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Ärzte in Peking empfehlen, sich möglichst wenig draußen aufzuhalten.
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Ärzte in Peking empfehlen, sich möglichst wenig draußen aufzuhalten.

Smog in China

Leben im Dunst

Seit Tagen liegen mehrere Provinzenin China unter einer Smog-Decke. Eine Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht, zu wichtig ist für die Regierung die produzierende Wirtschaft. Deren Emissionen wirken sich weltweit aus.

Von Inna Hartwich

Manchmal, wenn es tagelang im Hals zieht, wenn die Stimme wegbricht und die Augen tränen, dann nimmt Zheng Jina im Krankenhaus nicht weit von ihrer Wohnung im Nordosten Pekings Platz. Eine heraufziehende Erkältung? Der Gedanke an eine aufkommende Grippe kommt immer als erster. Die 28-jährige Lehrerin müsste mittlerweile aber besser wissen, dass es meistens keine Viren sind. Der Arzt wiederholt nur: „Es ist der Smog, die Luftverschmutzung. Nichts zu machen.“

Der Mediziner schickt viele Kranke nach Hause. Er rät den Alten vom Schattenboxen im Park ab, empfiehlt den Eltern, ihre Kleinkinder zu Hause zu lassen. Die Erwachsenen aber müssen hinaus, arbeiten, einkaufen, die Kinder in den Kindergarten bringen. Hustend eilen sie durch die Stadt. Der Geruch, die Sicht – es bleibt einem nur die Gewöhnung.

An Tagen wie diesen, wenn der dichte Smog, ein gräulich-bräunlich-grünlicher Dunst, der nach Kohle und Schwefel stinkt, sich wie eine Decke über die Stadt legt, durch die Fensterritzen kriecht und sich in der Lunge einnistet, wenn die Feinstaub-Werte, diese gefährlichen Mini-Teilchen, die sich PM 2,5 nennen und übers Blut auch ins Gehirn gelangen, die Skala von 400 überschreiten, ist das Rausgehen wahrlich nicht schön. Bereits die Werte von 100 sind unangenehm, erschweren das Atmen, belasten das Herz, reizen die Haut und die Augen. In Peking und anderen, vor allem nordchinesischen Städten aber sind sie so durchschnittlich, dass die Menschen an solchen Tagen in die Parks strömen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält PM-2,5-Werte von 25 bereits für bedenklich. Pekings Einwohner lächeln zynisch, wenn sie das hören – und wünschen sich dennoch nichts sehnlicher, als tief durchzuatmen.

Der chinesische Staat will bis spätestens 2030 den Wert jährlich auf durchschnittlich 35 senken. Ein langer, harter Weg, der bisher nur wortreich beschworen wird. Aufs Auto verzichtet kaum jemand. Warum auch? Es ist ein Statussymbol. Fünf Millionen Wagen quälen sich allein in Peking täglich über die mehrspurigen Straßen.

Die Fabriken produzieren weiter fleißig. China klammert sich an sein Wirtschaftswachstum und verbraucht so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen.

Das Fernsehen zeigt zwar die Sprengung von Stahlfabriken in Pekings Nachbarprovinz Hebei, doch das sind längst stillgelegte Werke. Es sind propagandistische Bilder, zur Beruhigung der Bürger. Diese sind längst selbst kreativ, basteln an Luftfiltern aus Ventilatoren, gründen Gruppen, die zum Verzicht von Feuerwerk an Hochzeiten und anderen Feiertagen aufrufen.

Rund 1,75 Billionen Yuan, das sind umgerechnet 210 Milliarden Euro, müssten bis 2017 für den Kampf gegen die Luftverschmutzung investiert werden, hatte Chinas Akademie für Umweltplanung kürzlich ausgerechnet. 4000 „unqualifizierte Unternehmen“ sollen abgewickelt werden. Die Programme gegen die Umweltbelastung nennen sich „Aktion blauer Himmel“ oder „Operation Sonnentag“. Darin sind auch Alarmstufen und Notfallpläne verzeichnet.

15 Prozent des Landes stehen momentan unter „Orange“, dem zweithöchsten Level, vier Tage in Folge. 400 Millionen Menschen sind betroffen. Vor „Rot“ scheuen sich die Funktionäre, sie müssten Schulen schließen, Autos dürften nicht fahren, alles stünde still. Bis Donnerstag soll das Wetter so bleiben, sagen Meteorologen – und hoffen selber, dass der Wind danach weht.

Zum Alltag der Chinesen gehören mittlerweile die Smog-App oder die Smog-Messstation auf der Straße. Wie eine Uhr bestimmen sie das Leben. Bei 432 lag am Dienstag der Feinstaubwert in Peking. In Tangshan und Xingtai, den schmutzigsten Städten Chinas in der Provinz Hebei, ist er auf mehr als 500 geklettert. „Hazardous“, steht daneben, gefährlich. „Schutz empfohlen“. Dünne Atemschutzmasken ohne Filter, wie viele Chinesen sie tragen, weil sie günstig sind, helfen dagegen kaum.

Die dicke Luft sorgt für etliche Krankheiten. Studien besagen, dass die Menschen in Nordchina fünf Jahre kürzer leben als im Süden, dass Kinder an Krebs erkranken, dass Männer unfruchtbar werden. Zhi Xiuyi, Professor am Krebszentrum der Medizinischen Universität in Peking, sagt, die Lungenkrebsrate sei in China innerhalb von zehn Jahren gestiegen. Immer mehr junge Menschen, Nicht-Raucher, seien betroffen. Lungenkrebs sei mittlerweile der Killer Nummer 1 unter den Krebsarten. Manche Wissenschaftler schätzen, dass jährlich bis 500 000 Menschen in China vorzeitig an den Folgen der hohen Luftverschmutzung sterben.

Zheng Jina lässt sich davon nicht abschrecken. Manchmal setzt sie auf eine Brühe aus alten chinesischen Rezepten, sie sollen reinigend wirken. Manchmal fährt sie zu ihren Eltern in die Provinz Henan, im Osten des Landes. Die Luft auf dem Dorf sei zwar auch schlecht – vor dem Smog gibt es kein Entkommen mehr –, allerdings sei sie dort besser als in Peking. „Für mich ist es eine Luftkur“, sagt sie und lacht, weil sie weiß, dass ihr kurzer Dorfbesuch einmal im Jahr niemals reicht.

Huang Wei von Greenpeace China sieht drei Gründe für den „Dunst“ in Peking, wie Chinesen den Smog nennen. „Das Wetter, die Nachbarprovinz, der Verkehr.“ Peking ist von Bergen umgeben, die den Wind abhalten. Es regnet wenig. Hebei, der Nachbar, ist ein Schwerindustrie-Riese, der von Überkapazitäten lebe und sich nur schwer davon trenne, schon allein, weil viele Arbeiter dann auf der Straße stünden. Zwar versuche die Pekinger Stadtverwaltung weniger Autos auf die Straße zu lassen, doch es seien immer noch zu viele. „Das Umdenken muss weitergehen. Wir brauchen mehr erneuerbare Energien, mehr Investitionen in grüne Technologien, da mittlerweile nicht nur die Megastädte vom Smog betroffen sind“, sagt Huang und hüstelt.

Auch Zheng Jina, die Lehrerin, hustet wieder mal. Sie geht ins Krankenhaus. „Es ist eine Erkältung“, sagt der Arzt. Sie dürfte hartnäckig sein, wenn die Luft nicht besser wird.

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