+
Tel Avivs Mode ist eine Mischung aus Hippie-Kleidern und orientalischer Pracht.

Mode

Das Leben auskosten

  • schließen

Die israelische Modeszene ist jung, unkonventionell und von vielen verschiedenen Kulturen geprägt.

Eigentlich ist das hier gar nicht Israel“, sagt Osnat Subah und zieht genießerisch an ihrer selbst gedrehten Zigarette. „Es gibt Israel, und dann gibt es noch Tel Aviv.“ Dicker Qualm rauscht aus ihrem Mund, während sie der Sonne entgegenblinzelt. Osnat Subah produziert Modebücher und beschreibt Tel Aviv als kreative Enklave, die mit dem Rest des Landes kaum etwas gemein hat. „Israel ist mir egal. Hier in Tel Aviv will niemand Netanjahu und seine Politik“, sagt sie. In ihren Worten schwingt mit, was man in der Modeszene der Mittelmeerstadt häufig hört.

„In diesen speziellen Umständen zu leben, ist wie ein Tanz auf dem Vulkan. Wir wissen nicht, was die Zukunft für uns bereithält“, beschreibt Lea Peretz. „Auch deswegen gibt es hier diese spezielle Energie, das Verlangen, das Leben auszukosten.“ Peretz leitet die Modefakultät des renommierten Shenkar College unweit von Tel Aviv und wird in Israel als „Queen of Fashion“ gehandelt. Jung und unkonventionell sei die Szene der Stadt, eine eigentümliche und facettenreiche Bohème.

Das wird deutlich, wenn man durch die Straßen von Jaffa schlendert. Bis die beiden Städte 1950 zum heutigen Tel Aviv-Jaffa zusammengeschlossen wurden, war das 1909 gegründete Tel Aviv ein Vorort der antiken Hafenstadt. In den verschachtelten Straßen Jaffas mit seinen sandsteinfarbenen Häusern drücken sich windschiefe Modegeschäfte aneinander: Zwischen arabischen Händlern, die Schmuck und Stoffe verkaufen, haben sich immer mehr westlich orientierte Läden angesammelt. Ein sehr spezieller Stil prägt das Straßenbild: orientalische Anleihen und Hippiekleider, minimalistisches Design im Wechsel mit historischen Fundstücken.

Auch die etablierte Marke Maskit hat hier ihr Atelier. Shenkar-Absolventin Sharon Tal verantwortet heute die Kollektionen der ältesten Modemarke Tel Avivs. „Maskit bedeutet übersetzt ‚etwas Kleines und Schönes‘“, erklärt die Designerin. Juden aus rund 70 Herkunftsländern leben heute in Israel, ihre vielen verschiedenen Kulturen prägten ihre Mode. Sie selbst hat marrokanische und türkische Wurzeln und ist nach einigen Jahren bei der britischen Luxusmarke Alexander McQueen nach Tel Aviv zurückgekehrt, um Maskit wiederzubeleben.

Denn die 1954 von Ruth Dayan gegründete Marke war in den 1990ern insolvent gegangen. „Ruth hat in den 50ern die Werkstatt aufgebaut und jüdischen Immigranten von überall her das Handwerk beigebracht. Sie hat eine unglaubliche Energie.“ Noch immer steht Ruth Dayan dem Label beratend zur Seite, hat ganz nebenbei vor wenigen Monaten ihren Führerschein gemacht – als über 100-Jährige. Nach der Wiedereröffnung ist Maskit wieder auf internationaler Ebene angekommen, sogar Michelle Obama trug Kreationen der israelischen Marke. Entscheidend für die Kollektionen ist die kulturelle Vielfalt Israels, einige Schnitte und Ornamente sind der arabischen Welt entlehnt, andere Stickereien werden in der gleichen Art gefertigt, wie jene auf den traditionellen Kopfbedeckungen der Rabbiner für die Synagoge. So ist Maskit eine stilsichere Zusammenfassung der bunten Straßen von Jaffa, in denen auch die Parfümeure von Zielinski & Rozen ihr Atelier haben.

Sie wollen sich zur Modeszene zählen: „Düfte sind auch Accessoires, nur sind sie unsichtbar“, sagt Chefparfümeur Erez Rozen mit geschmeidiger Stimme. Zehn Jahre lebte er in verschiedenen Städten in Osteuropa und kehrte schließlich nach Tel Aviv zurück. Warum? „Ich könnte Geschichten von Heimweh und Heimatliebe erzählen“, sagt er, „aber eigentlich waren es die Frauen.“ Erez Rozen ist ein Charmeur, er spricht von italienischen Filmen, die ihn zu Düften inspirieren, von den Cafés in Tel Aviv und den Menschen seiner Stadt. All das fließe in seine Kreationen ein. Ein Duft trägt den deutschen Namen „Guten Morgen“. „Der ist von der morgendlichen Erektion inspiriert“, sagt Rozen inmitten unzähliger Glasfläschchen und Flakons. „Der Duft handelt eher davon, seine ganze Kraft zu spüren, und weniger von Sex.“ Das Leben zu genießen, darum gehe es in Tel Aviv.

Vergessen scheinen dabei manchmal die übergeordneten Strukturen der globalen Modeindustrie. „Es ist nicht leicht, mit Designern aus Tel Aviv zusammenzuarbeiten“, bestätigt Galit Carmely. Die gebürtige Israelin führt seit drei Jahren eine Boutique im US-amerikanischen Philadelphia, die ausschließlich Mode aus ihrer Heimat führt. Die Produktionszyklen in Israel sind unregelmäßiger und leicht verschoben. In Amerika und Europa werden Sommerkollektionen schon ab Februar verkauft, in Israel sind sie aber häufig erst im April überhaupt fertig. Viele Designer machen außerdem stetig neue Produkte, die sie dann direkt verkaufen. So muss Galit Carmely alle paar Monate nach Israel reisen, um zu schauen, was es Neues gibt. Das lohnt sich: „Israelische Designer sind sehr mutig, sie haben Ecken und Kanten.“ Überhaupt sei Mode in dem kleinen Land ein großes Thema: „Der jüdische Kalender hält viele Feste bereit, ständig gibt es große Hochzeiten und Bar Mizwas.“ Jetzt müsse die Szene in Tel Aviv nur noch lernen, ihre Kreativität zu kanalisieren und geschickt auf dem internationalen Markt zu positionieren. Das Wichtigste sei gegeben: Eine reiche Kultur, ganz viel Leidenschaft und ein bisschen stoische Gelassenheit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion