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Lange Schatten

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Von: Gerd Braune

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Die Angst bleibt: Die Polizei hält die Menschen rund um Weldon dazu an, weiterhin wachsam und vorsichtig zu sein. Lars Hagberg/AFP
Die Angst bleibt: Die Polizei hält die Menschen rund um Weldon dazu an, weiterhin wachsam und vorsichtig zu sein. Lars Hagberg/AFP © Lars Hagberg/afp

Einer der Brüder, die in Kanada zehn Menschen getötet haben sollen, ist auf der Flucht, das Tatmotiv weiter unklar. Einige sehen die Ursache im kollektiven Trauma der First Nations.

In der Provinz Saskatchewan läuft die Fahndung nach einem der beiden Männer, die am Sonntag zehn Menschen getötet haben sollen, weiter auf Hochtouren. Nachrichten, dass der mutmaßliche Täter wieder in der indigenen Gemeinde der James Smith First Nation gesichtet worden sei, entpuppten sich am Dienstag als Fehlinformation, die für mehrere Stunden erneut Angst und Schrecken auslöste. Die Hintergründe der Tat, die Kanada schockiert, sind weiter unbekannt.

Die Bundespolizei RCMP rief die Bevölkerung der Provinz auf, weiterhin wachsam und vorsichtig zu sein. Die Polizei hatte zunächst als mutmaßliche Täter die Brüder Damien und Myles Sanderson genannt. Der 30 Jahre alte Myles ist auf der Flucht. Sein ein Jahr älterer Bruder war am Montag tot in einem Feld nahe der Gemeinde der James Smith Cree Nation aufgefunden worden. Seitdem wird gerätselt, welche Rolle Damien bei der Tat gespielt hatte. Ist er Täter oder Opfer? Hat Myles seinen Bruder getötet?

Rhonda Blackmore, die Leiterin der RCMP in Saskatchewan, erklärte, Damien habe Verletzungen gehabt, die er sich „nicht selbst zugefügt“ haben konnte. Blackmore wies auch darauf hin, dass Myles möglicherweise verletzt sei und ärztliche Betreuung benötige. „Selbst wenn er verletzt ist, bedeutet das nicht, dass er nicht gefährlich ist“, mahnte sie.

In die Fahndung eingeschaltet sind auch Polizeikräfte in den Nachbarprovinzen Alberta und Manitoba. Laut Polizei sollen sich beide Männer in Saskatchewans Hauptstadt Regina, 300 Kilometer südlich der Tatorte, aufgehalten haben. Am Dienstagabend teilte Reginas Polizeichef Evan Bray mit, Myles Sanderson halte sich wohl nicht mehr in Regina auf. Daher erstrecke sich die Fahndung weit in die Provinz hinein.

Die Polizei spricht von 13 Tatorten. Die Zahl der Verletzten wurde inzwischen von 15 auf 18 erhöht. Drei Verletzte seien in kritischem Zustand, hieß es am Dienstagabend. Neun der zehn Opfer der Messerattacken am frühen Sonntagmorgen sind Angehörige der Gemeinde der James Smith Cree Nation im Norden der Provinz Saskatchewan.

Bislang wurde nicht offiziell bestätigt, dass Myles und Damien Sanderson Angehörige der First Nation sind. Aber viele Aussagen aus der Gemeinde deuten darauf hin. Myles sei wegen seines gewalttätigen Verhaltens bekannt, sagten Gemeindemitglieder. Zudem spricht die Polizei davon, dass manche der Opfer gezielt attackiert wurden, was darauf hindeute, dass die mutmaßlichen Täter einige der Opfer kannten.

Myles Sanderson hat kanadischen Medien zufolge eine lange Geschichte strafrechtlicher Auffälligkeiten, die bis in seine Jugend reicht. Er war wegen mehrerer Gewaltdelikte zu mehr als vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Frühjahr war er unter strengen Auflagen entlassen worden, um seine Wiedereingliederung in die Gemeinde zu fördern. Er hatte aber im Mai offenbar gegen Auflagen verstoßen und wurde seitdem von der Polizei gesucht. Nun wird ihm mehrfacher Mord vorgeworfen.

First Nations in Kanada

Die James Smith Cree First Nation ist eine Gemeinde und Reservation in der Prärieprovinz Saskatchewan. Sie ist Heimat von drei kleinen First Nations – neben James Smith sind es die Peter Chapman First Nation und die Chakastaypasin First Nation. Insgesamt gehören etwa 3400 Menschen zu der Gemeinde, es lebt aber nur rund die Hälfte davon in Nord-Saskatchewan.

