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Unter einer halben Million Euro ist eine mittlere Wohnung in den besseren Vierteln von Paris nicht zu haben.

Paris

Leben auf einem Quadratmeter

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Absurde Auswüchse der Wohnungsnot in Paris: In der Avenue Jean Moulin leben Mieter auf Flächen zwischen sechs und weniger als einem Quadratmeter. Kein Einzelfall, vermutet ein Hilfswerk.

Leben wie Gott in Frankreich, besagt ein Bonmot. Einzelne leben allerdings eher wie Schildkröten. Das sagt von sich jedenfalls José, Aushilfsangestellter einer städtischen Bibliothek, der aus Scham seinen Nachnamen nicht nennen will. Der 71-jährige Pariser wohnt im 14. Arrondissement, einem kleinbürgerlichen Stadtbezirk. Sein Wohnhaus in der Avenue Jean Moulin weist eine saubere Fassade auf und auch die Eingangshalle und das Treppenhaus zeugen von einer gepflegten Pariser Adresse.

José lebt im obersten Stockwerk, wo sich traditionellerweise die einstigen „Chambres de bonnes“, die Dienstbotenzimmer, befinden. Seine stark abgeschrägte Bleibe misst fünf Quadratmeter. Aber nur auf der Höhe der Steckdosen. Aufrecht stehen kann man in dem Kämmerchen einzig auf 0,9 Quadratmetern. So viel misst Josés offizielle Wohnfläche, die laut französischem Recht ab 1.80 Meter Höhe gemessen wird.

300 Euro Miete - für vier Quadratmeter

José hat sich in seinem Quadratmeter gut eingerichtet, auch wenn er sich oft auf allen Vieren bewegen muss. Nach eigenen Worten fühlt er sich „wie eine Schildkröte“, wenn er unter die niedrigsten Zimmerpartien krabbelt. Dort hat er seine geliebten Bücher verstaut – seine wichtigsten Abstellmöbel. Ein Bett hat der bewegliche Rentner nicht, da es an dem einzig freien Platz bei nassem Wetter in einen Kessel tropft. José entrollt abends einen Schlafsack, den er bei Regen verrutschen kann. Der aus Peru stammende Bibliothekar hat Übung darin, wohnt er doch seit 25 Jahren in seiner Kammer. Trotzdem fühlt er sich nicht so romantisch wie der arme Poet in dem berühmten Spitzweg-Gemälde. Immerhin zahlt er 250 Euro Miete im Monat.

Alltag in Paris? Zumindest auf Josés Stockwerk: Dort betragen die Wohnflächen der einzelnen Zimmer zwischen einem und sechs Quadratmetern. Thérèse, eine 28-jährige Archäologiestudentin, wohnt in vier Quadratmetern und zahlt dafür 300 Euro. Ähnlich der Koch Jamel (54), der bloß bedauert, dass er sich einzig an seinem Arbeitsplatz duschen kann. Daneben logieren auf dem Stockwerk drei Angestellte der berühmten Brasserie Zeller. Für sie alle gibt es am Ende des Etagenkorridors nur ein Stehklo, das schon bessere Tage gesehen hat. José geht sich dreimal die Woche im Schwimmbad des Viertels waschen.

Ans Licht sind diese Wohnverhältnisse erst gekommen, als sich ein Mieter bei der Stiftung Abbé Pierre nach der Rechtmäßigkeit seines Mietvertrags erkundigt hatte. Die Sozialarbeiter informierten ihn, dass es in Paris verboten sei, Wohnraum von weniger als neun Metern – stehbare – Fläche zu vermieten. Die Stiftung schätzt, dass in Paris dessen ungeachtet mehrere Tausende Wohnungen mit einer geringeren Fläche vermietet werden. Der Fall in der Avenue Jean Moulin sei leider „repräsentativ für die Missbräuche durch Mietwucherer“, vermeldete das Hilfswerk in der vergangenen Woche in einem Kommuniqué, nachdem es die Presse und die Behörden informiert hatte.

Der 80-jährige Einzelbesitzer des ganzen Wohnhauses an der Avenue Jean Moulin war schon mehrfach angehalten worden, die gesetzlichen Mindestflächen einzuhalten. Erst jetzt schaltet sich aber die Justiz ein. Sie stornierte die Mietzahlung und droht dem Eigentümer mit einer saftigen Busse und sogar Haft.

Am Rechtsrahmen fehlt es in Frankreich nicht. Ein Wohngesetz, das auf Betreiben des Präsidenten Emmanuel Macron Anfang 2019 in Kraft treten soll, erlegt Hausbesitzern neue Pflichten auf, für die Gemeinden schafft es sogar die Möglichkeit einer „Bewilligung zum Vermieten“. Die Pariser Rot-Grün-Regierung verzichtet auf dieses Dispositiv und zieht es vor, mehr Wohnkontrolleure anzustellen. Bürgermeisterin Anne Hidalgo sagt, in der Hauptstadt lasse sich das Problem nicht mehr nur durch neue Vorschriften lösen – der Wohndruck sei schlicht zu groß.

Das zeigt sich auch im Quadratmeterpreis, der heute in den besseren Pariser Vierteln 10.000 Euro übersteigt. Unter einer halben Million Euro kommt man beim Kauf einer mittleren Wohnung nicht mehr weg. Ähnlich teuer ist die Miete: Um die Avenue Jean-Moulin zahlt man für eine 100-Quadratmeter-Wohnung monatlich an die 3000 Euro – das Doppelte des französischen Salärdurchschnitts. Immer mehr junge Ehepaare mit Kinderwunsch ziehen deshalb in die Vorstädte von Paris – oder wohnen im Stadtzentrum auf immer kleinerem Raum. Der neueste Renner der Möbelgeschäfte sind ausklappbare Betten, die sich tagsüber in einen Esstisch verwandeln lassen.

Studenten und alte Menschen beklagen sich nicht, wenn sie in Paris wenigstens ein paar Quadratmeter zum Leben finden. Und sie zahlen dafür mehrere Hundert Euro, auch wenn sie wissen, dass das gesetzliche Wohnminimum von neun Quadratmetern keineswegs eingehalten wird - und dass es ab und zu hineinregnet.

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