen sterben, indem sie ihrem Leben selbst ein Ende bereiten. In der Altersklasse der 15- bis 29-Jährigen ist nach Angaben der Europäischen Depressionsgesellschaft (EDA) Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache. 

Gefährliche Mythen: Es stimmt nicht, dass Personen, die einen Suizid begehen wollen, nicht darüber reden – 80 Prozent signalisieren ihr Vorhaben direkt oder indirekt, und das unabhängig vom Alter. 

Alarmzeichen können sein: sozialer Rückzug, Traurigkeit, Gleichgültigkeit, Verzweiflung, selbstverletztendes oder aggressiv-abwehrendes Verhalten, Äußerungen über Tod oder das Sterben. 

Hilfreich kann sein: Herstellung eines guten, vertrauensvollen Kontaktes; aufrichtiges, nicht bewertendes Zuhören, konkrete Fragen nach Suizidgedanken; das Vermitteln von Zuversicht, dass es Hilfe gibt; Vermittlung von professionellen Hilfsangeboten. 

Materialien und Infos zu Suizidprävention: Unter www.suizidpraevention.de sind Informationen des Nationalen Suizidpräventionsprogramms abrufbar. Zudem gibt es ein bundesweites Verzeichnis zu Beratungsstellen der Suizidprävention, zu finden unter www.suizidprophylaxe.de 

Wegen der hohen Nachahmerquote berichten wir über Suizide nur in ausgewählten Fällen.
Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Unter der Hotline 0800/111 0 111 sowie 0800/111 0 222 erhalten Sie Hilfe. (FR/dpa)

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