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Was mache ich hier eigentlich, fragt sich Siri Hustvedt manchmal beim Schreiben. Die Antwort findet sie in den Seiten, die sie füllt: „Das Buch weiß es, es wird dich mitnehmen.“

Siri Hustvedt

„Das Leben ist eine optimistische Komödie“

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Siri Hustvedt ist Schriftstellerin und Essayistin, sie schreibt Romane und neurowissenschaftliche Artikel, mäandert zwischen Fiktion und Fakten. Und sie ist eine Frau in einer Welt, in der Frauen „nicht dazu gedacht sind, Intellektuelle zu sein“, sagt sie. Ein Gespräch über das Schreiben und Lesen, die Kraft der Erinnerung und die Neuverhandlung der Geschlechterrollen.

Frau Hustvedt, Ihr aktueller Roman „Damals“ erzählt von der Magie des Schreibens, die zu einer Magie des Lesens wird. Wie entfaltet sie sich, wenn Leserinnen und Leser in ein Buch versinken?
Was mit dir passiert, wenn du ein Buch liest, ist wirklich eine tiefgehende Frage. Eine Freundin von mir, die Neurologin ist, sagt: „Wenn du liest, bewegst du dich nicht.“ Mein aktuelles Buch hat nicht die besten Kritiken bekommen, doch ich bin tatsächlich sehr stolz darauf. Es war ein enormes Vergnügen, es zu schreiben. Ich vertraute dem Buch. Manchmal, wenn ich morgens zur Arbeit ging, fragte ich mich schon, was ich hier eigentlich mache. Die Antwort, die kam, war: „Das Buch weiß es, es wird dich mitnehmen.“ Und so ist es auch gekommen. Ein solches Buch lässt sich nicht im Voraus konzipieren. Es kam aus meinem tiefsten Innern und hat sich auf diese rhythmische Weisen ausgespielt.

Können Sie das näher erläutern?
Als Autorin hat mich etwas im Griff, noch bevor ich überhaupt mit dem Schreiben beginne. Virginia Woolf hat gesagt: „Rhythmus hat eine tiefgründige Bedeutung. Er ist zuerst da und macht, dass die Worte hinein passen.“ Sie betonte damit, dass die Worte erst hinterher kommen. Meiner Erfahrung nach stimmt das für alle kreativen Handlungen. Beim Schreiben bringe ich mit Hilfe des Rhythmus diese Vielfalt zusammen. Das kann ich nur darum tun, weil ich sie erfahren habe.

Wollen Sie damit sagen, dass diese Geschichte schon in Ihnen vorhanden war, bevor Sie sie zu Papier gebracht haben?
Ganz genau. Fiktion zu schreiben bedeutet sich an etwas zu erinnern, was niemals geschehen ist. Es ist wie ein Organismus. Die Geschichte hat eine Prä-Existenz und du musst sie herausziehen. Das letzte Wort ist schon vorhanden, bevor das erste entstanden ist. Inzwischen arbeite ich an einer neuen Erzählung. Ich weiß, sie ist da irgendwo und ich nähere mich ihr, will sie ans Licht holen. Wo sie herkommt? Von all dem, was sich da innen befindet – was du geliebt oder gehasst hast.

Diese Fähigkeit des Erinnerns ist eine aufregende Gabe. Mit Ihrem fundierten neuropsychiatrischen Wissen betonen Sie ebenso wie die moderne Forschung einen fließenden Übergang von Fiktion und Fakten. Was macht es mit uns, dass wir unsere Lebensgeschichte im Rückblick in gewisser Weise selbst neu entwerfen?
Auch darum geht es in meinem Buch: Die Umschreibung eines besonders schmerzhaften Ereignisses durch die Imagination. Es ist eine Art Rehabilitation, sowohl durch die Erkenntnis, dass unsere Erinnerungen von Fiktion durchwoben sind, als auch dadurch, dass die einzige Möglichkeit, uns etwas vorstellen zu können, durch Erinnerungen aus der Vergangenheit besteht. Wenn wir die nicht hätten, lebten wir mit dem Gefühl einer fließenden Gegenwart. Niemand kann eine Geschichte erfinden, ohne sich der Erinnerungen an die Vergangenheit zu bedienen. Wie wir uns unsere Zukunft vorstellen, prägt, wenn diese Zukunft schließlich da ist, was tatsächlich geschieht. Nehmen wir an, du wirst einen Freund zum Kaffee treffen. Du stellst dir den Ort vor und weißt, wie dein Freund aussieht. Du kannst diese Fakten abrufen. Aber auch deine Fantasie entscheidet darüber, was passieren wird. Falls ihr vorher einen Streit hattet, gehst du mit einem Gefühl der Bedrohung in das Treffen. Falls es ein gewöhnliches Treffen ist, freust du dich einfach darauf.