Die mehr als 600 First Nations in Kanada haben insgesamt rund eine Million Angehörige. Auch davon lebt etwa die Hälfte nicht in ihren meist ländlichen Gemeinden, die als „Reservationen“ deklariert sind, sondern „off reserve“ in den Städten. Oft war der Mangel an Perspektiven in den abgelegenen Gemeinden Grund dafür, dass die Menschen in die Städte zogen. Dort, wo die Schaffung von Wohnraum, der Aufbau einer lokalen Wirtschaft und des indigenen Schulsystems und die Erneuerung von Traditionen und Kultur Erfolge zeigen, kehren Mitglieder der First Nations wieder in ihre Gemeinden zurück. Gerd Braune

Die Tragödie von Saskatchewan wirft erneut ein Schlaglicht auf die sozialen Probleme in zahlreichen indigenen Gemeinden Kanadas. Bobby Cameron, der Vorsitzende des Verbandes der Föderation der unabhängigen indigenen Nationen Saskatchewans (FSIN), konstatierte: „Das ist die Art der Zerstörung, der wir gegenüberstehen, wenn illegale Drogen in unsere Gemeinden gelangen.“ Trotz der zum Teil erfolgreichen Bemühungen der vergangenen Jahrzehnte, den Lebensstandard in den indigenen Gemeinden zu heben, klafft weiterhin ein Lücke im Lebensstandard zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung. Drogen, Alkohol und Gewalt sind Probleme in vielen Gemeinden.

Darryl und Ivor Burns sind Brüder der 62-jährigen Gloria Burns. Die Sozialarbeiterin wurde am Sonntag erstochen, als sie anderen Opfern zu Hilfe eilte. „Sie starb, als sie helfen wollte“, sagt Darryl Burns. Auch die Brüder Burns führen die Tat auf Drogen- und Alkoholmissbrauch zurück und sprechen davon, dass die mutmaßlichen Täter in einem „Zyklus von Trauma und Dysfunktion“ gefangen gewesen seien.

Unter dem Stichwort „intergenerational trauma“ werden die Wunden verstanden, die durch Kolonialismus und das Schulsystem der Residential Schools den indigenen Völkern zugefügt wurde. Indigene Kinder mussten diese staatlichen Residential Schools, die oft fern ihrer Gemeinden und Reservationen lagen, bis in die 1960er Jahre besuchen. In den Schulen, die meist von Kirchen geführt wurden, durften Kinder ihre indigenen Sprachen nicht sprechen, fern ihrer Familien wurde ihre Identität und Kultur zerstört.

Dies richtete über nahezu ein Jahrhundert tiefreichende Schäden in indigenen Gemeinden an, die als eine der anhaltenden Ursachen heutiger Probleme gesehen werden. Die Entdeckung von Gräbern indigener Kinder im Umfeld von Residential Schools im Frühjahr 2021 und die Reise von Papst Franziskus nach Kanada im Juli, bei der er sich für das Unrecht entschuldigte, das Angehörige der katholischen Kirche den indigenen Völkern angetan hatten, hatte das dunkle Kapitel der Residential Schools wieder weitweit in die Schlagzeilen gebracht.

Ken Coates, Direktor des Programms für Indigene Angelegenheiten am Macdonald-Laurier-Institut in Ottawa, warnt allerdings davor, die Tat in der James Smith First Nation als Beleg für „Dysfunktionalität“ indigener Gemeinden zu sehen. Es habe in den vergangenen Jahren mehrere Massentötungen gegeben – etwa in Portapique in der Provinz Nova Scotia. Solche Taten hätten nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit einer Gemeinde zu tun.

Coates hatte erst vor zwei Wochen mit Studierenden die Gemeinde James Smith besucht. Er sagt, James Smith kämpfe wie viele andere indigene Gemeinden mit dem Erbe von Kolonialisierung und sozioökonomischen Nachteilen, sie sei aber auch eine resiliente Gemeinde, die entschlossen sei, sich zu erneuern – auch kulturell. Sie habe eine von ihr geführte Schule und arbeite daran, durch wirtschaftliche Aktivitäten den „demoralisierenden Zyklus der Abhängigkeit vom Wohlfahrtssystem“ zu brechen. Jetzt jedoch benötige die Gemeinde Unterstützung, um das Trauma dieser Tat bewältigen zu können.

Noch immer sucht die Polizei nach Hinweisen für ein Motiv. afp
Noch immer sucht die Polizei nach Hinweisen für ein Motiv. afp © afp

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