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"L" wie "Leidenschaft": Die ist für das Geschäft des Kreuzbergers unabdingbar.

A bis Z

Ein Leben im Buchstabensalat

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A bis Z bestimmen seinen Alltag: Der Berliner Tibor Hegewisch sammelt, saniert und verkauft alte Buchstaben aus leuchtenden Schriftzügen. Mit seiner Arbeit sichert er auch einen Teil der Geschichte seiner Stadt.

Ein Geschäft geht pleite, der Besitzer muss schließen – für Händler oft ein bitteres, schmerzhaftes Ende. „Aber“, sagt Tibor Hegewisch, „es kann auch ein Anfang sein.“ Für die Menschen selbst, natürlich. Aber auch für sie: die Leuchtbuchstaben, die die Fassade des Geschäftes schmücken. „Diese Schriftzüge sind ein wesentlicher Teil der Gestaltung eines Unternehmens“, sagt Hegewisch. „Deshalb sind sie oft das Letzte, was von einem Laden übrig bleibt. Oft bleiben sie hängen, weil es die Besitzer nicht übers Herz bringen, sie abzubauen.“

Wenn das passiert, hilft Hegewisch: Die großen, leuchtenden Lettern sind sein Geschäft. Der 42-Jährige aus dem Berliner Bezirk Kreuzberg kauft alte Schriftzüge an, repariert sie, verkauft und vermietet sie. Heute sitzt er im „Urban Industrial“ am Volkspark Hasenheide, einer großen Halle, in der Dinge verkauft werden, die einst einen Zweck erfüllten, aber heute nur noch Deko sind. Mittendrin steht ein Regal, prall gefüllt mit Buchstaben – Hegewischs kleines Reich, eine Welt voller E, T und A.

Die Idee, Buchstaben zu sammeln und zu verkaufen, kam ihm vor längerer Zeit. „Ich lese sehr viel, deshalb steht in meiner Wohnung ein großes Bücherregal“, sagt er. Neben den Büchern war noch etwas Platz – also dachte der Berliner darüber nach, das Regal mit alten Leuchtbuchstaben zu schmücken. Er zog über Flohmärkte, bis er fünf Buchstaben gefunden hatte: Ein W, ein O, ein R, ein T und ein E. „Das war nicht leicht, ich habe lange danach gefahndet“, sagt Hegewisch. Dafür sorgte der fertige Schriftzug „Worte“ für tolle Reaktionen. „Alle, die mich besuchten, wollten wissen, woher ich die Buchstaben hatte – und viele wollten es nachmachen.“

Weil die Quellen rar sind, beschloss Hegewisch, sich dem Thema selbst zu widmen. Man könnte in Bezug auf sein Geschäft also sagen: Am Anfang war das Wort. Der Journalist, der zuletzt als Pressesprecher für Unternehmen arbeitete, machte sich 2017 mit seiner Firma Kartique selbstständig – heute stehen in seinem Lager rund 300 Buchstaben.

Die Faszination für die Lettern liegt für Tibor Hegewisch vor allem in deren Geschichten. „Jeder Buchstabe hat eine eigene Story – meist werden sie nicht mehr gebraucht, wenn eine Firma schließt“, sagt er. Ein nicht gebrauchter Schriftzug erzählt oft von einem geplatzten Geschäftstraum. „Außerdem interessiert mich die gestalterische Seite“, sagt Hegewisch. „Eine Tasse ist eine Tasse, ein Stuhl ist ein Stuhl. Aber die Buchstaben sind wichtig für die Bedeutung der Firma. Und sie haben oft Charakter. Heute setzen die meisten Geschäfte auf geradlinige Schriften, die Schriftzüge werden langweilig.“

Hegewisch ist oft in der Stadt unterwegs und schaut sich an, wo Geschäfte geschlossen werden, zudem sucht er auf Webseiten wie Immobilienscout nach Vermietungsanzeigen von Ladenlokalen. „Außerdem habe ich natürlich gute Kontakte zu den Firmen, die damit beauftragt werden, solche Schriftzüge abzubauen“, sagt er. 

Solchen Kontakten verdankte Hegewisch schon sehr spezielle Exponate – beispielsweise das große „E“ aus dem Schriftzug „Erotik“ des geschlossenen Beate-Uhse-Hauses in Berlin-Charlottenburg. „Ein Jahr lang musste ich die Firma bearbeiten, bis ich das Okay bekam. Doch die Buchstaben hingen in 30 Metern Höhe.“ Was also tun? „Die Arbeiter, die dort werkelten, waren cool. Sie kletterten hoch und halfen bei der Bergung des Schriftzugs. Es passte einfach alles zusammen: Die Firma war einverstanden, die Leute halfen – perfekt“, erzählt Hegewisch.

So einfach ist es aber längst nicht überall. Das Problem: „Solche Schriftzüge werden meist sehr schnell entsorgt – denn die Leute denken, dass so etwas niemand haben will“, sagt Hegewisch. Ein Buchstabensammler wie er muss deshalb vor allem eines sein: schnell. „Denn es gibt sogar Firmen, die hinterher sind, ihre Schriftzüge zu zerstören – weil sie nicht wollen, dass Teile davon später für andere Zwecke genutzt werden.“ Ein Beispiel war das Ende der Supermarktkette Reichelt. „Es gab Gespräche, aber die Firmenchefs wollten nicht, dass mit den Buchstaben etwas passiert, sie sollten nicht einmal ins Museum“, sagt Hegewisch.

Hat er schließlich einen Buchstaben, baut er die Elektronik aus – „für die alte Technik kann ich keine Garantie übernehmen“ – und saniert ihn. „Die Farben bleichen aus, die Buchstaben sind dem Wetter ausgesetzt, deshalb muss man behutsam mit ihnen umgehen.“ Das gilt auch als Warnung für all jene, die auf eigene Faust Schriftzüge abmontieren wollen – wie jene, die einst den berühmten „Bahlsen-Keks“ in Hannover klauten. „Davon kann man nur abraten. Aufgrund des Stroms, der an den Schriftzügen anliegt, ist das viel zu gefährlich!“

Mit seiner Arbeit erhält Tibor Hegewisch auch ein Stück seiner Stadt, ein Teil des alten Berlins. Nur wenige Schriftrelikte sind heute noch im Stadtbild zu finden– bedauernswert, findet Hegewisch: Niemand sicherte nach der Wende die ehemaligen DDR-Schriftzüge. „Damals hätte man viel holen können, von der DDR-Geschichte ist aber nur wenig erhalten geblieben.“

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