Wir schaffen also durch produktives Erinnern unsere Realität?
Ja, in diesem Sinne ist das Leben eine optimistische Komödie und keine traurige Tragödie. Neue Narrative zu finden bringt Heilung. Das sind dauch ie Techniken der Psychotherapeuten. Auch sie konstruieren ein neues Narrativ. Durch den Dialog mit dem anderen. Eine weitere emotionale Wahrheit zu finden macht daraus ein dynamisches Narrativ. Die meisten Menschen, die bei einem Psychologen landen, stecken in ihren eigenen Mustern fest, nicht wahr? Das sagte auch Freud: Die Leute erleben Schmerzen, weil sie wieder und wieder dasselbe machen.

„Das Gehirn ist der Körper und der Körper ist das Gehirn“, heißt es in Ihrem Buch. Der Körper könne sich eigenständig an alle Erlebnisse erinnern.
Das habe ich wirklich erlebt, in Form von Flashbacks. Bei einem Auto-Unfall 2002 musste ich aus dem Fahrzeug herausgeschnitten werden – eine sehr dramatische Erfahrung. Und dann, Jahre später: Ich hatte das Bett verlassen, weil mein Mann geschnarcht hatte, war wieder eingeschlafen und erneut aufgewacht. Es fühlte sich plötzlich an, als sei eine Bombe explodiert. Es war ein Flashback von dem Unfall. Veteranen haben so etwas oft. Das sind Erinnerungen des Körpers, es scheint, als seien sie in ihm gespeichert und auch im Gehirn. Sie kommen und gehen. Die genauen neurologischen Ursachen sind noch unbekannt. Erzählen soll wirksam sein, um so ein Trauma besser zu verarbeiten. Menschen, die Folter überlebt haben, reagieren positiv darauf, wenn sie selbst davon berichten. Es geht darum, einen Weg zu finden, sich zu artikulieren. Dann kannst du es von einem Abstand heraus betrachten. Das hat heilende Wirkung, bestätigen Studien.

Für so ein Gespräch braucht es zwei Menschen. Unsere Gesellschaft scheint aber zunehmend weniger Raum zu bieten für das enorme Bedürfnis nach Verbundenheit und Gemeinschaft. Das wird etwa deutlich, wenn man sich überlegt, dass die Religion als ein verbindendes Element immer irrelevanter wird.
Das sehe ich genauso. Das ist einer der Gründe, warum ich mich so intensiv damit beschäftige, was das Erbe der wissenschaftlichen Revolution mit uns macht. Was ist das Verhältnis von Geist und Körper? Was bedeutet es, wenn der Mensch wie eine Maschine betrachtet wird, die du in kleinste Partikel teilen kannst? Das ist die kursierende wissenschaftliche Idee. Die dominanteste ist die von einem getrennten, isolierten Geschöpf mit einem vernünftigen Kopf, das herum läuft und Entscheidungen trifft. Ich glaube diese Ansicht ist falsch. Wir sind schließlich auch alle aus einem anderen Menschen heraus geboren. Gerade dieser Ursprung wird in der westlichen Philosophie leicht vergessen – diese unsichtbare Verbindung.

