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"Das Risiko, mit einem Film auf die Nase zu fallen, muss man eingehen", sagt Margot Robbie.

Margot Robbie

"Das Leben ist auch nie nur schwarz-weiß"

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Ein Gespräch mit Hollywood-Star Margot Robbie über Mainstream und leise Dramen, Frauenpower im Filmgeschäft – und warum sich Männer einfach mehr Flops leisten können.

Spätestens seit Margot Robbie Anfang des Jahres für ihre Rolle als „Eishexe“ Tonya Harding in „I, Tonya“ als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert wurde, gehört die 27-jährige Australierin zu den begehrten Schauspielerinnen im Filmbusiness. Zurzeit steht sie als Sharon Tate für Quentin Tarantinos neuestes Werk „Once Upon a Time in Hollywood“ vor der Kamera. Zuvor war sie die erfrischend eigensinnige Jane Porter in „The Legend of Tarzan“ und spielte in der Comic-Verfilmung „Suicide Squad“ die irrlichternde Harley Quinn. Jetzt kommt sie mit dem Biopic „Goodbye Christopher Robin“ ins Kino. Dieser Film erzählt die bittersüße Geschichte von „Pu der Bär“-Erfinder Alan Alexander Milne und dessen Sohn Christopher Robin. Die Abenteuer von „Pu der Bär“ – im Original: „Winnie-the-Pooh“ und einst kongenial von Harry Rowohlt eingedeutscht – sind seit dem Erscheinen in den 1920er Jahren ein Welterfolg. Wir haben Margot Robbie zum Interview im Londoner Ham-Yard-Hotel getroffen.

Miss Robbie, Sie spielen Daphne Milne, die extrem ambitionierte, emotional ziemlich unterkühlte Mutter von Christopher Robin …
… was mir, ehrlich gesagt, manchmal schwerfiel.

Warum das?
Eigentlich wollte ich den kleinen Will Tilston, der Christopher Robin so herzzerreißend unschuldig spielt, ständig umarmen und knuddeln. Gerade dann, wenn ich mich in meiner Mutter-Rolle ihm gegenüber so herzlos und kalt geben musste. Aber die echte Daphne hatte eben sehr schwere psychische Probleme.

Sie hat ihren erwachsenen Sohn nicht einmal an ihr Sterbebett vorgelassen.
Ja, sie wollte ihn nicht mehr sehen. Das allein spricht doch schon Bände. Aber im Film geht es doch vor allem um die sehr komplizierte Vater-Sohn-Beziehung.

„Goodbye Christopher Robin“ zeigt ein reales Familiendrama, von dem man wenig wusste.
Auch ich hatte davon keine Ahnung. Erst als ich das Drehbuch las, und später dann auch Ann Thwaites Biografie über die Milne-Familie und die Entstehungsgeschichte der „Winnie-the Pooh“-Bücher, wurde mir die Dimension dieses Dramas so richtig klar.

Als Zuschauer sieht man, wie diese Eltern ihren Sohn skrupellos ausbeuten. Oder ist Ihnen dieses Urteil zu hart?
Ich glaube, man muss das viel differenzierter sehen. Sicher, da gibt es sehr unschöne Aspekte. Aber eben auch viel Zuneigung und Liebe. Unser Film versucht ja gerade diese Widersprüchlichkeit herauszuarbeiten. Das Leben ist auch nie nur schwarz-weiß. Daphne ist oft hart zu ihrem Sohn – aber das kenne ich auch aus meiner Familie. Wenn man zu uns Kindern streng war, dann nur aus Liebe.

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre Mutter Sie für ein Werbefoto neben einen echten Braunbären stellen würde – mit dem Ratschlag, sich „nicht zu ruckartig zu bewegen“, weil es sonst gefährlich werden könnte?
Okay, das wäre vielleicht nicht so optimal. Aber das würde meine Mutter ja auch nie machen. Ich bin sehr behütet aufgewachsen. Zuerst bei meiner alleinerziehenden Mutter, später mit meinen drei Geschwistern auf der Farm meiner Großeltern. Ich bin erst mit 17 Jahren aus dem Hinterland nach Melbourne gezogen, um dort endlich meinen Traum zu verwirklichen und Schauspielerin zu werden.

