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Marie Kondo (2.v.r.) hilft gerne beim Aufräumen.

Ausrümpeln

Lass los

Zum Jahresbeginn misten viele Menschen aus, aber: Macht Ordnung wirklich glücklicher? Aufräumguru Marie Kondo sagt in der neuen Netflix-Serie Ja.

„Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst, du nimmst all den Ballast, und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck“ – wenn Aufräumguru Marie Kondo ein deutsches Lieblingslied hätte, wäre es wohl dieser Silbermond-Hit. Denn auch die Japanerin mit neuer Serie auf „Netflix“ plädiert für radikales Entrümpeln und sagt, richtiges Aufräumen verändert das Leben. Auch in sozialen Netzwerken findet man immer wieder die Schlagworte Minimalismus, Declutter (Entrümpeln), Organization (Ordnung schaffen). 

Können Entrümpeln und wenig Besitz wirklich glücklich machen? „Ja“, sagt Heidi Möller, Professorin für Theorie und Methodik der Beratung an der Universität Kassel und bekennender Marie-Kondo-Fan. „Aufräumen kann zufriedener machen, weil dann die innere Ordnung mit der äußeren Ordnung korrespondiert“. Wenn das Äußere sortiert werde, helfe das auch der inneren Struktur. Auch manche Sammelwut sei ein Versuch, Komplexität zu reduzieren. „Stellen Sie sich vor, Sie sammeln gerne Elefanten. Dann fliegen Sie in den Urlaub und wissen schon genau, was sie als Souvenir kaufen und mitnehmen wollen.“

Minimalismus ist ein Trend gerade unter jungen Menschen. Oft habe diese Hinwendung zum Minimalismus eine politische Dimension und diene zur Abgrenzung vom sogenannten Konsumterror, so Möller. Bei der älteren Generation, die das Haus voll mit Dingen haben, stehen oft „Erfahrungen von Krieg und Armut, von Mangel im Hintergrund.“ Und das kann zu Problemen führen.

Liebgewonnenes loszulassen, kann schwierig sein, erkennt die Professorin an. „Daher sollte man sich Zeit lassen beim Entrümpeln und fragen wie viel Abschiednehmen verkraftet meine Seele.“ Und manche Menschen brauchen professionelle Hilfe. Dann kommen Entrümpler und Profi-Aufräumer ins Spiel. Die Kasselerin Dana Volkwein etwa, die seit sieben Jahren als Ordnungscoach arbeitet. Auch sie sagt: „weniger ist mehr.“

Mit ihren Kunden bringt sie System ins Chaos, hilft und motiviert. Kunden kämen aus allen Schichten und Altersgruppen. Dass sie alle Hilfe wollen „ist die Grundvorraussetzung“, sagt Volkwein. Ein von wohl meinenden Freunden verordnetes Aufräumen führe nicht zum Erfolg. Oft sind es Menschen die Hilfe brauchen, weil es eine große Veränderung in ihrem Leben gab, „etwa einen Todesfall, eine Trennung oder einen Umzug“. Allerdings sind das längst nicht alle. Manche sind nur mit einem Raum überfordert oder mögen Aufräumen nicht. Eine Putzfrau sei sie nicht, aber auch keine Therapeutin, so Volkwein.

Denn auch psychische Krankheiten spielten mitunter eine Rolle. „Bei einer kleinen Gruppe von Menschen ist das Horten pathologisch und Ausdruck einer Zwangsstörung“, erklärt Psychologin Möller. Solche Menschen bräuchten psychotherapeutische Hilfe. Unterformen des Messitums wie die ungewollte Ordnungsstörung seien vor allem als ungünstige Formen der Selbstbehauptung zu verstehen.

Solche Kunden kennt auch Dennis Karl vom Herkules Hygieneservice Kassel. Etwa einmal die Woche ist er zum Entrümpeln im Einsatz. Auch in Messie-Wohnungen. Aber längst nicht jeder ist ein Messie oder braucht nur einmal Hilfe. „Es gibt auch eine dritte Kategorie: Die, die nicht aufräumen wollen, die das nie gelernt haben, denen das nicht wichtig ist.“

Solchen Menschen wird auch das Buch von Marie Kondo nicht helfen. Aber man muss auch nicht jeden Trend mitmachen. Selbst Marie Kondo sagt, zu Beginn des Entrümpelns soll man sich fragen und genau nachdenken: „Warum will ich aufräumen und was ist mein Ziel?“ Die Antwort sollte dann vielleicht nicht lauten: „Weil es gerade alle machen.“ 

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