Menschliche Verbundenheit, Beziehungen, Miteinander stehen gerade heute auf ganz unterschiedliche Weise zum Diskurs. Die Beziehung zwischen Männern und Frauen etwa wurde auch durch die #MeToo-Debatte hinterfragt, der Feminismus ist wieder zu einem zentralen Thema geworden. Was hat sich seit den 1970er Jahren für Frauen geändert?
Das ist eine große Frage. Manches hat sich geändert und anderes nicht. Viele Dinge blieben dieselben. Die Art, wie junge Frauen immer noch definiert werden, ist unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Nur erkannt wird das meist nicht. Viele junge Frauen kämpfen damit, dass sie nicht als die wahrgenommen werden, die sie sind. Stattdessen versuchen sie einem Anspruch gerecht zu werden – diesen Ideen von einem schönen Mädchen und Fruchtbarkeit. Für junge Frauen ist das sehr schwer. Wenn du älter wirst, lässt du vieles von dem hinter dir. Doch die junge Frau in unserer Kultur, ist nicht dazu gedacht eine Intellektuelle zu sein.

In einer bekannten deutschen TV-Talkshow argumentierte vor wenigen Monaten eine junge Studentin klug und engagiert für „Fridays For Future“. Ein bekannter Journalist um die 50 antwortete ihr nicht inhaltlich, sondern warf ihr moralische Verbissenheit vor. Die Studentin blieb unbeirrt. Am Ende wendete sich der Journalist ihr zu und sagte: „Sie machen das ungeheuer charmant.“ Was ist da geschehen?
So etwas passiert die ganze Zeit. Ich erlebe das so oft, auch gegenüber Forscherinnen jeden Alters. Manchmal bin ich erstaunt, wie herablassend Männer sein können. Ich hatte auch so ein Erlebnis, als ich meinen Ehren-Doktortitel erhalten habe. Ein Journalist war angeheuert worden, um eine Podiumsdiskussion zu veranstalten. Es sollte um mich gehen. Ich habe eine Rede gehalten, in der ich unter anderem über die Geisteswissenschaften gesprochen habe – Schreiber und Denker, die wichtig für mich waren. Und einer der geladenen männlichen Wissenschaftler fragte mich überhaupt nichts. Er wendete sich nur an die anderen. An einem bestimmten Punkt sagte ich, dass hier etwas verkehrt läuft. Er war so einschüchternd. Wäre ich ein Mann gewesen, wäre das nicht geschehen. Es passiert die ganze Zeit.

Warum ist das immer noch so?
Was Männer, die so agieren, unbewusst fühlen, ist Ärger oder Irritation. Gefühle des Unwillens sind da, aber warum, ist ihnen nicht klar, glaube ich. Es geht nicht um mich persönlich. Es geht um mich als Frau, in dieser Position, mit Wissen und Autorität. Das regt immer noch auf. Mit diesem Verhalten möchte ein Mann Überlegenheit demonstrieren: „Ich brauche nicht zuzuhören. Ich bin der Boss.“ Mit linker oder rechter Politik hat das nichts zu tun. Ich beobachtete das während des Wahlkampfes in den Vereinigten Staaten: Eine Menge Leute aller Coleur zeigten immer wieder diese Art der Herabwürdigung von Frauen. Auch junge Forscher und Akademiker benehmen sich oft so. Manchmal bin ich erstaunt, wie ignorant diese Leute sein können. Ignorant gegenüber den Ideen einer Frau.

Die Protagonistin Ihres aktuellen Romans alterniert zwischen der Scham, zu viel, zu klug, zu stark zu sein und ihrem natürlichen Bedürfnis, sich künstlerisch auszudrücken und Grenzen zu überschreiten. Wird authentisches, intellektuelles Handeln von Frauen 2019 tatsächlich noch immer kollektiv vereitelt?
Frauen brauchen viel schöpferische Kraft, um einen Ort der Aktion zu erreichen. Einen Raum, wie ihn etwa das fiktionale Schreiben bietet. Minnesota, meine Romanheldin, die mir sehr ähnlich und dennoch nicht identisch mit mir ist, sucht nach keinem Mann. Und sie sucht nicht nach dem Glück. Doch sie hat diese inneren Scripts der Gesellschaft verinnerlicht. Junge Frauen in den 70er Jahren wurden noch mehr dazu angehalten, bloß nicht aggressiv zu sein: Du stellst dich selber nicht in den Vordergrund, du antwortest besser zurückhaltend. Diese tradierten Vorstellungen von Weiblichkeit sind nach wie vor wirksam. Ich weiß das auch von meiner 31-jährigen Tochter. Es ist immer noch so, dass „er“ die Initiative zum Sex starten und „sie“ küssen soll. Das Mädchen hingegen wartet.