Was Ihnen geglückt ist. Mit 18 spielten Sie schon in der australischen Seifenoper „Neighbours“. War das nur ein Sprungbrett – oder auch eine wichtige Lehrzeit?
Das war eine sehr gute Schule. In den drei Jahren, in denen ich bei „Neighbours“ dabei war, habe ich mein Handwerk sozusagen von der Pike auf gelernt. Da wurde pro Tag oft eine ganze Episode gedreht. Und das hieß: viel Text lernen, pünktlich am Set sein und sich in ein Schauspiel-Ensemble einfügen. Alles Dinge, die mir auch heute noch zugutekommen.

Der Regisseur Simon Curtis sagt, „Goodbye Christopher Robin“ hätte ohne Ihre Star-Power nicht gedreht werden können: Erst als Sie zusagten, gab es grünes Licht für das Projekt.
Das ist sicher übertrieben. Immerhin ist auch Domhnall Gleeson als A. A. Milne mit von der Partie. Wenn es aber tatsächlich zuträfe, würde es mich freuen, ich habe ein großes Faible für Arthouse-Filme. Wann immer es möglich ist, versuche ich, zwischen großen Mainstream-Movies und kleinen, feinen Filmen hin und her zu wechseln. Einer der ausschlaggebenden Gründe, warum ich bei „Christopher Robin“ unbedingt mitmachen wollte, war Simons Film „My Week with Marilyn“, den ich ganz wunderbar finde. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist für mich die Art, wie ein Regisseur Frauenrollen inszeniert. Was gar nicht geht, sind eindimensionale Trophäen-Frauen, die nur sexy aussehen sollen und eigentlich gar nichts zu sagen oder zu spielen haben. Daphne aber ist eine sehr dynamische Frauenrolle.

Wie verändert sich denn Ihr Bewusstsein, wenn Sie nach vielen Nebenrollen plötzlich, wie in „I,Tonya“, die ganze Verantwortung tragen?
Das ist ein großer Schritt und ich bin mir der Verantwortung bewusst. Aber ich nehme jede Rolle – ob groß oder klein – ernst und gebe alles. So gesehen ist jede Rolle gleich wichtig. Was für mich aber immer wichtiger wird, ist, dass ich mehr Kontrolle über die Figur bekomme, die ich spiele. Und am besten gleich über das ganze Film-Projekt.

Haben Sie deshalb vor vier Jahren mit Ihrem Mann und Freunden eine Produktions-Firma gegründet, mit der Sie dann „I, Tonya“ koproduziert haben?
Da hatte ich natürlich einen ganz anderen Spielraum. Ein Projekt von A bis Z selbst zu entwickeln und dann zu gestalten, das inspiriert mich sehr. Denn je weniger Hindernisse ich dabei zu überwinden habe, desto mehr kann ich mich kreativ entfalten, und desto mehr Freude empfinde ich bei meiner Arbeit.

Sie schreiben bereits Drehbücher, Sie könnten auch Regie führen.
Warum nicht? Wenn sich der Stoff richtig anfühlt … Vielleicht kann ich ja bald meine Idealvorstellung verwirklichen: Schreiben, Regie führen und vor der Kamera stehen. Wäre das nicht wunderbar? Alle künstlerischen Aspekte des Filmemachens regen meine Kreativität ungemein an. Außerdem arbeite ich auch gern im Team mit anderen Künstlern zusammen. Das mag ich vielleicht sogar am liebsten.

Haben Sie eine Firmen-Philosophie?
Ganz wichtig ist mir, dass wir mit unserer Firma Frauen unterstützen. Und zwar in möglichst vielen Berufssparten. Wir sind ständig auf der Suche nach Kamerafrauen, Drehbuchautorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Frauen in der Filmindustrie zu helfen und zu fördern. Und das nicht erst seit der #MeToo-Bewegung.

Wie sind die Reaktionen? Das Filmbusiness wird ja immer noch von Männern dominiert.
Ich kann nicht klagen. Da ist ja gerade viel in Bewegung. Zum Positiven, wie ich finde. Im Grunde genommen wollen wir doch alle ein Teil von etwas Großartigem sein, oder etwa nicht? Also, lasst uns gemeinsam danach streben, es auch zu erreichen.

Ihre Karriere ging bisher stetig steil bergauf. Haben Sie keine Angst vor einem Flop?
Das Risiko, mit einem Film auf die Nase zu fallen, muss man eingehen. Angst habe ich selten, denn Angst lähmt und sperrt einen emotional zu. Außerdem ist sie ein schlechter Ratgeber. Allerdings ist mir schon klar, dass man sich als Frau in einer Hauptrolle nicht viele Flops hintereinander leisten kann. Im Gegensatz zu einem Mann. Der kommt trotzdem fast immer zurück. Wie ein Bumerang.

Interview: Ulrich Lössl

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