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Luftwaffentechniker warten 1980 eine Minuteman III.
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Luftwaffentechniker warten 1980 eine Minuteman III.

US-Atomstreitkräfte

Der langweiligste Job der Welt

  • Damir Fras
    VonDamir Fras
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Die Nuklear-Streitmacht der USA steckt in einer ziemlich ausweglosen Sinnkrise. Gegen zahlreiche Soldaten wird wegen Drogenmissbrauchs ermittelt.

Carla Seybold führt ein strenges Regiment. Wer mit dem Lift ins Untergeschoss von Bunker Delta 01 fährt, wird von der resoluten Dame auf Schritt und Tritt beobachtet und zur Not im Kasernenton gerüffelt: „Bleiben Sie auf dem schwarzen Läufer, fassen Sie nichts an, lehnen Sie sich nicht an.“

Der Angestellten der US-Nationalparkverwaltung bleibt nichts verborgen. Schon gar nicht die Neugierigen, die jene Bunkertür berühren wollen, auf der geschrieben steht: „Wir liefern weltweit in 30 Minuten oder weniger.“ Es waren Soldaten, die ihren Bunker vor vielen Jahren mit dem Spruch versahen, der via eines Postdienst-Werbeslogans ihren Job verballhornte – aus Langeweile wahrscheinlich, weil sie tagelang in Cactus Flat in der Einöde South Dakotas unter der Erde sitzen mussten und auf den Befehl warteten, eine Atomrakete Richtung Sowjetunion aufsteigen zu lassen.

Der Befehl kam nie. Aus dem Kontrollstand wurde ein Museum, das vom Prinzip der atomaren Abschreckung erzählt – und Angestellte wie Carla Seybold sind geheißen, den Besuchern den Eindruck zu vermitteln, die US-Soldaten hätten sich im Kalten Krieg immerzu akkurat, immerzu penibel und immerzu diszipliniert verhalten.

Ein wenig Erinnerung an die alten Zeiten ist bitter nötig. Denn eine bislang unvorstellbare Pannenserie hat das Image der aktiven Atomraketen-Truppe in den USA schwer beschädigt. Verteidigungsminister Chuck Hagel musste jetzt sogar öffentlich eingestehen, dass er „zutiefst besorgt“ sei wegen der Schlampereien und der Disziplinlosigkeit auf den Luftwaffen-Stützpunkten im Mittleren Westen, wo die US-Streitkräfte 450 Interkontinental-Raketen vom Typ Minuteman III für den Fall der Fälle vorhalten.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben sich die schlechten Nachrichten gehäuft. Auf einem Stützpunkt in North Dakota etwa schliefen Offiziere während des Wachdienstes und ließen die Tür zum Kontrollraum offen. Diese Türen sollen potenzielle Angreifer abhalten, an die Abschussvorrichtungen für die Massenvernichtungswaffen zu gelangen. 19 Soldaten wurden vorübergehend suspendiert, ein Ausbilder wurde entlassen.

„Wir sind zutiefst enttäuscht“

Später erwischte es den stellvertretenden Chef des „Strategic Command“: Vizeadmiral Tim Giardina soll sich in einem Spielcasino in Iowa mit gefälschten Jetons die Freizeit vertrieben haben. Dann wurde Generalmajor Michael Carey, Befehlshaber über die gesamte Raketentruppe, zwangsversetzt. Er habe sich, so der offizielle Untersuchungsbericht der Luftwaffe, während einer Dienstreise in Moskau betrunken, habe russische Offiziere angepöbelt und Kontakt zu „dubiosen Frauen“ gehabt. Dann sei Carey auch noch ausfällig geworden, als ihn der Sänger einer Band in einem mexikanischen Restaurant nahe des Roten Platzes nicht auf die Bühne lassen wollte, wo der Top-Offizier der amerikanischen Nuklear-Truppe Beatles-Lieder singen wollte.

Damit nicht genug. Gegen zahlreiche Soldaten wird wegen Drogenmissbrauchs ermittelt, und erst vor wenigen Tagen kam ein neuer Skandal ans Licht. 34 Offiziere, die auf der Raketenbasis Malmstrom im Bundesstaat Montana stationiert sind, sollen bei schriftlichen Prüfungen geschummelt oder zumindest von dem Betrug gewusst haben. US-Raketen-Soldaten müssen sich routinemäßig einmal pro Monat Wissenstests unterziehen. In diesem Fall schickten sich die Prüflinge per SMS die Antworten. „Das können wir nicht hinnehmen. Wir sind zutiefst enttäuscht“, bekannte eine Sprecherin der US-Luftwaffen im Pentagon in Washington.

Was für Atomsprengköpfe?

Die Enttäuschung hat nun auch die Chefetage des US-Verteidigungsministeriums erfasst. Ein Pentagon-Sprecher bemühte sich zwar zu versichern, dass die Interkontinental-Raketen sicher seien. Doch Minister Hagel, gerade zurück von der Inspektion einiger Raketenstützpunkte in Wyoming und Nebraska, ist sich da offenbar nicht mehr ganz so sicher. Er mache sich große Sorgen um die Professionalität und die Disziplin in der Truppe, sagte Hagel. Der Minister ordnete an, dass der gesamte Lehrplan für die Raketen-Soldaten überprüft werden soll: „Wir wissen, dass da etwas falsch läuft.“ Es müsse sich etwas an der Dienstkultur ändern.

Militärexperten glauben, dass die Pannenserie dem eintönigen Alltag in den abgelegenen Stützpunkten geschuldet sei. Der Job dort gilt als einer der langweiligsten, den die US-Streitkräfte zu vergeben haben. Die Folgen sind entsprechend. Schon Hagels Vorgänger Robert Gates musste erleben, wie in der Truppe unfassbare Fehler geschahen und alle Sicherheitsstandards missachtet wurden. Ein B52-Bomber etwa flog 2008 einmal quer über die USA und dessen Besatzung behauptete anschließend, nicht bemerkt zu haben, dass die Raketen am Flugzeug mit nuklearen Sprengköpfen bestückt waren. Zwei hochrangige Offiziere wurden entlassen, die Probleme aber blieben.

Die fehlende Moral hat offenbar auch damit zu tun, dass sich die Soldaten missachtet fühlen, erklärten jetzt ehemalige Offiziere. Es fehle an Aufstiegschancen, weil das Raketenarsenal als eine Waffentechnik aus dem Kalten Krieg gilt, die keine Zukunft hat. Im Gegenteil: Die Zahl der strategischen Atomraketen wird in der nächsten Zeit noch weiter sinken, wenn die USA ihre Verpflichtung aus einem Abrüstungsabkommen mit Russland erfüllen.

Auch habe sich die US-Armee seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und den Kriegen in Afghanistan und im Irak immer mehr auf die Bekämpfung von Terroristen konzentriert. Das führte offenbar dazu, dass die besten Soldaten die Raketentruppe meiden. Oberst Robert Stanley aus Montana beschrieb das Problem jüngst mit eindrucksvollen Worten. Er habe einen Soldaten auf seinem Stützpunkt gefragt, wie denn der Auftrag der Interkontinentalraketen-Truppe laute, so der Offizier. Die Antwort: „Sir, ich glaube, wahrscheinlich geht es darum, die Grenzen zu schützen.“ Worauf Stanley nichts mehr einfiel: „Ich dachte mir nur: Oh, mein Gott!“

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