In „Damals“ spielt auch weibliche Solidarität eine Rolle. Fehlt diese heute?
Ich glaube, weibliche Solidarität hat es auf vielfältige Weise immer schon gegeben. Enttäuschend ist allerdings, dass auch manche Frauen eine Menge Vorurteile gegenüber anderen Frauen haben. Die Genderforschung spricht von einem „Backlash“. Die Wissenschaft belegt auch, dass, wenn Frauen interessiert sind am Feminismus und dessen Konzepte verstehen, andere Frauen viel seltener bestrafen. Ich selbst sehe mich übrigens vor allem als Humanistin.

Viele Männer glauben unter einem General-Verdacht als Täter zu stehen. Was denken Sie darüber?
Darüber gibt es tatsächlich viele Diskussionen. Wir sollten bedenken, dass Definitionen und Bilder von traditioneller Männlichkeit und Weiblichkeit eben nicht nur Frauen, sondern beide Geschlechter verletzen. Wofür ich mich einsetze, ist, dass wir neue Bilder für Männer und für Frauen entwerfen, mit denen sich beide wohl fühlen, und in denen sie sich wiederfinden. Und diese Vorstellungen ändern sich auch von Person zu Person. Sie variieren, abhängig davon, welche Geschichte du hast und möglicherweise auch welches genetisches Temperament. Diese super-arroganten Images, oft von weißen Männern, haben ihren Ursprung in der Erziehung. Diese Männer wurden unentwegt bestätigt, eben so zu sein. Ihr Zorn über Frauen, die sich mächtig fühlen oder Autorität besitzen, rührt von einer Verletzung ihrer eigenen Männlichkeit. Dabei wird diese ja gar nicht bedroht. In Wirklichkeit passiert ihnen gar nichts. Es kommt ihnen nur so vor, als würde die Frau sie verkleinern. Da geht es nur um Macht. Das ist nicht die Lösung. Der Mann zahlt letztlich selber einen hohen Preis. Sein emotionales Leben ist bedroht.

Interview: Jutta Martha Beiner

Zur Person

Siri Hustvedt wurde 1955 im US-Bundesstaat Minnesota geboren. Sie ist die älteste Tochter von Lloyd Hustvedt, einem Professor für norwegische und amerikanische Geschichte, und der in Norwegen geborenen Ester Vegan. Bereits in der Schule fing Hustvedt das Schreiben von Gedichten an, studierte später engliche Literatur an der Columbia University.

Ihr erstes Buch „Ich lese Dir vor“ erschien 1981 und beinhaltete Dichtungen, die Hustvedt während ihres Studiuems schrieb. Erst 1993 erschien ihr erster Roman „Die unsichtbare Frau“. Weitere bekannte Werke der Autorin sind „Die Verzaubrung der Lily Dahl“ von 1997 und „Was ich liebte“ von 2003. Der Roman „Damals“ erschien 2019 im Rowohlt Buchverlag.

Ihre wissenschaftlichen Artikel erscheinen in verschiedenen Fachmagazinen. Ein Interesse auf dem Gebiet hatte Hustvedt um 2010 gewonnen, nachdem sie bei einem Vortrag ein ungewöhnliches Zittern bei sich selbst festgestellt hat. Um diese Zeit ist auch ihr Buch „Die zitternde Frau – eine Geschichte meiner Nerven“ entstanden, in dem sie Thesen aus der Neurologie und Psychiatrie referiert. Mittlerweile unterrichtet Hustvedt auch Ärzte in Narrativer Psychologie.

Ihr Mann ist der Schriftsteller Paul Auster, den Hustvedt 1982 heiratete. Das Paar hat eine erwachsene Tochter und lebt im New Yorker Stadtteil Brooklyn. (mav)

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